Silvester: Illegale Pyrotechnik

Polizei warnt vor "Polen-Böllern"

Vor dem Jahreswechsel blüht der Internethandel mit verbotenen Sprengsätzen, die teilweise eine enorme Sprengkraft haben.

Kiel. Zu Silvester befürchten Landeskriminalämter und Polizei, dass verantwortungslose Jugendliche Polen-Böller unter das feiernde Volk werfen könnten. Allein im Zeitraum vom 20. Dezember 2006 bis zum 6. Januar 2007 verzeichnete das Bundeskriminalamt (BKA) 108 Straftaten mit illegaler Pyrotechnik.

"Polen-Böller" sind beim Bundeskriminalamt (BKA) alle pyrotechnischen Gegenstände ohne Zulassung durch das Bundesamt für Materialforschung und -Prüfung (BAM). Die Sprengsätze heißen so, weil sie oft über die polnische Grenze nach Deutschland kommen - hergestellt werden sie in Fernost und Südeuropa. Besonders gefährlich an Polen-Böllern: Sie sind mit Gips-Pfropfen verdämmt, die beim Explodieren herauskatapultiert werden. Polen-Böller fallen in Deutschland unter das Sprengstoffgesetz.

Schleswig-Holstein, Groß Nordsee. Auf einem abgeriegelten Gelände des Munitionsräumdienstes zünden Spezialkräfte einen "Polen-Böller" mit 12 Gramm Schwarzpulvergemisch. Sie werfen ihn in eine ausrangierte Telefonzelle. Sekunden später rieseln die Reste der Scheiben und Türen auf die Wiese. Von der Zelle steht nur noch das gelbe Skelett. "Die Sprengkraft ist enorm", sagt Jürgen Kroll vom LKA in Schleswig-Holstein. "Wir hatten 2006 einen Todesfall. Der Gipspfropfen eines "Polen-Böllers" war in den Kopf eingedrungen." Sehr gefährlich sei das Abbrandverhalten. Es ist nicht genormt, im schlimmsten Fall kann der Böller in der Hand explodieren. "Dann ist die Hand weg", sagt Kroll.

2006 wurden in Deutschland laut BKA 5560 illegale Spreng- und Knallkörper sichergestellt. Dabei waren Berlin mit 1185 Stück, das Saarland mit 893 Böllern und Niedersachsen mit 651 illegalen Sprengkörpern am stärksten vertreten. 2007 wurden bereits 4280 illegale Knaller sichergestellt, das Saarland liegt mit 1290 Stück an der Spitze. Laut BKA ist die Zahl vor allem in grenznahen Bundesländern hoch, da die Böller aus dem Ausland eingeführt werden.

Internetseiten, wo sich der schwunghafte Handel hauptsächlich abspielt, werden dieser Tage observiert. "Es gilt präventiv tätig zu werden, an Silvester ist eine Kontrolle kaum möglich", sagt der 56 Jahre alte Kroll. Im Internet kursiert ein Video vom Jahreswechsel 2006/2007. Es zeigt Jugendliche, die an einer belebten Kreuzung einen "Polen-Böller" in eine Telefonzelle werfen. Sekunden später erscheint ein Feuerkegel, die Zelle ist zerstört. "Oh Gott, wie nice (schön). Sowas hätte ich Silvester auch gebraucht, dann hätte Rage jetzt keine Garage mehr", lautet der zynische Kommentar eines Internet-Nutzers.

Vor dem Jahreswechsel erhalten Menschen in Schleswig-Holstein, bei denen ein Verdacht besteht, Besuch von der Polizei. Neben Prävention an Schulen und Beobachtung der Vertriebswege, setzen Polizei und Staatsanwaltschaft auf gezielte Repression. Besonders interessiert an den etwa fünf Euro teuren Geschossen seien männliche Jugendliche im Alter von 15 bis 25 Jahren. "Da steckt offenbar der Reiz hinter, mit etwas umzugehen, dass Macht verleiht und Selbstbestätigung gibt", sagt Kroll. So legten Männer in der Nähe von Flensburg bei einem Auto einen "Polen-Böller" in den Radkasten. Die Motorhaube wurde zerstört, der Kotflügel abgerissen und ein umherfliegendes Metallteil durchtrennte eine Regenrinne.