Abendblatt-Serie

100 Fragen des Lebens: Ist Unsterblichkeit erstrebenswert?

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Prof. Philipp Osten und Prof. Dr. Ingrid Schneider: Die Uhr weist auf die Endlichkeit des Lebens.

Prof. Philipp Osten und Prof. Dr. Ingrid Schneider: Die Uhr weist auf die Endlichkeit des Lebens.

Foto: Thorsten Ahlf

Letzter Teil der Serie "Die 100 Fragen des Lebens". Wie Menschen immer älter werden und welche Nachteile es hätte, für immer zu leben.

Unsterblichkeit ist ein Traum, der Menschen seit vielen Jahrhunderten bewegt. Zurzeit wird intensiv daran geforscht, wie das Leben ein ganzes Stück verlängert werden könnte. Aber wäre ein unendliches Leben wirklich noch so spannend? Und gäbe es genügend Wandel in der Gesellschaft, wenn Menschen für immer lebten? Was ist mit Unsterblichkeit überhaupt gemeint? Die Politologin Prof. Ingrid Schneider und der Medizinhistoriker Prof. Philipp Osten geben Antworten.

Der Tod lässt sich nicht überlisten, heißt es – bisher jedenfalls nicht. Wäre das denn erstrebenswert?

Prof. Ingrid Schneider: Der Traum, das Leben auf ewig zu verlängern, ist ein ganz alter. Er wird schon in der Antike beschrieben. Ich finde ihn für mich selbst nicht erstrebenswert. Früher galt die Unsterblichkeit im Jenseits als Ziel, in unserer säkularisierten Gesellschaft möchte man diese Unsterblichkeit schon im Diesseits erreichen. Da wird an die Medizin eine säkulare Heilserwartung gerichtet.

In der Tat gibt es viele Forschungsansätze, die verheißen, dass wir uns der Unsterblichkeit mit medizinischen oder technischen Möglichkeiten nähern könnten.

Schneider: Gerade im Silicon Valley werden Start-ups und Biotechnologie-Unternehmen gegründet wie beispielsweise die Google-Tochter Calico, die die Sterblichkeit bekämpfen möchten. Die Ansätze sind sehr unterschiedlich. Bei Mäusen hat man etwa festgestellt, dass sie verjüngt werden, wenn man ihnen das Blut junger Mäusen transferiert. Das hat man auch bei Menschen probiert. In den USA kann man 1,5 Liter Blutplasma von Teenagern kaufen, das man Menschen ab 35 Jahren infundiert. Dafür werden 8000 Euro und mehr bezahlt.

Und hilft es?

Schneider: Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA hat im vergangenen Jahr gewarnt, dass das Quacksalberei ist – jedenfalls nicht hilft und vielleicht sogar Schaden anrichtet, weil man sich infizieren kann. Eine andere Forschungsrichtung diskutiert Medikamente, denen man zuspricht, dass sie lebensverlängernd wirken – etwa Antioxidanzien. In der Informationstechnologie gibt es die Idee, sein Bewusstsein auf einen Computer zu übertragen, als eine Art „Mind-uploading“. Physisch würde man dann verfallen, aber das Gedächtnis und das Subjekt blieben im Computer erhalten. Da stellt sich die Frage: Ist das dann noch ein Mensch? Seit vielen Jahren gibt es das Angebot der Kryonik, entweder den Kopf oder den ganzen Menschen zu konservieren, indem man ihn mit speziellen Verfahren einfriert. Dafür muss man sehr geplant sterben; bisher gibt es keine Auferweckungstechnologie. Das ist also eine Wette auf die Zukunft. Man kann auch über Cyborgs sprechen, also Mensch-Maschine-Zwitter. Dann sind da Klontechniken – verbunden mit der Vorstellung, man könne sich selbst vervielfältigen und jünger wiedergeboren werden. Kurzum: Es gibt viele Verfahren, mit denen man versucht, das Leben zu verlängern oder sogar der Unsterblichkeit näherzukommen.

Dabei strebt der Körper ja in dem Moment, in dem er geboren wird, medizinisch gesehen dem Tode zu.

Prof. Philipp Osten: Ja. Auch in der Philosophie herrscht eine von Martin Heidegger begründete philosophische Richtung vor, die sich so zusammenfassen lässt: Alles Sein ist Sein zum Tode. Die Frage ist, wie sich der Mensch dazu stellt. Wer nicht an ein Leben nach dem Tod glaubt, hat nur die Möglichkeit, sein irdisches Leben zu verlängern. Die vielen Forschungsansätze, die Ingrid Schneider eben geschildert hat, belegen, wie erstrebenswert die Verlängerung des irdischen Lebens für viele Menschen ist.

Wohingegen man früher eher um die Unsterblichkeit der Seele bemüht war.

Osten: Um 1800 fühlten sich Wissenschaftler sehr nah daran, die Unsterblichkeit zu ergründen. Schlaf und Tod, so verkündeten Schelling und Herder und mit ihnen viele Vertreter der Weimarer Klassik, seien Analogien. Wie im Tod sei der schlafende Mensch in seiner Seele aufgehoben. Mediziner, Theologen und Philosophen versetzten überwiegend Frauen in einen Zustand, den sie Somnambulismus nannten, und befragten sie. Davon erhofften sich Philosophen Zugang zu höherer Erkenntnis und Mediziner Auskunft über die Ursachen von Krankheiten.

Der Gedanke, Schlaf und Tod seien ein und dasselbe, war im Volksglauben fest verankert. Mit dem Tod durch den allnächtlichen Schlaf gut vertraut zu sein, war auch eine tröstliche Vorstellung. Die Zeile „morgen früh, so Gott will, wirst Du wieder geweckt“ aus dem Kinderlied „Guten Abend, gut’ Nacht“ erinnert daran.

Die Unsterblichkeit der Seele ist vor allem ein religiöses Motiv, wobei sich die Einstellung im Verlauf der Jahrhunderte sehr gewandelt hat, oder?

Osten: Mit dem Beginn der Aufklärung vor etwa 250 Jahren wurde die Theologie von der Philosophie als Leitwissenschaft abgelöst; sie bliebt es bis etwa 1850. Seitdem geben Naturwissenschaften und Medizin die Richtung vor. Die Seele, das war die Konsequenz aus den vielen Experimenten mit Somnambulen, lässt sich nicht vermessen. Darum ist die Medizin allmählich davon abgekommen, Antworten auf philosophische und theologische Fragen zu suchen.

Schneider: Im Hinduismus gibt es die Vorstellung von der Reinkarnation, also dass ich in anderen Körpern – auch möglicherweise in Tieren und Pflanzen – wiedergeboren werde. Im Buddhismus wird stärker die Auflösung ins Nichts, ins Nirwana, betont, das die Befreiung vom Lebenskreislauf bedeutet. In den christlichen Kirchen gab es im Mittelalter einen langen scholastischen Streit darüber, ob man am jüngsten Tag als Seele gewissermaßen virtuell aufersteht oder der Körper selbst ins Leben zurückkehrt. Da ging es auch darum, welches Alter man denn im Jenseits haben werde. In der Philosophie wird dies als Leib-Seele-Dualismus abgehandelt.

Osten: Es spielt auch heute noch bei Transplantationen, Amputationen und Bestattungsriten eine Rolle. Im Judentum beispielsweise muss der Körper komplett bestattet werden.

Schneider: Dieses Thema klingt auch bei Kopftransplantationen an. Wenn etwa ein Körper den durch Kryotechnik konservierten Kopf eines Gelähmten erhielte, wer ist dann Subjekt? Derjenige, der den Kopf oder den Körper bereitgestellt hat?

Gibt es tatsächlich Kopftransplantationen?

Schneider: Es gibt seit einigen Jahrzehnten Ankündigungen und Versuche. Eine ähnliche Frage stellt sich, wenn ich das Bewusstsein in einen Computer transferiere: Ist das dann ein Mensch? Muss der nicht einen Körper haben? Kann ich mit ihm verheiratet sein?

Wir sind weit davon entfernt, körperlich unsterblich zu sein, aber im Vergleich zu früheren Generationen leben wir fast schon ewig, oder?

Schneider: Im Vergleich zu vor 150 Jahren hat sich unsere Lebenserwartung mehr als verdoppelt. Männer werden bei uns im Schnitt 79, Frauen 84 Jahre alt. Um 1850 waren es 40 Jahre. Insofern haben wir unheimlich viel Lebenszeit dazugewonnen.

Osten: Verantwortlich für die rasant gestiegene Lebenserwartung war aber nicht die bessere medizinische Versorgung älterer Menschen, sondern der enorme Rückgang der Säuglings- und Kindersterblichkeit. Um 1800 starb jedes zweite Kind vor dem fünften Geburtstag. Dann trug die Pockenimpfung sehr zur Verlängerung der Lebenserwartung bei. Den Durchbruch aber brachten vor 100 Jahren Mutterschutz und eine bessere Milchhygiene. Zwischen 1919 und 1925 halbierte sich in Deutschland die Säuglingssterblichkeit. Die Jugendfürsorge war eine der größten Errungenschaften der Weimarer Republik und wichtigste Voraussetzung für das Steigen der Lebenserwartung.

Schneider: Auch eine verbesserte Ernährung, saubereres Trinkwasser und sanitäre Anlagen sowie ein höherer Lebensstandard trugen zur höheren Lebenserwartung bei. Und natürlich die Fortschritte in der Medizin, die uns Impfstoffe und Antibiotika bescherten.

Das gilt allerdings nicht für alle gleichermaßen.

Schneider: Wenn man reich ist, lebt man auch hierzulande zehn Jahre länger. Und es sind im Schnitt gesündere Jahre. Gesundheit und Lebenserwartung sind stark mit sozialer Ungleichheit verbunden – auch international gesehen. In Ländern wie dem Tschad haben wir heute noch eine Lebenserwartung von nur 53 Jahren. Von den sieben Milliarden Menschen auf der Erde haben fünf Milliarden ein Mobiltelefon, aber nur drei Milliarden Toiletten mit guten sanitären Bedingungen – und zwei Milliarden überhaupt kein sauberes Trinkwasser. Bei uns hingegen leben wir in einem Zeitalter der Selbstoptimierung. Die Menschen versuchen, sich gesund zu erhalten, möglichst viel zu erleben, Erfahrungen zu machen, noch mehr zu reisen. Da müssen wir uns die Frage stellen, wie die Ressourcen verteilt sind.

Osten: Andererseits steht es der Medizin nicht zu, Patienten aus wirtschaftlichen Gründen die Verlängerung ihres Lebens zu verwehren. Die Vorstellung, dass gerade ein langes Leben ein gutes Leben sei, wurde vor 200 Jahren vom Leibarzt des preußischen Königs propagiert. Christoph Wilhelm Hufeland pries in seinem Buch „Makrobiotik, oder Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern“ Fleiß, Enthaltsamkeit und ausgewogene Ernährung. Und er warnte vor größeren Gemütsbewegungen. Sein Gesundheitsbuch voller preußischer Tugenden wurde ein Bestseller. Aber es gab auch Spott: Der Dichter Novalis bezeichnete die Anhänger von Hufelands Ma­krobiotik als Langweiler.

Also das Gegenteil von „Live fast, die young“. Gibt seine Begrenztheit dem Leben die Qualität? Und wenn alle Menschen unsterblich wären, wäre es nicht nur sehr voll auf der Erde, sondern auch Wandel wäre schwieriger möglich, oder?

Schneider: Wenn wir alle 100 oder 150 Jahre alt würden, lebten wir noch stärker in einer Gerontokratie als heute. Die Fähigkeit, immer wieder neu anzufangen, enthusiastisch und frisch zu sein und daran zu glauben, dass man die Welt verbessern kann, ist der Jugend stärker gegeben als den Alten. Mich hat als Jugendliche Simone de Beauvoirs Buch „Alle Menschen sind sterblich“ sehr bewegt. Es handelt von einem Mann und einer Maus, die unsterblich werden. Der Mann erlebt über mehrere Jahrhunderte, wie sich die Welt verändert, die Menschen immer wieder daran glauben, jetzt ein besseres Leben erreicht, ein besseres Regierungssystem gefunden zu haben. Er selbst wird immer gleichgültiger, denn er kann den Enthusiasmus nicht mehr teilen, weil er schon weiß, dass es ein andauerndes Spiel von Erfolgen und Rückschlägen wird. Er hat zunehmend Angst vor der eigenen Unsterblichkeit, weil er befürchtet, dass die Welt irgendwann wüst und leer sein wird und das Einzige, was bleibt, die Maus und er sein werden. Das bringt die Botschaft auf den Punkt: Das Leben hat nur durch die Endlichkeit Sinn. Leidenschaft kann man nur entwickeln, wenn es nicht unendlich möglich ist, neue Dinge auszuprobieren. Manches erhält für uns einen besonderen Wert, weil wir nicht wissen, ob wir es noch einmal erleben können. Könnten wir es auf in 200 Jahren verschieben, wäre das anders.

Dann stimmt also der Satz, der Goethe zugeschrieben wird: „Der Tod ist der Kunstgriff der Natur, viel Leben zu haben?“

Osten: Das Glück, Geburten erleben zu können, führt zu der Einsicht in die Notwendigkeit des Sterbens. Bei Goethe hat sich die Einstellung zum Tod – wie bei vielen – mit dem Lebensalter gewandelt. In der Jugend glauben wenige Menschen daran, dass die Seele ewig ist. Je näher das Ende rückt, umso größer wird die Neigung, sich der Vorstellung von der Unsterblichkeit der Seele hinzugeben. In den meisten literarischen Werken droht unsterblich gewordenen Personen eine düstere Zukunft.

Die Experten:

Prof. Dr. Ingrid Schneider ist Politikwissenschaftlerin am Fachbereich Informatik der Universität Hamburg und befasst sich mit Fragen der Ethik in der Informationstechnologie. Zuvor hat sie sich fast 20 Jahre lang in einer interdisziplinären Forschungseinrichtung der Uni mit Technikfolgenabschätzung in der Medizin beschäftigt – insbesondere in der Biomedizin, in der auch Themen wie Klonen und Stammzellenforschung eine Rolle spielen.

Prof. Dr. Philipp Osten leitet am UKE das Institut für Geschichte und Ethik der Medizin und das Medizinhistorische Museum. Seine aktuellen Forschungsthemen sind die Patientengeschichte, das Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit, Medizin im Nationalsozialismus und die Geschichte des Schlafs.