100 Fragen des Lebens

Wann ist der Mensch gut?

Die 100 großen Fragen des Lebens. Teil 6: Das Gespräch mit Philosophin Birgit Recki und Sozialpsychologe Alexander Bodansky.

Hamburg. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es, hat Erich Kästner gesagt. Ob ein Mensch tatsächlich gut ist, entscheidet sich also immer im praktischen Handeln – oder? Über die Frage, ob und wann der Mensch wirklich gut ist, sprach das Abendblatt mit Birgit Recki, Professorin für Philosophie an der Universität Hamburg, und dem Sozialpsychologen und Uni-Dozenten Alexander Bodansky.

Ist US-Präsident Donald Trump mit seiner Strafzollpolitik ein guter Mensch?

Birgit Recki: Intuitiv geurteilt: definitiv nicht.

Aber er hat doch den „guten Willen“ im Sinne des Philosophen Immanuel Kant.

Recki: Es ist von außen immer schwer erkennbar, ob ein Mensch einen guten Willen hat. Bei Trump sind viele Handlungen so kontraproduktiv, destruktiv und katastrophal, dass ich es für möglich halte, dass er keinen guten Willen hat.

Trump hält aber seine Wahlversprechen, gerade gegenüber den Stahlarbeitern. Was sagt der Sozialpsychologe?

Alexander Bodansky: Er ist gut für seine eigene Gruppe, aber gegenüber Fremdgruppen und Außenstehenden nicht ganz so gut. Dementsprechend ist er gut nur für einen kleinen Teil der Menschheit.

Also steht Trump für beides – gut und schlecht?

Recki: Wir Menschen sind immer beides – gut und böse. Gut und böse sind nämlich keine substanziellen Eigenschaften, sondern Wertungsprädikate, die sich auf das Handeln beziehen. Die „Demarkationslinie“ verläuft an der Qualität des Handelns entlang mitten durch die Menschheit und durch jeden einzelnen Menschen hindurch.

Bodansky: Die Sozialpsychologie geht davon aus, dass Situationen einen starken Einfluss darauf haben, wie viele Freiheitsgrade ein Mensch in seinen Entscheidungen hat. Und damit, ob er gut oder böse handelt.

Was sind Kriterien für Gut und
Böse?

Recki: Nehmen wir noch einmal Trump. Er steht für einen erfolgsorientierten Ansatz, dessen ethischer Wert philosophisch umstritten ist. Das Kriterium ist hier der Nutzen oder Schaden einer Handlung. Es kann ja sein, dass der Chef eines großen Unternehmens findet, eine Spende für einen guten Zweck würde dessen Ansehen nutzen. Bei derart starkem Eigeninteresse würde man selbst bei gutem Effekt zögern, den Menschen im moralischen Sinne „gut“ zu finden.

Welche Kriterien gibt es noch?

Recki: Die klassische Gegenposition zu dieser Auffassung, die vom Effekt der Handlung auf die moralische Güte schließt, ist die Kantische Position: Es gibt überhaupt nichts, was schlechthin gut genannt zu werden verdient als allein der gute Wille.

Man muss seine Pflicht tun, sagt Kant.

Recki: Wobei der Ausdruck sperrig ja missverständlich ist, weil „Pflicht“, das ist ja das, was ich tun soll, als von außen, womöglich von oben oktroyiert gilt. Die Pointe bei Kant: Das Individuum muss aus eigener vernünftiger Einsicht zu seiner Auffassung von Pflicht kommen. Man kommt also an Vernunft, an Einsicht, am eigenen Urteil und an Freiheit nicht vorbei.

Möglicherweise hat die Kantische Position eine Interpretationsschwäche. Immerhin hat SS-Verbrecher Adolf Eichmann, der Hauptorganisator des Holocaust, sich auf den „guten Willen“ bei seinem Prozess in Jerusalem berufen.

Recki: Das ist keine spezifische Schwäche des Kantischen Ansatzes: Man kann jeden Begriff missbrauchen. Man kann Begriffe so rationalisieren, dass sie als Fassade für das eigene Tun taugen. Dadurch kann man sich durch den Gebrauch eines Begriffs besser darstellen, als man wirklich ist. Genau das hat Eichmann getan. Er vertritt die verkehrte Auffassung: Was der Führer verlangt, ist Pflicht.

Welche Rolle spielen Religionen und ihre Werte? Tragen sie zum Gutsein der Menschen bei?

Recki: Das ist eine empirische Frage. Im Blick auf die Geschichte fällt der Befund ambivalent aus. Es gibt große Akte der Menschenliebe und des Einsatzes für die Verbesserung der Welt im Zeichen von Religionen. Aber es gibt auch Kreuzzüge, Religionskriege, Inquisition, Ketzerverbrennung ...

Bodansky: Religion ist insofern spannend, weil sie sich immer auf eine Schrift, auf einen Ursprungstext beruft. Da gibt es viele Interpretationsmöglichkeiten. Ich meine: Aus den religiösen Texten lässt sich fast jede Handlung ableiten. Aber noch einmal zurück zu Eichmann: Er hatte nicht das Gefühl von Unrecht. Eichmann handelte in der Auffassung, das Richtige zu tun.

Wie kommt das?

Bodansky: Das sind Rationalisierungsprozesse. Wir Menschen bemühen uns, das Weltganze so umzudrehen, dass wir selbst darin eine gute Position haben. Außerdem wollen wir uns mit anderen Menschen gut stellen. Wenn wir uns als böse zeigen, verlieren wir unsere soziale Position. Deswegen unternehmen wir alles, um uns als die Guten und Richtigen darzustellen.

Ist jeder Mensch fähig, Böses zu tun und das auch noch als gut zu empfinden?

Bodansky: Ja. Es mag Ausnahmen geben, aber ich glaube, selbst bei Mutter Theresa würde man einzelne Handlungen finden, die nicht das absolut Gute waren. Jeder Mensch ist fähig zu schlechten Handlungen.

Ist die Fähigkeit, böse zu handeln, angeboren – etwa, weil bestimmte Hirnregionen nicht ausgeprägt sind?

Bodansky: Ja, es ist angeboren, dass wir Handlungen vollziehen können, die anderen Menschen schaden. Zum Beispiel Aggressionen. Die Hirnregionen sind dann nicht optimal entwickelt. Sie verhindern, dass Hemmungen aufgebaut werden. Und gerade diese Hemmungen sind für das Zusammenleben der Menschen sinnvoll.

Hemmungen werden kulturell vermittelt?

Bodansky: Es gibt eine genetische Komponente dafür, die es uns ermöglicht, Empathie, also Mitgefühl, für andere Menschen, zu empfinden.

Verfügen also schon kleine Kinder über Empathie?

Bodansky: Sie fängt dann an, wenn Kinder verstehen, dass die andere Person ein eigenständiges Individuum ist. Mit drei Jahren ist das möglich.

Kinder können aber auch böse sein.

Bodansky: Absolut. Sie schlagen andere Kinder, treten Eltern, zerstören Gegenstände. Dahinter steckt oft eine sehr große Bedürftigkeit, der Wunsch nach Aufmerksamkeit.

Wie kann man Hemmnisse aufbauen?

Bodansky: In Bremen läuft ein Modellprojekt, da gehen Mütter mit ihren Babys in Grundschulklassen. Die Schulkinder sollen im Kontakt mit den Babys aktive Empathieübungen machen.

Recki: Man darf aber von der Hirnphysiologie nicht zu viel erwarten, trotz großer Erkenntnisse in den letzten Jahrzehnten. Dass es das genetische Programm gibt, heißt nicht, dass wir als gute oder böse Menschen auf die Welt kommen. Es gibt nur ganz wenige und seltene Hirndefekte genetisch oder mechanisch bedingter Art, durch die bestimmte mentale Funktionen ganz ausfallen. Der Normalfall ist: Das Gehirn ist lernfähig und nimmt die ‘In-Formation’ auf, die zu spezifischen Kompetenzen führt, zum Beispiel der zu gutem Handeln.

Wie verhält es sich dann mit dem Ex-Krankenpfleger aus Oldenburg, der mehr als 100 Patienten getötet haben soll?

Bodansky: Er wollte der Held sein.

Dieser Mann gilt als der größte Massenmörder im Nachkriegsdeutschland und wurde in der Bundesrepublik sozialisiert.

Bodansky: Es ist schwierig, diesen Fall aus der Ferne zu beurteilen. Er arbeitete in einer Umgebung, in der er für sein Handeln belohnt wurde. Der Ex-Pfleger wurde als guter Reanimator wahrgenommen. Er hat von anderen Zuspruch für sein Handeln bekommen.

Recki: Da muss ich widersprechen! Auch wenn einer ein großer Virtuose im Einsatz einer ganz bestimmten Methode ist, fehlt doch noch etwas Entscheidendes. Der Mann in unserem Fall hatte keinen Sinn dafür, dass man nicht die ­riskanten Bedingungen erst schaffen darf, um damit seine Erfolge zu multiplizieren. Dem Ex-Pfleger ­fehlt mindestens Verantwortungsbewusstsein: die Fähigkeit, sein Handeln im Zusammenhang zu denken.

Und die Empathie ...

Recki: Damit erklärt man nichts, da er den Patienten offenbar letztlich doch helfen wollte.

Bodansky: Er hat andere Menschen zu Mitteln seines vermeintlichen Erfolges degradiert. Und es gab in der Klinik ein Setting, das es ihm erlaubte, schlecht zu sein.

Sie weisen damit auf die sozialen Rahmenbedingungen hin ...

Bodansky: Die grundsätzliche Frage ist, wie können diese Bedingungen so gestaltet werden, dass Menschen tatsächlich gut handeln können.

Recki: Es gehört aber zur moralischen Kompetenz, die Bewertung des eigenen Handelns nicht abhängig zu machen von anderen, sondern unter Umständen sogar Gegenkräfte gegen ein Milieu zu entwickeln.

Ist das Gewissen eine Instanz, um gute und böse Handlungen zu unterscheiden?

Recki: Ja, dieser traditionelle Begriff ist immer noch die richtige Adresse. Kant sagt: Das Gewissen ist die sich selbst richtende Urteilskraft. Und auch dazu muss man sich des eigenen Verstandes bedienen.

Bodansky: Das sind aber Kompetenzen, die nicht jeder Mensch hat, sondern sie müssen kulturell von jedem Einzelnen entwickelt werden - durch die Erziehungsberechtigen, in den Kitas, Schulen bis zur U-Bahn. Auch dort werden Menschen sozialisiert. Wir müssen es schaffen, etwas als moralische Entscheidung zu verstehen. Es bedarf also kognitiver Ressourcen, um eine Handlung als eine moralische begreifen zu können.

Recki: Um das zu vertiefen: Hannah Arendt, die über den Eichmann-Prozess in Jerusalem geschrieben hat und von der „Banalität des Bösen“ spricht, kommt dabei genau auf das, was Sie jetzt „kognitive Ressourcen“ nennen. Was sie Eichmann vorwirft: dass er nicht – „denkt“. Er habe sich nie Gedanken darüber gemacht, was er eigentlich anrichtet. Kant hat diesen Anspruch in die Maxime gefasst, man habe jederzeit an der Stelle des anderen Menschen zu denken - sich also zu fragen, wie ihm zumute ist.

Sind die Schulen genug aufgestellt, um Kindern und Jugendlichen zu vermitteln: Bedient euch des eigenen Verstandes?

Bodansky: Hier passiert viel Gutes. Wir behandeln uns im Alltag gut. Es funktioniert sehr gut, wir kooperieren miteinander. Wir leben in einer Welt, in der wir uns nicht gegenseitig misstrauen müssen. Das sind wirklich Sozialisationsleistungen!

Recki: Daran zweifle ich. Denken Sie an die Ausschreitungen während des G 20-Gipfels in Hamburg. Da haben wir in einen Abgrund geblickt: Es herrschte die blanke Zerstörungswut.

Bodansky: Das ist ein extremes Ereignis! In der Vielzahl der guten Handlungen, die täglich in Hamburg passieren, sind es relativ wenige schlechte. Ich sehe sehr viel Positives auf der ganzen Welt. Wir werden immer besser als Menschheit – immer besser im Miteinander-Kooperieren.

Was raten Sie 15-Jährigen, wenn sie fragen: Was muss ich tun, um ein guter Mensch zu werden?

Bodansky: Finde eine Tätigkeit, die dich erfüllt, gestalte dein Umfeld so, dass es anderen gut geht und sie prosperieren.

Recki: Beobachte dich selbst kritisch, mach dich nie besser als du bist. Achte darauf, dass du alles, was du tust, vor anderen und vor allem vor dir selbst rechtfertigen kannst.

Um mit Erich Kästner zu sprechen: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es …

Recki: Ja, das muss man betonen: die handlungstheoretische Zuspitzung der Frage nach dem Guten. Was gut ist, entscheidet sich nirgendwo anders als im Handeln.

Nächstes Wochenende: Wird es immer Bücher geben?