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Kampf um den Bau einer Atomanlage

Es gibt zwei Arten, eine Weißwurst zu essen: eine richtige und eine falsche. Die richtige besteht, zumindest den Münchener Weißwurstdogmen zufolge, darin, die Wurst in die Hand zu nehmen und den Inhalt, wie man sagt, „herauszuzutzeln“. Die falsche besteht darin, sie mit Messer und Gabel zu behandeln.

In einer der schönsten Szenen dieses Films sitzt der oberpfälzische Landrat Hans Schuierer (Johannes Zeiler) dem aus der Landeshauptstadt angereisten Umweltminister (Sigi Zimmerschied) gegenüber. Der Minister lässt den Mann aus der Provinz sein Überlegenheitsgefühl lustvoll spüren, indem er ihm erst mitteilt, er habe sicherheitshalber seine eigenen Weißwürste mitgebracht – und ihn dann angewidert bei der falschen Handhabung der Speise beobachtet. In dieser kleinen Szene in einer fränkischen Gaststube skizziert Regisseur Oliver Haffner eines der vielen Probleme, um die es damals ging: der Mentalitätsunterschied zwischen Stadt und Land.

Damals, das meint die 80er-Jahre, die dieser Film atmosphärisch perfekt wiederauferstehen lässt. In Wackersdorf plant die bayerische Staatsregierung den Bau einer atomaren Wiederaufbereitungsanlage, kurz: WAA. Für Landrat Schuierer klingt der Plan zunächst verlockend, weil er viele Arbeitsplätze für die strukturschwache Region verspricht. Er bekommt Besuch von Karlheinz Billinger (Fabian Hinrichs) von der Deutschen Gesellschaft für Wiederaufbereitung von Krenbrennstoffen. Billinger versichert wieder und wieder, dass die Anlage modern, sicher, und sauber sei. So oft tut er das, dass man ihm schnell gar nichts mehr glauben will. Und auch beim Landrat Schuierer wachsen die Zweifel.

Auch wenn die Autos, die Frisuren und die Kleidung eine andere Sprache sprechen, wirkt dieser Film in Zeiten, in denen Polizei und Aktivisten im Hambacher Forst miteinander ringen, sehr gegenwärtig. Er erzählt faktentreu und liebevoll vom Aufkommen der linksalternativen Protestbewegung, von den Konfliktlininen und überraschenden Berührungspunkten zwischen gesellschaftlichen Milieus. Er ist aber vor allem seiner Atmosphäre wegen sehenswert: Die Dunkelheit der heimischen Wirtsstuben, die Tristesse dörflichen Alltagslebens, die dampfenden Wiesen des herbstlichen Waldes – so echt und genau kann man selten in der Zeit zurückreisen.

„Wackersdorf“ D 2018, 122 Min., ab 6 J., R: Oliver Haffner, D: Johannes Zeiler, Anna Maria Sturm, Fabian Hinrichs, Peter Jordan, täglich
im Abaton, Holi, Koralle und Zeise;
www.wackersdorf-film.de