Kino-Tipp

Der größte aller Filmemacher: Ingmar Bergman

Foto: Caroline Seidel / dpa

Er war ein Titan des Kinos. Ein Wegbereiter des Autorenfilms. Er hat ganze Generationen von Regisseuren geprägt. Die Kirche hat sich an ihm abgearbeitet wie er sich an ihr, und Millionen von Paaren fanden ihre Szenen einer Ehe in seinen Werken wieder. Längst gehört sein Œu­v­re zum Kanon der Filmgeschichte. Die höchste Ehrung aber wurde Ingmar Bergman zuteil, als er auf den 50. Filmfestspielen von Cannes 1998 zum größten Filmemacher aller Zeiten ernannt wurde.

Am 14. Juli wäre der schwedische Film-und Theaterregisseur, der 2007 gestorben ist, 100 Jahre alt geworden. Und obwohl schon so viel über ihn geschrieben und auch gefilmt wurde, gibt es noch immer keine Standardbiografie über den Mann. Als ob keiner es wagen würde, diesen singulären Titanen, der in keine Schublade zu stecken ist, einzuordnen. Zum Jubiläum gibt es zumindest eine Annäherung. Aber nicht von einem der üblichen Verdächtigen, Woody Allen etwa oder Martin Scorsese. Sondern von der Regisseurin Margarethe von Trotta.

Auch sie gibt zu, dass man sie zu diesem Film lange überreden musste. Sich an übergroße Kollegen, an Ikonen heranzuwagen, das kann eigentlich nur schiefgehen und macht einen nur selber klein. Aber die Wahl ist treffender, als man zunächst annehmen würde. Denn für von Trotta hat alles mit Bergmans „Siebentem Siegel“ angefangen. Bis sie 18 war, war sie an Malerei, Oper und Theater interessiert. Aber dann kam sie 1960 nach Paris, wurde von ihren Mitstudenten förmlich ins Kino gezwungen. Sah dort besagten Bergman-Film.

Von Trottas Film „Die bleierne Zeit“ gab Bergman Kraft, weiterzumachen

Das allein aber hätte wohl nicht gereicht, sich an den übergroßen Kollegen heranzuwagen. Aber als Margarethe von Trotta 1981 auf den Filmfestspielen von Venedig für ihren Film „Die bleierne Zeit“ als erste Frau den Hauptpreis gewann, war es Liv Ullmann, Bergmans Dauer-Muse, die ihr den Goldenen Löwen überreichte. Und es war für von Trotta, gesteht sie im Gespräch mit Liv Ullmann, „als würde Ingmar, mein Meister, hinter dir stehen und mich segnen“. Jahre später hat Bergman von Trotta gestanden, dass „Die bleierne Zeit“ ihm in einer schweren Krise die Kraft gegeben habe, weiterzumachen.

So hat sich die Filmemacherin aufgemacht, das Universum Bergman zu erkunden. Und zwar nicht, das war ihr ziemlich schnell klar, als übliche Dokumentation. Gleich zu Anfang ist sie deshalb zu sehen, wie sie an jenem Strand steht, an dem vor 60 Jahren „Das siebente Siegel“ gedreht wurde. Dann sitzt sie mit Liv Ullmann auf einem Sofa, und gemeinsam schwärmen sie von den starken, modernen emanzipierten Frauenbildern in seinen Filmen. Von Trotta reist viel herum in diesem Film. Nach Paris, wo sie „ihren“ Bergman entdeckt hat. Nach Stockholm, wo er geboren ist und wo er am Dramaten-Theater und in den Filmstaden gearbeitet hat. Nach München, wo er, nachdem er wegen einer entwürdigenden Steueranklage Schweden verlassen hatte, eine neue künstlerische Heimat fand – auch beim Ehepaar Schlöndorff/von Trotta. Und schließlich nach Farö, der kleinen Insel, auf die sich Bergman zuletzt zurückzog.

Dabei trifft von Trotta nicht nur Weggefährten – Schauspielerinnen, mit denen er am Münchner Residenztheater zusammengearbeitet hat, oder Katinka Faragó, 30 Jahre lang seine Assistentin. Sie trifft auch zwei seiner vielen Kinder: Ingmar Bergman Jr. und Daniel Bergman, selbst Regisseur. Sie spricht mit Kollegen wie Carlos Saura oder Drehbuchautor Jean-Claude Carrière, die wie sie von Bergman geprägt wurden. Aber auch mit jüngeren Regisseuren wie Olivier Assayas, Ruben Östlund oder Mia Hansen-Løve. Und immer wieder kommt der Meister selbst zu Wort: in Archivmaterial, das teils erstmals veröffentlicht ist und in dem er, da Material aus München, Deutsch spricht.

Bergman liebte seine Schauspieler,Wut ließ er an Crewmitgliedern aus

So entsteht ein faszinierendes Puzzle, ein Wechselspiel aus Innen- und Außenansichten. Östlund referiert, dass es an Schwedens Filmschulen eine Teilung gibt zwischen denen, die sich an Bergman, und jenen, die sich an Bo Widerberg orientieren. Faragó erinnert sich, wie sehr Bergman seine Schauspieler geliebt hat, dass er sie nie hätte anschreien können. Und, wenn er sich dann doch mal über sie ärgerte, seine Wut lieber an Crewmitgliedern ausließ. Von Trotta zieht sich dabei nie heraus, bringt sich immer wieder mit ein. Und wird so zur persönlichen Führerin in Bergmans Sphären.

Auch Abgründe werden dabei gestreift. Die ewige, bittere Auseinandersetzung des Pfarrerssohns mit der Kirche. Seine Unmöglichkeit, Beziehungen auf Dauer einzugehen. Und die tiefe Lebenskrise, die ihn in seinem Quasi-Exil in München erfasst hatte. Der ergreifendste Moment aber ist der, als Daniel Bergman erzählt, wie sein Vater im Alter im Sessel saß und stöhnte, wie sehr er seine Schauspieler vermisse. Als seine Schwester klagte, warum er dasselbe nicht einmal über seine Kinder sagen könne, soll er entgegnet haben: „Weil es nicht so ist.“

Auf der Suche nach Ingmar BergmanD 2018, 99 Min., ab 12 Jahren, Regie: Margarethe von Trotta, Darsteller: Liv Ullmann, Daniel Bergman, Ruben Östlund, täglich im Abaton, Passage, Zeise