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Der Weg zurück ins Leben

| Lesedauer: 3 Minuten
Ralf Krämer

Das Drama „Stronger“ erzählt die wahre Geschichte eines Anschlagopfers

Tausende Menschen drängen sich am 15. April 2013 in Boston auf den Straßen. Sie feuern die Läufer des jährlichen Marathons an. Mitten unter ihnen steht Jeff Bauman (Jake Gyllenhaal). Er hat extra seine Schicht an der Frischtheke eines Einkaufscenters verkürzt, um seine Ex-Freundin Erin (Tatiana Maslany) zu unterstützen. Plötzlich wird er angerempelt, von einem sich merkwürdig benehmenden Mann mit Kapuzenpullover. Kurz darauf detonieren zwei Bomben.

Als Jeff wieder zu sich kommt, liegt er am Boden. Um ihn herum ist die Hölle los. Irgendwann erwacht er in der Klinik. Er hat bei dem Anschlag beide Beine verloren. Erin ist da, der ruhende Pol inmitten von Jeffs aufgeregt polternden Arbeiterfamilie. Kaum fähig, ein Wort zu sagen, signalisiert Jeff, dass er den Täter gesehen hat. Aufgrund seiner Beschreibung werden drei Tage später Tamerlan Tsarnaev und dessen Bruder Dzhokhar verhaftet. Ihre selbst gebastelte Bomben haben drei Menschen das Leben gekostet und Hunderte zum Teil schwer verletzt.

„Stronger“ basiert auf einem Buch, das der echte Jeff Bauman 2014 veröffentlicht hat. Darin beschreibt er vor allem seinen mühsamen Weg zurück ins Leben und wie Erin, mit der er inzwischen eine Familie gegründet hat, ihn dabei unterstützte. Die bemerkenswert komplexe Verfilmung fokussiert zwar diese private Ebene, die Kamera bleibt stets nah dran, macht die Intensität des Spiels von Gyllenhaal und Maslany fast physisch spürbar. Ausführlich wird aber auch von Baumans Aufstieg zur heroischen Symbolfigur der „Boston Strong“-Kampagne erzählt, in der er landesweite Aufmerksamkeit auf sich zieht, in Talkshows und Sportstadien auftritt. Er selbst würde unter dem Druck seines Helden-Images wohl zerbrechen, hätte er Erin nicht an seiner Seite, die sich selbst von seinen wehleidigen, selbstgerechten Ausbrüchen nur schwer beeindrucken lässt.

Das Gefühl der latenten Bedrohung, wie eine Gesellschaft mit der Verunsicherung durch Terror umgeht, davon erzählt „Stronger“ nur indirekt. Er wirkt eher wie ein offener Brief an die Bürger der USA. Er nimmt deren anscheinend ausgeprägtes Bedürfnis ernst, von traumatisierenden Ereignissen Betroffene zu heroisieren und als Medium für die Stärkung der eigenen Moral zu funktionalisieren. Gleichzeitig hinterfragt er diese Art der kollektiven Autotherapie. In ihr geraten eingestan­dene Schwächen und Verwundbarkeit mitunter schon in den Verdacht einer mangelnden patriotischen Haltung.

So wundert es nicht, dass dieser Film in den USA zwar gute Kritiken erhielt, aber kaum jemanden ins Kino lockte. Vielleicht war man dort, ein Jahr nach dem relativ erfolgreichen „Patriots Day“, der die Fahndung nach den Attentätern von Boston als Thriller verarbeitet hat, des Themas einfach müde. Möglicherweise hat man aber auch die Marketingkampagne für „Stronger“ falsch eingeschätzt. Das Plakat zeigte Gyllenhaal als amputierten Sportler beim Barrentraining, über ihm prangt der Slogan „Strength defines us.“ Auf dem deutschen Plakat sind beide Hauptfiguren lächelnd, in zärtlicher Annäherung zu sehen, er sitzt im Rollstuhl. Dass uns die Liebe mindestens so ausmacht wie unsere Stärken, dass sie tatsächlich eine Bedingung für wahre Stärke ist, kommt der Aussage von „Stronger“ gewiss näher. Mit ihr auch in den USA werbend aufzutreten hat sich der Filmverleih offenbar nicht getraut.

„Stronger“ USA 2017, 119 Min., ab 12 J., R: David Gordon Green, D: Jake Gyllenhaal, Tatiana Maslany, Miranda Richardson, täglich im UCI Othmarschen

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