Niedersachsen: Liefer-Engpässe drohen

Landwirte erwägen Milch-Boykott

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Heiko Lossie

Sie liefern zuerst und kassieren zuletzt: Im Kampf um Abnahmepreise wollen Niedersachsens Milchbauern zum letzten Mittel greifen - sie planen, den Hahn zuzudrehen.

Holtrop. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) lässt derzeit deutschlandweit über einen Milch-Boykott abstimmen. Im Milchland Niedersachsen deuten die Zeichen auf Lieferstopp. Auch, weil in Norddeutschland die derzeit ohnehin niedrigen Abnahmepreise unter dem Niveau der südlichen Bundesländer liegen. Kernforderung der Landwirte: Sie wollen beim Abliefern wissen, was ihre Milch wert ist. Das erfahren sie bisher erst sechs Wochen später - wenn Molkereien und Handel kassiert haben.

In der Gaststätte in Holtrop (Kreis Aurich) haben am Montagabend rund 70 Milchbauern Platz genommen. Dort läuft an diesem Abend eine der ersten Boykott-Abstimmungen Deutschlands. BDM-Landes-Chef Christian Niemann bestückt einen surrenden Tageslichtprojektor, neben dem eine schwarz-rot-goldene Plastik-Kuh thront. Aufschrift: "Die faire Milch". Niemann blickt in die Runde. 75 Prozent Zustimmung will der BDM für einen Boykott. Dabei zählt nicht die einzelne Stimme jedes Milchbauern, sondern die für ihn veranschlagte Milchmenge - das Instrument der Milchquote reglementiert die Produktion in den Betrieben seit rund 25 Jahren und soll stabile Preise fördern.

"Selbst wenn der Verbraucher hohe Preise zahlt, kommt das am Ende nicht bei uns an", wettert Niemann. Die Kollegen nicken. Die BDM-Argumentation folgt dem Prinzip David gegen Goliath: Die Bauern ackerten von früh bis spät, müssten ihre Arbeit auf den freien Markt werfen und kassierten am Ende der Kette nur noch Almosen. Im Norden, sagt Niemann, betrage der aktuelle Preis 34 Cent pro Kilogramm Milch. Das entspreche einem Minus von 25 Prozent in nur fünf Monaten. Davon abgezogen werden müssten noch acht Cent gestiegene Betriebskosten für Futter, Diesel und Pacht. "Verlust machen wir doch jetzt schon."

Heinrich Rauert, BDM-Kreis-Vorsitzender aus Cloppenburg, gibt am Rande der Runde zu bedenken: "Rechnen wir Stundenlöhne aus, bekommt jeder Hartz-IV-Empfänger mehr." Und Bertus Telkamp, der nur Gast ist und als Milchbauer nördlich von Emden erst noch abstimmen muss, ruft den Kollegen zu: "Nicht bange sein vor der Sache. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und wir können doch schließlich nur noch gewinnen."

Niemann zeigt die "Rentabilitätsberechnung Milchlieferstopp". Der Clou: Treiben die Milchbauern den Kilo-Preis im Jahresschnitt nur um neun Cent von 34 auf 43 Cent in die Höhe, erlaube es der Boykott, die Milch drei Monate lang wegzuschütten. Es brauche nur ein paar Tage Solidarität, und schon säßen die Milcherzeuger am längeren Hebel.

Von Weggießen ist offiziell nicht die Rede. "Innerbetriebliche Verwertung" heißt das. Etwa in der Güllegrube - um die Kosten für teuren Kunstdünger zu drücken. Damit verletzten die Bauern nicht ihre Verträge, die Mengen nur mit Blick aufs ganze Jahr regelten. Nach BDM-Angaben organisiert der Verband jeden dritten deutschen Milchbauern - jedoch entfielen fast 50 Prozent der quotierten Milch auf den BDM. "Sechs Stunden nach Beginn", heißt es in Holtrop, "wird der Markt den Boykott spüren." Zu Hamsterkäufen käme es binnen Tagen.

Die Milchwirtschaft beäugt den drohenden Lieferstopp skeptisch. "Wir sehen, dass sich eine Teilgruppe dieses Instruments bedient. Ob das nachhaltigen Erfolg auf die Preise haben wird, bezweifeln wir", sagte Eckhard Heuser, Geschäftsführer der deutschen Milchindustrie in Berlin. Nordmilch-Sprecher Hermann Cordes will Boykott-Folgen im Vorhinein nicht kommentieren. Er gibt zu bedenken, dass sich die Landwirte damit schadeten. Eine Streikkasse nach Gewerkschaftsart hat der BDM nicht. Dessen Bundesvorsitzender Romuald Schaber rechnet mit einem Ergebnis der Boykott-Abstimmungen "am kommenden Montag".