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Ein Märchen für Erwachsene

Im Thalia Theater hat am 14.4. "Hänsel und Gretel" mit Musik Till Lindemanns Premiere

In Sachen Pop-Künstlern hatte das Thalia Theater schon immer ein gutes Händchen. Tom Waits und Lou Reed wurden von Robert Wilson auch für "Black Rider" und "POEtry" ans Alstertor geholt, für die nächste Premiere ist dem Haus der nächste Coup gelungen. Bei der Inszenierung von "Hänsel und Gretel", die am 14. April Premiere feiert, wird Till Lindemann von Rammstein dabei sein.

Es ist die erste Theaterarbeit des Sängers mit dem rollenden R, dessen Gruppe die zurzeit international erfolgreichste deutsche Rockband ist. "Als wir vor zwei Jahren zusammen mit Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper die ersten Überlegungen zu ,Hänsel und Gretel' anstellten, war klar, dass es nur mit Till Lindemann gehen würde", erzählt Dramaturgin Sandra Küpper. "Ohne ihn wäre das Projekt nicht zustande gekommen." Doch der Sänger und Lyriker aus Leipzig sprang sofort auf das Projekt an.

Till Lindemann hat für den Klassiker sechs neue Songs geschrieben

"Sein Werk spielt mit diesen Märchenwelten, deshalb ist er uns sofort eingefallen", sagt Küpper. Die Verbindung zwischen den grimmschen Märchenfiguren und den Themen von Lindemanns Songs ist unübersehbar. Die Geschwister werden von den Eltern in einem dunklen Wald ausgesetzt und geraten an eine Hexe, die sie töten will. Die Erfahrung von Leid und die Ausübung von Gewalt spielen auch in Lindemanns Liedern und Gedichten eine zentrale Rolle. Für diese Neuinterpretation des Klassikers hat Lindemann sechs neue Songs geschrieben und dabei mit anderen Musikern wie dem Schweden Peter Tägtgren zusammengearbeitet, mit dem er auch schon sein Soloprojekt "Lindemann" aufgenommen hat.

Der Rammstein-Sänger hat bereits angekündigt, diese neuen Songs im kommenden Jahr mit weiteren neuen Stücken auf seinem zweiten Soloalbum zu veröffentlichen. Ohrstöpsel werden im Thalia Theater nicht verteilt, die Musik wird nicht knallharter Metal sein. "Lindemann hat überraschende Songs mit unterschiedlichen Richtungen und Stilen geschrieben", verrät Sandra Küpper. Er wird diese Nummern auch singen, allerdings nicht live. Als Schauspieler ist der Rockmusiker ebenfalls zu erleben.

Wie bei den vorangegangenen Arbeiten am Thalia Theater, bei "Fuck Your Ego!" oder bei "Die Stunde, in der wir nichts voneinander wussten", vertraut das estnische Künstlerpaar Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semperwieder auf seine visuellen Stärken. Kostüme und Masken sind aufwendig, außerdem gibt es bei ihrer Inszenierung einen besonderen ­Einsatz von Videos, bei dem Live-Aufnahmen mit vorproduzierten Aufnahmen verwoben werden. "Erzählt wird eine ex­treme Coming-of-Age-Geschichte mit einer absurden Zuspitzung. Wir haben uns an die Ursprungs­geschichte gehalten, ergänzen sie aber mit Motiven aus anderen Grimm-Märchen, mit neuen Bildern und mit den Songtexten", sagt Küpper.

Ursprünglich sollte die Arbeit übrigens den Untertitel "Hungry Hardcore" tragen. Kein schlechter Titel, denn Märchen aus der berühmten Sammlung der Grimm-Brüder aus dem 19. Jahrhundert, sind überwiegend grausam und von extremer Härte. Doch sie stammen aus einer Fantasiewelt. Deshalb werden sie Kindern vorgelesen. Mit einem Weihnachtsstück hat die aktuelle Premiere jedoch nichts zu tun. Es ist ein Märchen für ­Erwachsene.

"Hänsel und Gretel" Premiere Sa 14.4., Voraufführung Fr 13.4., je 20.00, bis 30.5., Thalia Theater (U/S Jungfernstieg) Alstertor 1, Karten zu 10,- bis 74,- unter T. 32 81 44 44; www.thalia-theater.de

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