Wie ein Erdbeben: Tote und Verletzte

Mississippi-Brücke stürzt ein

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Mitten im abendlichen Berufsverkehr ist im US-Staat Minnesota eine Autobahnbrücke über den Mississippi eingestürzt und hat mindestens vier Menschen in den Tod gerissen.

Minneapolis/Washington. Bilder wie bei einem Erdbeben: Mitten im abendlichen Berufsverkehr ist im US-Staat Minnesota eine Autobahnbrücke über den Mississippi eingestürzt und hat mindestens vier Menschen in den Tod gerissen. Die Opferzahl könnte aber noch erheblich steigen, denn am Donnerstagmittag waren noch bis zu 30 Menschen vermisst. Wegen der Einsturzgefahr konnten die Suchmannschaften zudem nur langsam vorgehen. Etwa 80 teils Schwerverletzte wurden nach Angaben der örtlichen Feuerwehr in Krankenhäusern behandelt. Der Gouverneur des Staates, Tim Pawlenty, sprach von einer "Katastrophe von historischem Ausmaß". In Washington ließ sich US-Präsident George W. Bush ständig auf dem Laufenden halten.

Über die Ursache des Unglücks, das sich am Mittwochabend (Ortszeit) ereignet hatte, herrschte zunächst Unklarheit. Bei einer Inspektion vor sechs Jahren waren allerdings "Ermüdungserscheinungen" an den Verstrebungen der Auffahrt zur Brücke festgestellt worden, die die Städte Minneapolis und St. Paul verband. Laut der Zeitung "Minneapolis Star Tribune" war die Brücke zudem vor zwei Jahren als "strukturell fehlerhaft" eingestuft worden. Einen Terrorakt schloss das Bundeskriminalamt FBI aus.

Experten der Nationalen Transportsicherheitsbehörde NTSB nahmen vor Ort ihre Ermittlungen auf, während in den Trümmern und im Wasser die Suche nach Opfern weiterging. Hoffnung, dass noch Überlebende gefunden würden, bestand nach Angaben des Polizeichefs von Minneapolis, Tim Dolan, aber nicht mehr. "Es ist keine Rettungsaktion mehr, sondern eine Bergungsaktion", sagte er am Donnerstag, während Angehörige von Vermissten am Flussufer ausharrten - in der Hoffnung auf ein Wunder. Derweil versammelten sich in Kirchen trauernde Menschen zum Gebet.

Es kam "wie aus heiterem Himmel" - so schilderten Überlebende die Szenen am Mittwochabend. Stoßstange an Stoßstange hatten sich die Fahrzeuge über die Brücke geschoben, noch langsamer als sonst, weil vier der acht Spuren wegen Ausbesserungsarbeiten gesperrt waren. Zahlreiche Passagiere waren auf dem Weg zu einem Baseballspiel in Minneapolis. Sie kamen nie an. "Es gab plötzlich ein Grollen, dann ein Zittern, ein Donnern, und dann lag die Brücke plötzlich im Wasser. Ich sah Fahrzeuge stürzen, hörte Menschen schreien", schilderte Augenzeuge Tim McLane im US-Fernsehen. "Es klang so, als ob eine Abrissbirne einen Betonbau trifft", erinnert sich Heather Munro.

Nach Polizeiangaben brach der 140 Meter lange Mittelabschnitt der Brücke - ein Koloss aus Beton - ein und fiel dann in mehreren Trümmerstücken aus bis zu 19 Meter Höhe ins Wasser. Etwa 100 Fahrzeuge und acht Bauarbeiter wurden mitgerissen, inmitten einer großen Staubwolke, die für kurze Zeit die schrecklichen Szenen vernebelte.

Ungefähr die Hälfte der Autos versank im Fluss, die anderen blieben zum Teil beschädigt auf Brückentrümmern im Fluss stehen. Dazu zählte ein Schulbus mit rund 60 Kindern im Alter zwischen fünf und 14 Jahren. Sie gehörten zu den Glücklichen: Fast alle konnten sich nach Medienberichten unversehrt aus dem Fahrzeug retten, nur acht mussten wegen Verletzungen aus dem Bus getragen werden. Gary Babineau, ein Überlebender, eilte den Kindern zur Hilfe. "Sie schrien vor Angst", erzählte er später.

Andere Augenzeugen berichteten von Menschen, die sich im Wasser mit letzter Kraft aus ihren sinkenden Autos befreien konnten und ans Ufer schwammen. Auch dort gab es Bilder des Schreckens und der Verwüstung: Dort, wo die Brücke eingebrochen war, ragten Stahlverstrebungen in die Luft, Autos lagen unter aufgetürmten Trümmerstücken, mehrere Fahrzeuge hatten sich übereinander geschoben. Insassen mit blutverschmierten Gesichtern wurden auf Tragen in Krankenwagen gebracht. "Es war wie nach einem Terroranschlag", sagte Augenzeuge Ryan Murphey der "Star Tribune".

Aaron Dahlgren stürzte mit seinem Wagen drei bis vier Meter tief und landete auf dem Beton im Wasser. Der Wagen überschlug sich und lag schließlich auf dem Dach. "Ich hatte Schnitte an Armen und Beinen und wollte da nur raus", wurde er von der "Pioneer Press" zitiert. "Ich dachte mir, wie zur Hölle konnte das passieren?" Die Experten der NTSB hoffen, dass sie möglichst rasch eine Antwort darauf finden.

( dpa/abendblatt.de )