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Ein Jahr, ein Ziel

Viele wissen nach der Schule noch nicht, was sie werden wollen. Zwölf MonateOrientierungszeit sind deshalbheute keine Seltenheit mehr

n Mathe und Darstellendem Spiel eine Eins im Abitur, Leistungskurs Kunst sowie praktisches Interesse an Oldtimern, Theater und internationaler Kommunikation: Was soll man eigentlich studieren, wenn man so breit aufgestellt ist wie Marguerite Gerhardt? Als die Hamburgerin vor einem Jahr ihr Abschlusszeugnis vom Marion Dönhoff Gymnasium in den Händen hielt, wusste sie nur eines: Auf keinen Fall wollte sie sich von der Frage „Und was machst du nach der Schule?“ in irgendein Studium drängen lassen. „Jetzt noch schnell BWL studieren, weil es das überall gibt und jeder da reinkommt, das wäre nicht mein Weg gewesen“, sagt Marguerite.

Stattdessen hat sich die Abiturientin ein Jahr Zeit genommen für ihre Studien- und Berufsentscheidung. Das ist erst einmal nicht ungewöhnlich: Das Orientierungsjahr, international als Gap Year bezeichnet, ist inzwischen sehr verbreitet. Viele Schulabgänger entscheiden sich nach der Schule zunächst einmal für ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ), andere wechseln zwischen Auslandsaufenthalten und Praktika oder wählen die Verbindung von Reisen und Jobs, Work & Travel genannt. Um das Gap Year ist inzwischen sogar ein lukrativer Markt aus Anbietern, Vermittlern und Beratern entstanden.

Nur: Die Berufsentscheidung fällt in der Regel weder vom afrikanischen Himmel noch vom Stamm, wenn man in Neuseeland bei der Apfelernte hilft. „Entscheidend ist, wie rechtzeitig sich junge Menschen Gedanken um ihre berufliche Zukunft machen“, sagt Marina Marquardt von der Agentur für Arbeit. Im Idealfall beginnt die Orientierung nämlich vor dem Pausenjahr und befasst sich zum einen mit formalen Aspekten wie Bewerbungsfristen, Bedingungen und Unterlagen, die eingereicht werden müssen. Zum anderen geht es um die große Frage: Welcher Beruf passt zu mir, und was muss ich dafür mitbringen? „Dafür sind nicht nur Interessen, sondern auch Stärken und Ziele relevant“, sagt Marquardt.

Marguerite hat zunächst viele Online-Tests mitgemacht, die ihr aber nicht geholfen haben. „Die sind oft durchschaubar.“ Auch „Tage der offenen Tür“ an Hochschulen fand sie weniger hilfreich als den Besuch von Abschlussveranstaltungen, etwa der Jahreshauptausstellung im Fachgebiet Architektur, die sie an der RWTH Aachen besuchte. „Da kommt man mit Studierenden in Kontakt, die man direkt befragen kann.“ Die 19-Jährige ist viel unterwegs gewesen, auch ohne große Auslandsreisen. Etwa in Hamburg bei Kunstausstellungen, Theateraufführungen oder auch einem Physikvortrag am Desy. Zu Besuch bei Freunden in Universitätsstädten wie Göttingen oder Lüneburg, um sich mit dem Studentenleben vertraut zu machen. Schließlich war sie mit Jugendlichen in ganz Deutschland unterwegs: Seit Marguerite die zehnte Klasse selbst in den USA verbracht hat, engagiert sie sich für ihre damalige Austauschorganisation AFS, begrüßt ausländische Gastschüler, die hier ankommen, und bereitet junge Deutsche auf ihr Auslandsjahr vor.

Marguerites Entscheidung fiel dann für ein Studium und gegen eine Berufsausbildung. Eine weitere Erkenntnis: „Den perfekten Studiengang gibt es nicht.“ Aber eine Menge Optionen: Marguerite hat sich für ein Studium der Psychologie beworben, daneben für Architektur, Medizintechnik und Umweltingenieurwesen. Spätestens wenn demnächst mehr als eine Zusage in ihrem Briefkasten landet, hat sie erneut die Qual der Wahl. „Entscheiden kommt von Scheiden“, betont Marina Marquardt und tröstet: „Viele Interessen lassen sich in der Freizeit weiterverfolgen und können ein sehr guter Ausgleich zum Berufsleben sein.“

Marguerite findet, dass sie dabei auf einem durchaus guten Weg ist: „In einem Jahr habe ich aus vielen Ideen eine Handvoll herausgefiltert.“