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Was passiert eigentlich auf Wolke 7?

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Jeden Sonnabend im Abendblatt: Die 100 großen Fragen des Lebens. Heute sprechen ein Meteorologe und eine Hormonexpertin über himmlisches Verliebtsein und eine unspektakuläre Schichtwolke

Wolke 7 ist kein Rätsel mehr. Meteorologen haben es genauso gelöst wie Experten für Hormone. Während der „Hamburger Wolkenatlas“ im 19. Jahrhundert Ordnung in die Formationen brachte, wissen Neuroendokrinologen: Am Anfang des Verliebtseins steht das Glückshormon Dopamin. Es verfügt über die Eigenschaft, ein Paar unmittelbar auf Wolke 7 zu katapultieren. Sarah Holtfrerich, Doktorandin im Fachbereich Biologie, und Professor Stefan Bühler, Geschäftsführender Direktor des Meteorologischen Instituts der Universität Hamburg, über himmlische Hormone und die Stratuswolke 7 in Zeiten des Klimawandels.

Frau Holtfrerich, wann waren Sie zuletzt auf Wolke 7?

Sarah Holtfrerich: Als ich meinen Freund kennengelernt habe.

Hält das Gefühl, auf Wolke 7 zu sein, noch an? Oder sind Sie nicht mehr mit Ihrem Freund zusammen?

Holtfrerich: Wir sind noch zusammen! Wir unterscheiden in der Neuroendokrinologie, der Wissenschaft von Hormonen und Nerven, zwischen Verliebtsein und Liebe. Es gibt das Oxytocin. Dieses Hormon sorgt für stete Liebe zwischen Mutter und Kind und für stabile Gefühle in Paarbeziehungen, also für Treue.

Es wird auch Kuschelhormon genannt.

Holtfrerich: Oder Treue-Hormon, Moral-Molekül. Und dann gibt es noch das Glückshormon Dopamin, es spielt vor allem beim anfänglichen Verliebtsein eine große Rolle.

Haben Sie nach mehrjähriger Paarbeziehung jetzt weniger Dopamin und dafür mehr Kuschelhormon?

Holtfrerich: Dopamin hat man prinzipiell nicht mehr so stark, wenn man nach der Phase des Verliebtseins in einer stetigen Partnerschaft lebt. Es sei denn, man hat sich als Paar über eine längere Zeit nicht gesehen. Dann geht der Dopaminspiegel hoch, wenn man wieder aufeinandertrifft.

Also löst der siebte Himmel Wolke 7 ab?

Holtfrerich: Genauso ist das.

Verfügen Menschen, die ihre Beziehungen häufiger wechseln, über weniger Kuschelhormone?

Holtfrerich: Das weiß ich nicht. Es gibt aber Menschen, die sich ständig verlieben und verlieben wollen. Das ist vielleicht wie beim Drogenkonsum, um einen Dopamin-Schub zu bekommen. Häufig reichen schon ein paar Sonnenstunden, um wieder glücklich zu sein.

Frage an den Meteorologen: Welchen Einfluss haben Licht und Dunkel auf die Hormone?

Bühler: Das ist kein Thema, mit dem sich Meteorologen beschäftigen. Licht hat natürlich einen starken Einfluss auf den Tagesrhythmus und die Aktivität. Ich habe mal nördlich des Polarkreises gelebt, in Nordschweden, wo es monatelang im Winter dunkel ist. Da ist es so, dass man sehr viel weniger Energie hat. Das morgendliche Sonnenlicht fehlt.

Gibt es in der Meteorologie eine Wolke 7?

Bühler: Wir Meteorologen haben Namen für die Wolken, für die „Haufenwolke“ Cumulus genauso wie für die „Regenschichtwolke“ Nimbostratus. Neben Buchstabenkürzeln gibt es tatsächlich auch Nummern, die wir aber nicht im Alltag benutzen.

Und welche Wolke ist Nummer 7?

Bühler: Eine langweilige Wolke, eine Stratuswolke, das ist eine niedrige Schichtwolke. Das sind solche Wolken, wenn es in Hamburg nicht hell wird, man die Sonne nicht sieht und alles nur grau ist.

Wie hoch sind solche Stratuswolken?

Bühler: Nur wenige Kilometer. Sie gehören zu den niedrigsten Wolken. Im Übrigen beschreiben die Briten das Glücksgefühl, auf Wolke 7 zu sein, mit „auf Wolke 9“ sein. Das macht meteorologisch Sinn: Cloud 9 ist eine Gewitterwolke. Sie gehört zu den höchsten und eindrucksvollsten Wolken überhaupt. Nur wenn man darauf, aber nicht darunter ist, hat man Glücksgefühle (lacht).

Wie hoch ist Wolke 9?

Bühler: In unseren Breiten ungefähr zehn Kilometer, in den Tropen bis zu 16 Kilometer.

Woher kommt der Namen Wolke 7?

Bühler: Er kommt nicht aus der Meteorologie, sondern meines Wissens aus der Religion. Die Zahl 7 hat symbolische, heilige Bedeutung.

Holtfrerich: Ich persönlich verstehe den Namen Wolke 7 als einen Ausdruck von Glücksgefühlen und des Verliebtseins.

Wie hat die Meteorologie Ordnung in die vielen Wolkentypen gebracht?

Bühler: Die Idee der Einteilung von Wolken ist Anfang des 19. Jahrhunderts vom Briten Luke Howard entwickelt worden, dem Begründer der modernen Wolkenkunde. Diese Einteilung haben wir im Prinzip heute noch. Die Erstausgabe des Internationalen Wolkenatlas erschien übrigens in Hamburg. Er wurde 1890 herausgegeben von Hugo Hildebrand Hildebrandsson, Wladimir Köppen und Georg von Neumayer. Köppen leitete damals den Seewetterdienst in Hamburg. Er interessierte sich nicht nur für Wolken, sondern war auch sonst ein Pionier der Klimaforschung.

Haben Sie einen originalen Wolkenatlas aus dieser Zeit in Ihrer Bibliothek?

Bühler: Wir direkt nicht, aber die zentrale Staats- und Universitätsbibliothek und das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie haben jeweils einen. Ich hätte sehr gern ein solches Exemplar. Falls einer der Leser das Buch hat, darf er sich gern beim Meteorologischen Institut der Uni Hamburg melden.

Welche Hormone sind notwendig, damit Menschen nicht nur auf Wolke 7 sind, sondern sich wohlfühlen können?

Holtfrerich: Insulin zum Beispiel. Der Mensch braucht auch Botenstoffe, um zu funktionieren. Wer an einer Depression leidet, kann einen Mangel des Glückshormons Serotonin haben. In der Phase des Verliebtseins gibt es übrigens auch einen Mangel an Serotonin, der Spiegel sinkt. Verliebtsein erinnert in dieser Phase an eine Zwangserkrankung. Man ist so fixiert auf den Partner, dass man immer bei ihm oder bei ihr sein will.

Überlebenswichtig ist auch das Kuschelhormon?

Holtfrerich: In einer ähnlichen Struktur kommt es bei fast allen Wirbeltierklassen vor. Oxytocin ist wichtig für den Art-erhalt. Es wäre schlimm, wenn eine Säugetiermutter nach der Geburt ihr Junges ignoriert. Das wäre evolutionsbiologisch eine Katastrophe.

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Tag und Nacht, von Wetterereignissen auf die menschlichen Hormone?

Holtfrerich: Es gibt Hormone, die vermehrt in der Dunkelheit ausgeschüttet werden und müde machen wie das Melatonin.

Wer von einem Kontinent zum nächsten fliegt, hat Jetlag. Helfen da Hormonpräparate mit Melatonin?

Holtfrerich: Ich bin keine Medizinerin. Das müsste jeder selbst entscheiden oder ein Arzt, Endokrinologe, begleiten.

Kann man mit Drogen auf Wolke 7 gelangen?

Holtfrerich: Es gibt Drogen, die sich positiv auf den Haushalt des Glückshormon Dopamin auswirken.

Was ist Dopamin genau?

Holtfrerich: Das ist ein ganz wichtiger Neurotransmitter, der im Belohnungssystem des Gehirns wirkt. Dopamin motiviert, aktiviert und belohnt. Bei Drogeneinnahme wird der Dopamin-Haushalt komplett freigegeben, das macht die Konsumenten euphorisch. Um das immer wieder neu zu erreichen, muss die Dosis gesteigert werden. Beim Verliebtsein ist das ähnlich. Man braucht immer mehr Dosis von seinem Partner, um auf Wolke 7 zu kommen. Oxytocin, das Kuschelhormon, wird ebenfalls mit gewissen Drogen konsumiert. Es unterstützt das Gefühl, andere Menschen gern zu haben.

Sollte Donald Trump auch das Kuschelhormon verabreicht bekommen?

Holtfrerich: Oxytocin macht nicht nur glücklich und verliebt. Es macht auch protektiv nach außen.

Dann braucht er das wohl gerade nicht. Er verfolgt auch ohne Oxytocin Protektionismus.

Holtfrerich: Sein „America first“ ist ihm eben lieb und teuer.

Oxytocin wird beim Kuscheln ausgeschüttelt. Auch zwischen Mensch und Haustier?

Holtfrerich: Hunde kommen auch auf Wolke 7, wenn Herrchen oder Frauchen sie streicheln. Das hat jetzt eine Studie ergeben. Schon wenn Herrchen und Frauchen dem Hund in die Augen schauen, wird Oxytocin ausgeschüttet. Und zwar bei Mensch und Tier. Ich selbst habe eine Hündin und denke manchmal, dass sie ziemlich verliebt in mich ist.

Wie viele Wolken braucht es für Wissenschaftler und ihre Arbeit, damit sie eine ideale, produktive Betriebstemperatur haben? Bei 40 Grad geht doch nicht viel!

Bühler: Das weiß ich nicht. Ich finde es nicht so gut, die ganze Uni auf 20 Grad zu temperieren, damit wir einen höheren Wissenschafts-Output haben.

Wie erforschen Sie selbst Wolke 7 & Co.?

Bühler: Wir wollen Wolken im Klimasystem verstehen. Wenn es die Wolken nicht gäbe, wären die Klimaprognosen einfacher zu machen. Die Wolken sind der Aspekt, den wir am wenigsten bei den Modellierungen im Griff haben. Wir nutzen als Werkzeuge Satellitendaten, vermessen die Wolken und vergleichen die Ergebnisse in den Datenbanken mit vergangenen Jahren.

Wie hat sich Häufigkeit und Intensität von Wolke 7 verändern?

Bühler: Der Wolkentyp hat sich nicht signifikant verändert. Interessanter für das Klima sind die flachen Haufenwolken, die riesige Bereiche der tropischen Ozeane bedecken. Eine Frage ist zum Beispiel, ob diese Wolken durch globale Erwärmung zu- oder abnehmen.

Welche Nummer trägt die flache Haufenwolke?

Bühler: Früher war die Haufenwolke Nummer 7. Heute Nummer 8.

Wie werden sich die Wolkenformationen durch Klimawandel ändern?

Bühler: Wenn wir das wüssten, könnten wir unsere Klimaprognosen deutlich verbessern.

Gibt es Wolke 7 in 100 Jahren noch?

Bühler: Sie wird in jedem Fall da sein. Es geht nur um kleine statistische Verschiebungen. In einer wärmeren Welt werden alle Wolken ein bisschen höher sein. Die Temperatur auf Wolke 7 bleibt aber gleich. In einer wärmeren Welt wird zwar alles wärmer. Aber die Wolken wärmen sich nicht mit auf, sie steigen nur höher, wo es kälter ist.

Mögen Sie Wolken?

Holtfrerich: Ich bin gebürtige Hamburgerin und mag Wolken ganz gerne, Schäfchenwolken am blauen Himmel am liebsten.

Bühler: Meine Lieblingswolken sind Eiswolken. Ich beschäftige mich als Wissenschaftler mit ihnen. Das sind hohe, federartige Wolken.

Was können sie?

Bühler: Sie sind schön! Sie bestehen aus Eisteilchen und sind überall auf der Welt zu Hause. Wir vermuten, dass sie einen wichtigen Einfluss auf die Zirkulation der Atmosphäre und auf das Klima haben. Da gibt es noch viel zu erforschen.

Zurück zum Glück auf Wolke 7: Was braucht ein Paar zum Verliebtsein?

Holtfrerich: Das ist individuell verschieden. Es braucht dafür nicht nur Hormone. Man muss sich auch riechen können, miteinander vertraut sein und gemeinsame ethische Vorstellungen teilen.

Wenn jemand verliebt ist und die Liebe wird nicht erwidert, hilft dann eine Dosis Oxytocin?

Holtfrerich: Vielleicht. Bei Präriewühlmäusen wurde das Hormon ins Gehirn gespritzt. Und es passierte tatsächlich: Sie suchten sich den nächstbesten Partner aus.

Wo auf der Welt sind Sie Wolke 7, also dem persönlichen Glück, am nächsten?

Bühler: Das ist eine Frage des individuellen Geschmacks. Ich persönlich finde es sehr schön hier in Hamburg.

Holtfrerich: Ich mag Hamburg und Skandinavien. Hier kann man gut auf Wolke 7 sein.