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Wenn Puppenhäuser sprechen könnten

Neues Buch erschließt Elke Dröschers Museum am Falkenstein auf ungewöhnliche Weise

blankenese. Wie haben die Menschen vor 100 oder 200 Jahren gewohnt, sich gekleidet, ihren Haushalt organisiert, sich gewaschen, gekocht oder ihre Zimmer geheizt? Wie war der Schul­alltag, welche Spielzeuge und Arbeits­geräte standen zur Verfügung? Das alles kann man sich heute oft gar nicht mehr vorstellen. Denn anders als Kunstwerke wurden die Alltagsdinge abgenutzt, verbraucht und meist weggeworfen. Vielfach blieben nur die zum Spielzeug verkleinerten Nachbildungen übrig, und der Betrachter fragt sich heute, wozu sie einst dienten.

Das neue Buch „Was ist das? Was Alltagsdinge aus Puppenstuben verraten“ schafft ein kleines Kunststück: Es unterhält und belehrt auf amüsante Weise und verdeutlicht fast nebenbei, wie Spielzeuge zu Zeugnissen der Kulturgeschichte wurden. Der Trick dabei: Die Herausgeber präsentieren 50 kleine, kunstvoll gestaltete Alltagsobjekte aus Elke Dröschers kulturgeschichtlich bedeutsamer Sammlung im Puppen­museum am Falkenstein und bringen sie so quasi zum Sprechen. In Dröschers Museum sind neben einzelnen Puppen auch Puppenhäuser aus drei Jahrhunderten zu sehen, in denen das Leben ihrer Entstehungszeit als verkleinerter Alltagskosmos überliefert ist. Die Auswahl ist also riesig.

Dröscher, selbst lange eine erfolgreiche Fotokünstlerin, hat die filigranen Objekte abgelichtet, die Texte stammen von dem langjährigen Kulturjournalisten und Buchautor Matthias Gretzschel. Im wahrsten Sinne des Wortes spielerisch wird erläutert, wie Eisschrank, Brennschere und Butterfass benutzt wurden und wann und wie Kachelöfen, Hackklötze und Plätteisen in die Haushalte kamen. „Ich habe die Objekte mit der Kamera befragt“, so Elke Dröscher anlässlich der Buchpräsentation am Donnerstag vor rund 40 Gästen. „Fotos und Texte liefern nun die Antworten.“

„Sie begriff, dass sich in diesem verkleinerten Raum mit seiner detaillierten Ausstattung unglaublich viel ablesen lässt“, heißt es in dem Buch über Dröscher. Und weiter: „Man muss genau hinschauen, die Dinge betrachten, sie erforschen – dann erweisen sich die Puppenstuben als Türöffner in die Vergangenheit. Dröscher nennt ihre Puppenhäuser folgerichtig „Archen der Alltagskultur“, Autor Gretzschel spricht von „Nussschalen im Strom der Zeit“. Die Arbeit an dem Buch war offenbar packend und inspirierend: Nur ein knappes halbes Jahr hat das Tandem gebraucht, dann war das Manuskript fertiggestellt. In Anspielung auf die Schnellebigkeit der heutigen Wegwerfgesellschaft sagt Dröscher mit feiner Ironie: „Wir haben uns einer revolutionären Tätigkeit gewidmet: dem Bewahren.“

Elke Dröscher betreibt das Puppenmuseum seit Mitte der 1980er-Jahre im ehemaligen Landhaus Michaelsen, Grotiusweg 79. Der 1922/23 errichtete denkmalgeschützte Bau war 1986 auf Dröschers Initiative hin aufwendig restauriert worden. Geöffnet ist das Museum von Dienstag bis Sonntag, 11 bis 17 Uhr. Der Eintritt kostet 6 Euro, ermäßigt 3 Euro.

Was ist das? Was Alltagsdinge aus Puppenstuben verraten“ von Elke Dröscher und Matthias Gretzschel ist im Junius Verlag erschienen­. Das 160-seitige Buch mit circa 100 Fotos kostet 22,90 Euro.