Leserreaktionen zum Artikel: "Brot statt Benzin!"

Lesedauer: 9 Minuten

Wachsende Bedürfnisse Neben der globalen Finanzkrise weltweit haben wir jetzt auch noch eine Krise wegen der steigenden Lebensmittelpreise. Ein Grund sind die wachsenden Bedürfnisse in China und Indien. Die Weltbevölkerung ist um rund zwei Milliarden Menschen gestiegen, und mehr Menschen brauchen mehr Nahrung. Durch klimatische Veränderungen geht zunehmend landwirtschaftliche Flächen verloren. Ferner werden Nahrungsmittel zur Energieverwendung verheizt. Sinkende Vorräte und steigende Nachfragen führen zu hohen Preisen. Hinzu kommen die gestiegenen Energiepreise. Hauptursache für den Anstieg der Lebensmittelpreise ist jedoch der Biosprit. Statt den Mais zum Essen zu verwenden, wird er zu Autobenzin gemacht.

Subventionen für Biosprit sind unmoralisch. Die Welt kann ihre wachsende Bevölkerung durchaus ernähren, unter der Voraussetzung, dass die Märkte nicht verfälscht werden. In der EU gibt es noch große Landwirtschaftsflächen aus der Brachlegungsregelung. Die Reserven können hier regulieren auf den Preisanstieg wirken.
Peter Groth, Ellerau, Per Mail

Spitze des Eisbergs Es ist unstrittig, dass die Produktion von Biosprit zur Verknappung von Nahrungsmitteln beiträgt. Doch dabei handelt es sich "nur" um die Spitze des Eisbergs. Spätestens mit Beginn der ersten industriellen Revolution dienten die Länder der so genannten "Dritten Welt" ausschließlich als Rohstofflieferanten oder als Märkte für billige Arbeitskräfte.

Der Klimawandel, primär hervorgerufen durch die Maßlosigkeit der Industriestaaten, vernichtet nun auch zunehmend die Nahrungsquellen der Menschen der südlichen Hemisphäre. Wer da von Fortschritt spricht, versündigt sich an den "Betroffenen", ja an der Menschheit insgesamt!

Und erste Auswirkungen dieser Entwicklung sind bereits auch in der westlichen Welt spürbar: Der rasante Anstieg der Preise für Grundnahrungsmittel als Folge der bedrohlichen Klimaveränderungen. Der IWF hat in seiner jüngsten Studie dieses brisante Thema erneut in den Mittelpunkt gerückt. Doch eine Tendenz zur Umkehr ist nicht erkennbar
Joachim Thurau, Buchholz, Per Mail

Verlässliches Einkommen Die Frage der gerechten Verteilung von Lebensmitteln für Arm und Reich ist kein neues Thema. Mit schöner Regelmäßigkeit kehrt die Debatte zurück auf die öffentliche und politische Agenda. Der Sündenbock für drohenden Hunger aber scheint sich an der tagesaktuellen Diskussion zu orientieren. Nun ist erstmals Biosprit dran. Ist der Treibstoffbedarf des Westens verantwortlich für die berechtigten Proteste in Haiti oder Ägypten? Angesichts der zunehmenden Verflechtung der Weltwirtschaft erscheint diese These zunächst plausibel. Belastbar ist sie dennoch nicht.

Vielmehr sind Agrarrohstoffe mehr und mehr Gegenstand von Spekulanten geworden. Die Entwicklung verläuft dabei ähnlich wie beim Ölpreis: Nicht die tatsächliche Nachfrage und das vorhandene Angebot bestimmen den Preis, sondern die Aussicht auf kurzfristigen Börsenprofit. Analysten zufolge sind 50% der jüngsten Preisanstiege bei Weizen, Reis und Mais auf diese Börsenlogik zurückzuführen. Für Menschen, die auf billige Grundnahrungsmittel angewiesen sind, ist diese Tatsache dennoch bedrohlich. Die Konkurrenz durch Energiepflanzen indes ist verschwindend gering, wie die der Faktenverschleierung unverdächtige UN-Welternährungsorganisation FAO darlegt: 42 Mio. km2 Land stehen weltweit für landwirtschaftliche Zwecke zur Verfügung. Tatsächlich genutzt wird davon nur ein gutes Drittel (15 Mio. km2), wovon wiederum nur 0,11 Mio. km2 für Biokraftstoffe verwendet werden. Nach Schätzungen der FAO sollen in 2030 etwa dreimal so viele Flächen der Biospritproduktion dienen, was etwa 2% der globalen Agrarflächen entspräche.

Den Hunger muss die Weltgemeinschaft daher mit anderen Waffen bekämpfen: Weg mit der Abschottung der EU-Agrarmärkte, her mit einer konsequenten Integration der südlichen Länder in die Weltwirtschaft. Die Menschen in Afrika wünschen sich mitnichten, am Tropf billiger Grundnahrungsmittel zu hängen, sondern sie fordern zu Recht eine faire ökonomische Teilhabe und Perspektive. Die beste Versicherung gegen Hunger ist ein verlässliches Einkommen das wissen nicht zuletzt Weltbank, Internationaler Währungsfonds und das Entwicklungsministerium.
Carolin Reinmöller, 10407 Berlin, per Mail

Fleischkonsum reduzieren Lebensmittel für unseren Energiehunger? Eine Gesellschaft auf Abwegen. Von zwei Tankfüllungen ein ganzes Jahr leben? Ein brillanter Vergleich! Doch wer will schon wissen, wie viele Menschen man mit unserem Jahresverzehr an Fleisch ernähren könnte? Um Fleisch zu produzieren, muss etwa die zehnfache Menge an pflanzlichen Proteinen und Kalorien erzeugt und verfüttert werden (Quellenangaben schwanken, 1:3 bei Schwein, 1:10 bei Rind, 1:12 bei Geflügel). Prosperierende Länder wie China haben einen rapide ansteigenden Fleischkonsum, allein in China lebt ein Fünftel der Menschheit. Ein Harvard-Ernährungswissenschaftler schätzt, dass durch eine Reduktion der Fleischproduktion um nur 10% Getreide zur Versorgung von 60 Millionen Menschen frei wird. Ein wenig beachteter Punkt bei der Hungersbekämpfung. Fleischesser und Fleischindustrie ("Fleisch ist gesund"…) werden es ungern hören: Von einer einzigen Rindfleisch-Jahresration könnten sich zehn Menschen pflanzlich ernähren.
Johannes Zink, Norderstedt, per Mail

Tiefer liegende Gründe Ich frage mich, diskutieren wir das Thema nicht zu einseitig? Die Ursache für den Hunger in der Welt hat tiefer liegende Gründe. Die landwirtschaftliche Überproduktion in Europa und den USA hat in den letzten Jahrzehnten zu Billigexporten in die Entwicklungsländer geführt. Die dortigen Kleinbauern konnten mit diesen Preisen nicht mithalten und gaben oft ihren landwirtschaftlichen Betrieb auf, das heißt, die landwirtschaftliche Struktur wurde zerstört. Das rächt sich nun, nachdem die Exportpreise ansteigen. Hier wäre Hilfe ganz anderer Art gefordert. Ähnlich verlief die Entwicklung auf dem Textilsektor, Textilspenden haben zur Zerstörung der dortigen heimischen Textilindustrie geführt. Die Spenden waren sicherlich gut gemeint. Man war sich aber offensichtlich über die möglichen Folgen nicht klar. Entwicklungshilfe kann nur Hilfe zur Selbsthilfe sein, da muss angesetzt werden, wenn man das Elend wirklich beseitigen will. Den Regenwald für Biosprit abzuholzen ist ganz sicher eine herausragende Fehlentwicklung, das unbestritten.
Herbert Costard, 21629 Neu Wulmstorf, per Mail

Katastrophe Diese Entwicklung nimmt ein schlimmes Ende. Die Geschichte hat es doch eindringlich bewiesen. Nimmt man dem Volk das Brot endet es in einer Katastrophe. Unsere Politiker können doch nicht alle blind sein...
Brigitte Lehmbeck, Hamburg, per Mail

Schlimmes Ende Diese Entwicklung nimmt ein schlimmes Ende.Die Geschichte hat es doch eindringlich bewiesen.Nimmt man dem Volk das Brot endet es in einer Katastrophe. Unsere Politiker können doch nicht alle blind sein…
Brigitte Lehmbeck, Hamburg, Per Mail

Verbrechen an den Menschen Das Politik und Moral nicht immer unter einen Hut zu bekommen sind dürfte hinlänglich bekannt sein. Was jedoch mit der Entscheidung Lebensmittelgrundstoffe in Benzin umzuwandeln getroffen wurde, ist nicht nur höchst unmoralisch, nein, es ist ein Verbrechen an den Menschen, welche deshalb Hunger leiden müssen und es trifft nicht nur diese, sondern selbst hier bei uns Menschen und Hifsorganisationen, welche durch immer höher steigende Lebensmittelpreise in Not geraten. Da Herr Gabriel das Beimischen gestoppt hat, wäre es die Gelegenheit, diesen Wahnsinn zu stoppen. Inbesondere Getreide für den Zweck zu verwenden, für den es bestimmt ist - Hunger zu stillen.
Hans-Jürgen Sippel, Hamburg, Per Mail

Komplexes Thema Festzustellen ist zunächst, dass der Wert von Getreide als Energieträger höher ist, wie der als Nahrungsmittel. Anscheinend ist uns unsere Mobilität und unserer Lebensstandard höherwertiger. Jede moralische Einmischung hierin widersprich somit auch der Markwirtschaft. Bereits der Nichtanbau von genveränderten Nahrungsmittel (welcher in über 80 % der Welt betrieben wird), auf der Insel Europa und der weniger ertragreiche Ökoanbau lassen mit dem gleichen moralischen Anspruch wie beim Biosprit Millionen Menschen hungern! Unsere Gewissensberuhigung für Ausgleichsflächen für Siedlungsmaßnahmen ist genauso zu beurteilen: Mit immer mehr Naturschutz auf hochwertigen Ackerflächen werden den Hungernden der Welt die Nahrungsmittel vorenthalten. Das Thema ist deutlich komplexer als eine Reduzierung auf Biosprit.
Hennig Cordes, Hamburg, Per Mail

Falscher Ausdruck Ich glaube, auch das Abendblatt kann - wie übrigens alle anderen Medien auch - zu einem heilsamen Bewusstseinswandel in der Öffentlichkeit beitragen, indem es den Namen "Biosprit" aus dem Vokabular streicht und die Kraftstoffe beim richtigen Namen nennt, nämlich "Agrosprit". "Bio" ist in unserer Sprache positiv besetzt, aber was zz. auf diesem Gebiet abläuft, ist alles andere als positiv. Also nur Mut zum Wandel!
Thomas Jobst, Hamburg, Per Mail


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