Hamburg. Tausende Hamburger lebten ab 1945 in Nissenhütten. Je eine Person hatte dabei zwei Quadratmeter zur Verfügung.

Als das kleine Mädchen nach einer unruhigen Nacht seinen bloßen Arm ausstreckt, schreit es plötzlich vor Schmerzen. Seine Hand ist an der eiskalten Wellblechwand festgefroren. Die Eltern geraten in Panik. Sie dürfen nicht einfach hinauslaufen und Hilfe holen, es herrscht Ausgangssperre in diesem ersten Nachkriegswinter. Schließlich können sie eine britische Militärpatrouille anhalten, die per Funk die Feuerwehr alarmiert. Mit einer Lötlampe erwärmen die Retter das Wellblech ganz vorsichtig von außen, schließlich kann das Mädchen seine Hand befreien. Geschockt, aber unverletzt.

Gut sieben Jahrzehnte später steht Archivar Martin Kleinfeld in einer Wellblechbaracke des Freilichtmuseums am Kiekeberg. „In solchen Hütten haben in Hamburg bis zu 42.000 Menschen gelebt“, sagt Kleinfeld. Der promovierte Wirtschaftshistoriker deutet auf die Dielenbretter: „Die haben wir nachträglich verlegen lassen, damit die Hütte für Besucher etwas besser zugänglich ist. Nach dem Krieg wurde nur etwas isolierender Asphaltboden aufgeschüttet.“

Benannt nach ihrem Konstrukteur

Doch auch mit Holzfußboden wirkt die 50 Quadratmeter große Hütte alles andere als wohnlich. Selbst an diesem milden Herbsttag zieht es an jeder Ecke. Fast unvorstellbar, dass auf solchen 50 Quadratmetern bis zu 25 Menschen hausten – vom Flüchtlingsbaby bis zum Kriegsversehrten. Im Sommer unter einem glühendem Wellblechdach, im Winter in fast arktischer Kälte. Wer die Hütte am Kiekeberg besichtigt, begreift zumindest im Ansatz das Elend der ersten Nachkriegsjahre. Und kann verstehen, warum Senioren zuweilen allergisch reagieren, wenn sie in diesen Monaten von der Wohnungsnot in Hamburg lesen oder hören.

In umgebauten Nissenhütten – hier in Groß Borstel – wurde auch unterrichtet.
In umgebauten Nissenhütten – hier in Groß Borstel – wurde auch unterrichtet. © picture-alliance / dpa

Wie groß, nein, existenziell die Not vor 70 Jahren war, zeigt ein Foto an der Wand der Hütte am Kiekeberg. Eine Familie kauert an einem Bretterverschlag vor einem Erdloch. Niemand kennt mehr ihre Namen, niemand weiß, wie lange sie dort hausen mussten – womöglich waren es etliche Monate. Tausende drängten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ins ausgebombte Hamburg. Heimkehrer, aber auch Flüchtlinge aus dem Osten. Viele wurden in Bunkern einquartiert, in sechs bis acht Quadratmeter großen Kammern. Es war immer dunkel, weil Glühbirnen fehlten. „Gegen Morgen wird die Luft in den Bunkerräumen so sauerstoffarm, dass es nicht mehr möglich ist, ein Feuerzeug zum Brennen zu bringen“, schrieb ein Zeitzeuge. Jeden Morgen habe man Bewusstlose nach draußen tragen müssen.

„Wer aus solchen Notquartieren kam, empfand die Nissenhütten als geradezu luxuriös“, sagt Kleinfeld. Nissenhütten? Damals verwirrte der Begriff. Viele glaubten, der Name habe mit Nissen zu tun, also den Eiern von Läusen, die angesichts der katastrophalen hygienischen Bedingungen die Köpfe vieler Baracken-Bewohner besiedelten. Namensstifter war in Wahrheit der kanadische Offizier Peter Norman Nissen, der 1916 den Auftrag erhielt, für die britischen Truppen Unterkünfte zu entwickeln. Nissen, im Zivilberuf Bergbauingenieur, konstruierte eine Hütte aus Wellblech, einem Holzgerüst und hölzernen Verschlussplatten an den Kopfseiten – aufzubauen binnen vier Stunden von vier Soldaten.

Erfindung rettete Leben

Nissen, der 1930 in seiner kanadischen Heimat im Alter von nur 59 Jahren starb, konnte nicht wissen, dass seine Erfindung einmal Tausende Deutsche retten sollte. Nach dem Sieg über Hitler suchte die britische Militärverwaltung angesichts des nahenden Winters verzweifelt nach Notunterkünften. In ganz Hamburg stellten die Briten ab November 1945 Nissenhütten auf, in der Regel in Siedlungen mit 28 Hütten und zwei Baracken für primitive Waschbecken und Plumpsklos. Noch 1951 wohnten in Hamburg 14.000 Menschen in Nissenhütten.

Sechs Jahre nach Kriegsende hatten sich die Lebensbedingungen in den Hütten etwas gebessert. Handwerklich geschickte Bewohner isolierten die Hütten mit Dämmmaterial gegen Hitze und Kälte, installierten vor allem bessere Öfen. Denn zunächst standen in den Baracken nur primitive Kanonenöfen aus Kanada, die man nur mit Holz beheizen durfte – mit Kohle glühten sie durch. Stahlhelme wurden zu Töpfen und Sieben umfunktioniert, Gasmaskendosen zu Milchkannen.

Experte in Sachen Nissenhütten: Martin Kleinfeld, Archivar des Freilichtmuseums am Kiekeberg
Experte in Sachen Nissenhütten: Martin Kleinfeld, Archivar des Freilichtmuseums am Kiekeberg © HA | Peter Wenig

In der Kiekeberg-Nissenhütte, die Museumsarbeiter 1998 im Camp Reinsehlen, einem ehemaligen Truppenübungsplatz in der Nähe von Schneverdingen, abbauten, werden auch die Hungerjahre nach dem Krieg wieder lebendig. Auf einem Tisch stehen die täglichen Notrationen, etwa 1½ Scheiben Brot mit etwas Margarine, zwei kleine Scheiben Wurst und ein winziges Stück Käse. Besonders im strengen Winter 1946/47, als die Quecksilbersäule tagelang minus 20 Grad Celsius zeigte, starben viele Nissenhüttenbewohner durch Unterernährung und Kälte, später nannte man diesen Winter den „eisigen Tod“. Die schwierigen hygienischen Zustände beschleunigten ansteckende Krankheiten, vor allem die Tuberkulose grassierte.

In Husum leben immer noch Menschen in Nissenhütten

Dass das Freilichtmuseum nun mit dieser Hütte an diese Zeit erinnert, ist vor allem Kleinfelds Beharrlichkeit zu verdanken. Wieder und wieder kämpfte der Archivar dafür, die über Jahre zunächst eingelagerte Hütte aufbauen zu dürfen – manchem Entscheider im Museum erschien die primitive Baracke nicht gerade als Publikumsmagnet. 2006 durften die Handwerker dann endlich loslegen. Erhalten wurde damit ein Stück Zeitgeschichte, die meisten Hütten sind längst verschrottet.

Aber eben nicht alle. Am Husumer Birkenweg werden mehrere Nissenhütten sogar noch bewohnt. In Hausnummer 25 leben Inge (84) und Johannes (86) Siegfriedt. 1959 kaufte das Ehepaar die elf Jahre zuvor aufgebaute Hütte für 10.000 Mark, zunächst gab es nur kaltes Wasser und ein Plumpsklo. Der gelernte Schlosser modernisierte die Baracke über die Jahre, baute Bad und Heizung ein, verklinkerte die Fassade. Im angrenzenden ehemaligen Schuppen, umgebaut zu einem Kinderzimmer, wurden die beiden Söhne groß.

„Wir genießen hier das Leben, uns fehlt nichts“, sagt Johannes Siegfriedt. Dass die letzten Hütten nun unter Denkmalschutz stehen, sieht er indes mit Sorge. „Wie sollen wir unser Grundstück jetzt noch verkauft kriegen?“, fragt der Rentner. Etwa um mal ein Pflegeheim zu finanzieren. Doch noch sind die beiden rüstig, am liebsten würden sie bis ans Ende ihrer Tage in ihrer Hütte wohnen: „Wenn wir hier mal rausmüssen, dann nur mit den Füßen zuerst.“

Im Freilichtmuseum am Kiekeberg läuft noch bis zum 17. Februar 2019 die Sonderausstellung „Zwischen Trümmern und Träumen, Weihnachten in der jungen Bundesrepublik“. Das Museum (Am Kiekeberg 1, Rosengarten-Ehestorf) hat ganzjährig geöffnet (Di–Fr 9–17 Uhr, Sa und So 10–18 Uhr). Weitere Informationen im Internet unter www.kiekeberg-museum.de