Nienstedten

Was der neue Chef der FüAK plant

Oliver Kohl ist erfolgreicher Soldat und kunstsinniger Familienmensch in einem. Ein Porträt des Beethoven-Fans

Nienstedten. Nach einigen turbulenten Jahren scheint sich der Alltag an der Führungsakademie (FüAk) der Bundeswehr nun wieder in ruhigere Bahnen zu bewegen. Der neue Kommandeur, Brigadegeneral Oliver Kohl, ist optimistisch: „Ich würde mich sehr freuen, hier meine reguläre Amtszeit zu verbringen, also mindestens drei Jahre“, sagt er, auch wenn man mit einer längeren Amtszeit (Bundeswehr-Vokabular: Stehzeit) nachhaltiger wirken könnte. Kohl launig: „Ich hätte nichts dagegen, wenn man in der Personalführung für die nächsten Jahre meine Telefonnummer vergessen würde.“

Wie berichtet, wechselte Kohls Vorgänger, Konteradmiral Carsten Stawitzki, nach nur knapp anderthalb Jahren ins Verteidigungsministerium. Stawitzki hatte Achim Lidsba abgelöst, der von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen 2016 überraschend in den vorzeitigen Ruhestand versetzt worden war. Kohl will die von Vorgänger Stawitzki angeschobenen weitreichenden Reformen fortsetzen und gleichzeitig die Kontinuität des Lehrbetriebs wahren. Die FüAk als höchste militärische Aus-, Weiter- und Fortbildungsstätte aller Stabsoffiziere der Bundeswehr in Deutschland braucht beides.

Obwohl offiziell erst seit dem 9. Mai im Amt, nahm sich Kohl schon jetzt Zeit für ein Gespräch mit dem Abendblatt – ein deutliches Zeichen für die Offenheit, mit der er die neue Aufgabe angeht. Sein Arbeitszimmer ist allerdings noch kaum eingerichtet, Umzugskartons stehen an den Wänden. Ein Vierfach-Porträt seiner Frau im Pop-Art-Stil eines Andy Warhol ist eines der wenigen Bilder an der Wänden, außerdem ein Druck von Jan Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“. Erinnerungsstücke an seine bisherigen Arbeitsstationen fehlen.

„Der Neue“ strahlt Sicherheit und Zuversicht aus, als kenne er den Posten schon lange. Dabei war Oliver Kohl zuletzt zwei Jahre lang Kommandeur einer Panzergrenadierbrigade in Neubrandenburg – also weit weg vom akademischen Lehrbetrieb.

Ein Blick in seine Vita zeigt allerdings schnell, dass er in den vergangenen Jahren auch mit vielfältigen Aufgaben in administrativen Bereichen betraut war, dass sich Theorie und Praxis faktisch also laufend abwechselten.

Und ein solcher Blick in Kohls Lebenslauf offenbart auch, dass der jugendlich erscheinende 53-Jährige, der im Gespräch offen, fast leutselig wirkt, bisher eine auffallend schnelle, erfolgreiche Karriere ohne einen Knick hinlegte. Ein paar Beispiele: Unter anderem war der Vater von zwei Kindern im Verteidigungsministerium im Führungsstab des Heeres im Einsatz, bevor er Bataillonskommandeur in Munster wurde. Außerdem war er Dezernatsleiter für Grundsatzangelegenheiten und Referatsleiter im Führungsstab der Streitkräfte.

Kohl trinkt Kaffee aus einer Tasse, die ein Motiv des Künstlers Gustav Klimt ziert und verrät Unerwartetes: Klimt und Beethoven seien „die Helden meiner Jugendzeit“, Gesang und Klavier hätte er beinahe studiert. In seinen jeweiligen Dienstzimmern laufe immer klassische Musik – „weil die mich total entspannt“.

Doch Oliver Kohl wäre der erste Brigadegeneral der Weltgeschichte, der seine Karriere nur als Schöngeist gemacht hätte. Dass er auch andere Töne als Beethoven anschlagen kann und muss, dürfte jedem klar sein. Aufgeschlossenheit für andere bei gleichzeitiger unverkennbarer Zielstrebigkeit würden ihn auszeichnen, erklärt er seinen Führungsstil. Ein Satz, mit dem er beides verbindet: „Ich glaube, dass ich gut zuhören kann. Ich höre mir alles an und analysiere nötigenfalls auch alle Details. Erst dann treffe ich eine Entscheidung. Aber diese Entscheidung wird dann auch konsequent verfolgt.“

Bei der feierlichen Kommando­übergabe hatte der Stellvertreter des Generalinspekteurs, Vizeadmiral Joachim Rühle, in Zusammenarbeit mit der strategischen Umgestaltung der FüAk von einer „Mammutaufgabe“ gesprochen, die Kohls Vorgänger Stawitzki auf den Weg gebracht habe. Von Kohl wird jetzt erwartet, diese Aufgabe fortzuführen und die ständige Weiterentwicklung der Führungsakademie unter anderem zum viel zitierten Thinktank voranzubringen. Dass er dabei möglicherweise in große Fußstapfen tritt, ist Kohl durchaus bewusst. Dennoch beabsichtigt er, seine Vorstellungen einzubringen. „Man hat immer die Möglichkeit, eigene Akzente zu setzen“, sagt er dazu gelassen, „das wird von einem militärischen Führer ja schließlich auch erwartet.“

Auch auf einem anderen Gebiet kann Kohl auf Erfahrungen aufbauen – ein Stück weit jedenfalls. Es geht um das Thema Kontaktpflege in Hamburg. Den entsprechenden Vorstoß seines Vorgängers Stawitzki findet Kohl „völlig richtig“, auch er selbst werde öffentliche Termine in der Stadt wahrnehmen – „wenn es für unsere Arbeit nützlich ist“. Rausgehen und mit den Menschen reden – das liege ihm.

Der Stadt Hamburg fühlt sich Kohl verbunden, immerhin studierte der gebürtige Westfale von 1989 bis 1992 Pädagogik an der heutigen Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr und absolvierte Ende der 1990er-Jahre selbst eine Generalstabsausbildung an der FüAk.

Auch eine Öffnung der Akademie für die Öffentlichkeit hält er im Rahmen der Möglichkeiten für sehr sinnvoll – der Tag der Bundeswehr am Sonnabend, 9. Juni, wird eine erste Probe aufs Exempel sein.