Abendblatt-Serie

100 Fragen des Lebens: Muss man die Digitalisierung stoppen?

Heute sprechen Wissenschaftlerinnen über Befürchtungen, dass Menschen den Anschluss an moderne Gesellschaft verlieren.

Hamburg. Das Handy ist längst nicht mehr nur Telefon, sondern Multimediagerät, Berater und Tor zum Internet. Roboter erobern die Industrie. Künstliche Intelligenz sei der Schlüssel zu Innovationen, sagte kürzlich Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Alles Beispiele dafür, wie die Digitalisierung unsere Gesellschaft durchdringt. Die Schnelligkeit der Entwicklung überfordert allerdings viele Menschen, wie Umfragen zeigen. Kerstin Mayrberger und Ingrid Schirmer von der Universität Hamburg plädieren für eine bessere Aufklärung und mehr Debatten über die Digitalisierung. Hamburg könnte dabei eine führende Rolle übernehmen

Viele Deutsche blicken mit Sorge auf die Digitalisierung. Verstehen Sie das?

Ingrid Schirmer: Ja. Es gibt fundamentale Veränderungen, die überall sichtbar sind, in unserem gesellschaftlichen Miteinander, in der Kommunikation und in der Arbeitswelt. In rasantem Tempo führen wir immer mehr Informationstechnologie ein, automatisieren dabei Abläufe, verlagern Dienstleistungen ins Internet. Wir lassen zu, dass überall Daten gesammelt werden, mit Sensoren am Körper, in Autos, Smartphones und Haushaltsgeräten. Allein die Menge, Geschwindigkeit und Komplexität der Veränderungen kann verunsichern. Viele Menschen überschauen kaum, wohin die Reise geht und was alles möglich ist.

Kerstin Mayrberger: Und diese Verunsicherung ist keine Frage des Alters. Es gibt breite Bevölkerungsschichten, die mit Veränderungen größere Schwierigkeiten haben als andere, die sich auf Neuerungen schneller einstellen. Wir brauchen aber viele Menschen, die den Prozess der Digitalisierung mitgestalten. Unsere Gesellschaft kann es sich nicht leisten, einen Teil abzuhängen. Deshalb müssen wir die besorgten Menschen in die Lage versetzen, sich passend weiterbilden zu können.

Einer Studie zufolge fühlt sich jeder Dritte in Deutschland nicht für die Digitalisierung gerüstet. 38 Prozent der Bevölkerung sind wenig oder überhaupt nicht daran interessiert, ihr Wissen über Computer und das Internet zu vertiefen. Wie kommt das, wo doch so viele Deutsche seit vielen Jahren mit Computern arbeiten?

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Mayrberger: Noch ist die Digitalisierung nicht bei allen Menschen so massiv im Alltag angekommen, dass sie sich von alten Mustern lösen mussten. Nehmen wir das Bahnfahren: Noch kann man das Ticket am Schalter kaufen. Immer mehr Menschen nutzen für die Buchung aber eine Smartphone-App. An dieser Stelle nimmt die Dringlichkeit zu, sich mit der Digitalisierung zu beschäftigen. Dabei wird es nicht bleiben: Immer mehr Praktiken stützen sich auf die Digitalisierung.

Schirmer: Mit Computern arbeiten wir zwar schon seit Jahrzehnten. Digitalisierung meint aber viel mehr. Zunächst entstand das Internet. Dadurch sind immer mehr Computer vernetzt und Informationen verfügbar geworden. Hinzu kam das sogenannte Web 2.0: Immer mehr Internetnutzer stellen eigene Texte, Fotos und Videos online. Dadurch sind soziale Medien entstanden. Die jüngste Entwicklung ist das mobile Web: Durch Smartphones haben wir fast überall Zugang zum Internet und kommunizieren noch mehr über Online-Kanäle. Neben diesen Entwicklungen gibt es eine weitere große Linie: Viele Ergebnisse aus jahrzehntelanger Forschung in der Informatik werden nun – auch auf Basis heute verfügbarer Rechen- und Speicherkapazitäten – auf einmal anwendungsreif: etwa künstliche Intelligenz und das Internet der Dinge. Die in allen genannten Bereichen entstehenden Daten werden mit intelligenten Analyseverfahren ausgewertet und führen zu ganz neuen Entscheidungs- und Steuerungsszenarien.

Sie haben die Verunsicherung vieler Menschen angesprochen. Müssen wir die Digitalisierung nicht stoppen oder sogar rückgängig machen?

Schirmer: Das ist völlig ausgeschlossen und nicht im Ernst erstrebenswert. Informationstechnologie durchdringt längst unseren Alltag und unsere Arbeitswelt. Unsere Unternehmen würden nicht mehr funktionieren, jede Bestellung, jede Fertigung, alles würde stehen bleiben. Ohne intelligente Verkehrsführung kommen wir auch nicht mehr durch unsere Ballungsgebiete. Neue medizinische Verfahren retten Leben und helfen bei Behinderungen. Wetterprognosen werden immer genauer. Und auch unsere faszinierenden Möglichkeiten der Kommunikation und des Wissenserwerbs würden daniederliegen. Wir müssen den Realitäten ins Auge sehen. Es ist eine globale Entwicklung, und wir hinken schon hinterher. An der Spitze der wertvollsten börsennotierten Unternehmen weltweit stehen ausschließlich riesige Digitalkonzerne aus den USA und zunehmend China. Deutschland bzw. Europa muss seine Innovationsfähigkeit unter Beweis stellen. Denn nur wer mitgestaltet, kann auf die zukünftige Entwicklung Einfluss nehmen.

Mayrberger: Es gibt auch Missverständnisse, durch die unnötige Ängste entstehen. Nehmen wir die seit Jahren schwelende Debatte über den Einsatz digitaler Medien im Unterricht in Schule wie Hochschule. Kritiker befürchten, die Digitalisierung werde den Lehrer überflüssig machen. Dabei ist das gar nicht sinnvoll. Gerade Lehrende müssen häufig mit unplanbaren Situationen umgehen. Das können Computer und Programme nicht komplett leisten. Computer eignen sich vielmehr für standardisierte Abläufe, aber weniger für komplexe Lernsituationen wie Projektarbeit. Digitale Medien helfen Lehrenden an bestimmten Stellen und erweitern Lernmöglichkeiten.

Helfen sollen uns die meisten Algorithmen, also Rechenanweisungen. Das birgt aber auch Risiken: Durch softwaregestützte automatisierte Verfahren könnten viele Jobs wegfallen.

Schirmer: Schon heute ersetzen Algorithmen den Menschen an vielen Stellen. Diese Entwicklung und die damit verbundenen Probleme für die Betroffenen müssen wir sehr ernst nehmen. Denn ob anstelle der verlorenen Jobs neue Arbeitsplätze und Berufsfelder entstehen werden, ist offen. Aktuelle Prognosen schwanken zwischen einem Wegfall von zehn bis 50 Prozent der Arbeitsplätze auf der einen Seite und dem Bedarf an neuen Arbeitskräften, insbesondere bei bereits weitreichend digita-lisierten Unternehmen, auf der anderen Seite. Allerdings gab es schon früher ähnliche Befürchtungen, die sich als unbegründet herausgestellt oder zu neuen Berufsfeldern geführt haben. In jedem Fall sehen viele, wie auch ich, einen deutlichen Bedarf an höher qualifizierten Arbeitskräften mit der Fähigkeit zu lebenslangem Lernen. Deshalb ist eine rasche Anpassung in der Aus- und Weiterbildung nötig. Für zukünftige Arbeitsplätze ist auch die Rolle des Menschen gegenüber autonom agierenden Systemen klug zu gestalten.

Selbst Programmierer können oft zumindest nicht mehr im Detail nachvollziehen, wie Algorithmen wirken. Besteht bei der Digitalisierung nicht die Gefahr, dass wir die Kontrolle verlieren und unmündig werden?

Mayrberger: Ja, diese Gefahr besteht, wenn wir uns dessen nicht bewusst werden und darum kümmern, dass es Angebote gibt, damit man das System durchblickt und ein Verständnis für Algorithmen bekommt. So wie einige Menschen vielleicht früher einen Computer aufgeschraubt haben, um ein Verständnis für die Bauteile zu bekommen, geht es jetzt darum, die nicht sichtbaren Prozesse zu verstehen. Es muss auch möglich sein, Erfahrungen mit digitaler Technik zu sammeln, bevor uns fertige Systeme vorgesetzt werden. Um die Schule als Beispiel zu nennen: Wir wollen doch wohl nicht, dass es irgendwann attraktive digitale Bildungspakete von Firmen gibt, die kostenlos zur Verfügung gestellt werden, bei denen wir aber nicht mehr nachvollziehen können, was genau Programme tun und was mit den Daten passiert.

Schirmer: Dem Umgang mit Daten müssen wir uns ebenfalls mehr widmen und wirksame gesetzliche Regelungen schaffen. Denn das ist eine Kehrseite der vielen Vorteile der Digitalisierung: Viele E-Mail- und Chat-Dienste beispielsweise, aber auch die Nutzung von Suchmaschinen wie Google und sozialen Netzwerken wie Facebook kosten uns zwar kein Geld, aber wir bezahlen mit der wertvollsten Währung, unseren Daten. Diese werden in einem großen Geflecht von Datenanalysefirmen zu individuell passender Werbung und Diensten verarbeitet. Die Gefahren der Manipulation und Überwachung sind hierbei nicht zu unterschätzen.

Welche Maßnahmen zur Aufklärung schlagen Sie vor?

Schirmer: Ich wünsche mir so etwas wie Digitalisierungsstraßen. Damit meine ich eine Art Campus mit einem großen zentralen Showroom, in dem Ausstellungen zu digitalen Technologien zu sehen sind und erklärt wird, wie die Digitalisierung unser Leben verändert. Hamburg ist ein fantastischer Ort für ein solches Forum. Dort ließe sich das Ziel verwirklichen, alle Hamburger mitzunehmen auf dem Weg in die digitale Gesellschaft. Dort könnten auch Unternehmen ausstellen und Vorträge stattfinden mit Diskussionen, zu denen man Experten aus aller Welt einlädt. Und es sollte Räume für Schulklassen geben. Dabei sind unbedingt auch Gefährdungslagen durch Sicherheitslücken und Angriffe auf unsere Demokratien durch Fake News und Social Bots – automatisierte Programme in sozialen Netzwerken – anzusprechen, denn wir leben im Digitalen nicht im Frieden. Bisher gibt es einen solchen Digital-Campus hierzulande höchstens in Ansätzen. Warum nicht zuerst bei uns in Hamburg?

Mayrberger: Es gibt in Hamburg schon eine Reihe von Aktivitäten, die für die Bürger noch bekannter werden sollten. Daher könnte ein Forum zum Ausprobieren, Informieren und Austauschen, wie wir es vorschlagen, eine Brücke schlagen, etwa zur Hamburg Open Online University, dem Projekt unserer sechs staatlichen Hochschulen, von dem jedermann in Hamburg profitieren kann. Aber auch in der Lehre für Studierende an der Universität Hamburg soll die Digitalisierung künftig eine größere Rolle spielen. Aktuell diskutieren wir über ein mögliches Angebot unter der Überschrift Digital Liberal Arts, also eine Art digitale Grundbildung für Studierende.

Schirmer: Dabei könnte es insbesondere um Datenkompetenz gehen. Hierzu haben wir uns mit 26 Professoren aus vier Fakultäten der Universität Hamburg zusammengetan und ein Konzept erarbeitet. Es sieht vor, dass im Rahmen des Studium generale Studierende aller Fachbereiche den verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Daten lernen.

Reichen die angesprochen Maßnahmen, um Hamburg fit zu machen für die Digitalisierung?

Schirmer: Nein. Was ich mir wünschen würde, ist ein stärkerer Überblick und eine gemeinsame Steuerung der verschiedenen Aktivitäten. Dafür sollte es eine eigene Digitalisierungsbehörde geben, die federführend mit den anderen Hamburger Behörden zusammenarbeitet, Ziele steckt und diese durch Bündelung der Kräfte zeitnah umsetzt. Ein Hamburger Expertenrat für Digitales, dem etwa Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und der Politik angehören, sollte dabei unterstützen.

Mayrberger: Zu einem solchen Expertenrat sollten selbstverständlich auch Bürger gehören, jüngere wie ältere Menschen. Sie könnten quasi als Botschafter das Wissen des Expertenrats und die Debatte über die Digitalisierung in ihre Nachbarschaft tragen.