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In den oder den Betrieb?

Die Frage Ausbildung oder Studium früh stellen

e größer die Auswahl, desto schwieriger die Entscheidung – wer das erste Berufsziel für die Zukunft abstecken möchte, kennt dieses Problem meist nur zu gut. „Rund 10.000 verschiedene Bachelor-Studienvarianten, 1600 duale Studiengänge und gut 350 anerkannte Ausbildungsberufe, diese Bandbreite wirkt auf Schüler oft erschlagend“, sagt Marlen Riemer, Berufsberaterin bei der Agentur für Arbeit Hamburg. Überdies lässt diese Vielfalt an Optionen oft eine grundlegende Überlegung vergessen: Studium oder Ausbildung?

„Für die meisten Abiturienten steht von Anfang an fest, dass sie studieren möchten“, so die Erfahrung von Riemer. Dennoch bricht fast jeder Dritte sein Studium vorzeitig ab. „Im zweiten Anlauf entscheiden sich dann doch viele für eine duale Berufsausbildung“, sagt Fin Mohaupt, Leiter der Aus- und Weiterbildungsberatung der Handelskammer. Für solche Umsteiger wurde in Hamburg das Programm Shift ins Leben gerufen (www.shift-hamburg.de). Den Umweg könnten sich die meisten Betroffenen jedoch sparen, wenn sie sich vorab intensiver damit beschäftigen würden, ob sie eher in den Hörsaal oder einen Betrieb passen. Diese Frage sollte bei der Berufsorientierung weit oben stehen, so Riemer.

„Für ein Studium sollte man Freude am wissenschaftlichen Arbeiten haben“, sagt Ronald Hoffmann, Teamleiter der Zentralen Studienberatung der Universität Hamburg. Theoretische Zusammenhänge, Dingen auf den Grund gehen und Querverbindungen entdecken – wer sich dafür begeistern kann, bringt erste wichtige Voraussetzungen mit. Die Inhalte an der Hochschule lassen sich oft nicht eins zu eins in die Praxis umsetzen. „Viele fragen sich während ihres Studiums: ,Was mache ich hier eigentlich?‘ Das ist normal“, so Hoffmann. Schließlich bereiten nur wenige Studiengänge konkret auf einen Beruf vor. Die Universität schule vorrangig eine Methodik sowie Denkweisen, um neues Wissen zu erschließen und Probleme zu lösen.

Über das Semester gilt es kontinuierlich am Ball zu bleiben; wer sich erst kurz vor den Prüfungen dem umfangreichen Lernstoff zuwendet, kommt selten durch die Klausuren. Auch sollte man in der Lage sein, beim Zuhören und Mitschreiben in den Lehrveranstaltungen das Wichtige herauszufiltern. Ihren individuellen Stundenplan stellen die Studenten selbst mithilfe des Vorlesungsverzeichnisses zusammen. Ob man später die Vorlesung besucht oder morgens lieber länger schläft, kontrolliert in der Regel niemand. Ohne Disziplin, Selbstmotivation und Organisationstalent lässt sich ein Studium kaum bewerkstelligen.


Karriere auch ohne Uniabschluss
„Stärker praxisorientiert verläuft ein duales Studium, welches inzwischen einen Boom erfährt“, sagt Riemer. Dabei wechseln sich die Arbeit im Unternehmen und theoretische Vorlesungen an einer Hochschule oder einer Berufsakademie ab. Das straffe Doppel-Pensum von Studium und Ausbildung setze jedoch eine besonders hohe Einsatzbereitschaft voraus. Riemer: „Nach dem Bachelor-Abschluss hat man meist gute Übernahmechancen im Ausbildungsbetrieb.“

Das gilt ebenso nach einer dualen Ausbildung, „mehr als 60 Prozent der Azubis werden übernommen“, berichtet Riemer. Auch dieses Argument scheint wenige Abiturienten zu überzeugen. „Leider hält sich hartnäckig das Vorurteil, dass eine erfolgreiche Karriere nur mit Uniabschluss gelingen kann“, sagt Mohaupt. Dabei gebe es zahlreiche Möglichkeiten, sich auch im Beruf oder sogar schon während der Ausbildung weiterzuqualifizieren. Nicht nur in großen Konzernen entwickeln die Personaler maßgeschneiderte Programme für den Aufstieg. „Zudem lässt sich die duale Ausbildung im Betrieb gleich mit dem Fachwirt kombinieren, der in etwa mit einem Bachelor-Abschluss vergleichbar ist“, erklärt Mohaupt. Die Qualifikation erhält man nach dreieinhalb Jahren.

„Schüler, die gerne praktisch arbeiten und sich in geregelten Abläufen wohlfühlen, sind gut in einer Ausbildung aufgehoben“, sagt Mohaupt. Vom ersten Tag an lerne man im Unternehmen für die Praxis und übernehme im Rahmen der übertragenen Aufgaben teils schnell Verantwortung. „Und die Lerninhalte sind in nicht wenigen Ausbildungsberufen durchaus anspruchsvoll“, betont Mohaupt. Ob die Lehrer in der Berufsschule, der Ausbilder im Betrieb oder die Mitarbeiter in den Abteilungen – Unterstützung leisten mehrere Seiten. Zudem sollte man auf unterschiedliche Menschen einstellen können. „So verstärken die Jugendlichen ihre sozialen Kompetenzen wie Teamfähigkeit und Kommunikationsgeschick“, sagt Riemer.