Berlin

Der perfekte Star

Berlin. Sie sind gestandene Filmdiven und haben schon alles gesehen. Dennoch staunten Sandra Bullock und Cate Blanchett bei den Dreharbeiten der Gangsterbräute-Komödie „Ocean’s 8“ (aktuell im Kino) angesichts der Menge an lauernden Paparazzi. Doch die Fotojäger waren nur gekommen, um den jüngeren Co-Star abzulichten: Rihanna, hauptberuflich der größte Popstar der Welt. Dass die 30-Jährige die Aufmerksamkeit auf sich zog – da mussten Blanchett und Co. durch. Regisseur Gary Ross hatte sich in den Kopf gesetzt, mit Rihanna die jungen Zuschauer ins Kino zu ziehen. Mit Erfolg.

Das Popcorn-Kino braucht Rihanna, Rihanna braucht das Kino nicht. Ihre Musikkarriere ist schwindelerregend – und gerade Menschen jenseits der 35 haben es kaum mitbekommen. Als in der RTL-„Chartshow“ Promis wie Ruth Moschner erraten sollten, wer denn vor Madonna die bisher erfolgreichste Sängerin der deutschen Hitparade sein könnte, kratzten sie sich ratlos den Kopf. Beyoncé? Doch nicht Helene Fischer? Auf Rihanna kam niemand.

Mit rund 250 Millionen verkauften Tonträgern spielt die 30-Jährige fast in einer Liga mit den Rolling Stones. Außerdem, und das ist heute die eigentliche Währung, ist sie die erfolgreichste Künstlerin bei Musikstreaming-Diensten. Ihre Hits von „Umbrella“ bis „Diamond“ sind ein hochmodern produzierter Mix aus Pop, Reggae, Dance und R & B; Songs, die ins Fitnessstudio passen, in die Shoppingmall oder in den Club. Doch wie viel Rihanna ist in ihnen?

Das bleibt ihr Geheimnis, sie schreibt sie jedenfalls nicht selbst. „Hinter ihr steckt ein großes Team, das sich nicht in die Karten gucken lässt“, weiß der Musikwissenschaftler Heiko Maus. „Rihanna ist ein raffiniertes Marketingprodukt, eine perfekt inszenierte Projektionsfläche für die Generation Selfie.“

Ein Mythos bleibt auch der Karriereweg der Millenniums-Cinderella. Sie wuchs in schwierigen Verhältnissen auf der Karibikinsel Barbados auf und sang in einer Schulband, als der Mega-Produzent Evan Rogers sie entdeckte. Sie muss erst 15 oder 16 Jahre alt gewesen sein, als er sie in die USA holte. Dort nahm Hip-Hop-König Jay-Z sie gleich unter Vertrag. Im Jahr 2005 hatte sie ihren ersten maßgeschneiderten Hit, „Pon de Replay“. Seitdem reißt der Erfolg nicht ab.

Sich Fragen von Journalisten stellen? Für Rihanna ist das von vorgestern. Interviews gibt sie kaum. Wenn sie etwas sagt, sind es markige Sprüche wie: „Ich gehe Risiken ein, um mich nicht zu langweilen. Und ich langweile mich schnell.“ Teilt sie etwas mit, dann lieber unwidersprochen über das Foto-Portal Instagram. Hauptsächlich preist sie ihren 64 Millionen Abonnenten dort eigene Mode und Kosmetik an. „Ein Bild reicht, um sich millionenfach ins Gespräch zu bringen. Da musste Madonna sich noch mehr anstrengen, um Aufmerksamkeit zu bekommen“, stellt der Musikjournalist Peter Illmann fest.

Ähnlich wie Madonna steht aber auch Rihanna bei ihren Fans nicht nur für glitzernde Oberfläche, sondern auch für weibliche Stärke. Zudem symbolisiert sie afroamerikanisches Selbstbewusstsein. Mit ihrem Hit „American Oxygene“ prangerte sie Polizeigewalt gegen Schwarze an, auch setzt sie sich für weltweite Bildungsprojekte ein.

Übel zugerichtet von ihrem Freund Chris Brown

Nur einmal geriet ihre sorgfältige Image-Inszenierung außer Kon­trolle. 2009 war ein Bild aufgetaucht, auf dem Rihanna übel zugerichtet zu sehen war. Der Täter war ihr damaliger Freund, Sänger Chris Brown. Rihanna versöhnte sich mit ihm, was als fatales Signal an ihre Fans gewertet wurde. „Wenn es ein Fehler ist, ist es mein Fehler“, erklärte sie damals trotzig. Über ihre folgenden Beziehungen mit Rapper Drake und einem arabischen Geschäftsmann ließ sie nichts mehr nach außen dringen.

Wer der Mensch hinter den 1000 Songs und Bildern ist, kann niemand zuverlässig sagen. Amazonenhaft und verletzlich, rebellisch und anpassungsstark, spaßgetrieben und diszipliniert – Rihanna ist in all ihren Versionen allgegenwärtig und bleibt doch unfassbar. Damit sei sie der perfekte Star unserer Zeit, sagt Illmann. „Wie eine Kim Kardashian, die auch noch sehr gut singen kann.“