Nairobi/Berlin

Er war der letzte Bulle seiner Art

Nairobi/Berlin. Das war’s. Sudan, das wohl bekannteste Nashorn der Welt, ist tot. Der 2500 Kilogramm schwere Koloss war der letzte männliche Vertreter seiner Art, der letzte bekannte Nördliche-Breitmaulnashorn-Bulle. Das 45 Jahre alte Tier sei wegen „altersbedingter Komplikationen“ am Montag eingeschläfert worden, teilte das kenianische Tierschutzgebiet Ol Pejeta einen Tag später auf Twitter mit. Sudans Zustand hatte sich massiv verschlechtert, er litt an Infektionen, seine Knochen und Muskeln bildeten sich zurück. Stehen konnte er seit längerem nicht mehr.

Bis zuletzt gingen Bilder des einzig verbliebenen Männchens der Unterart Ceratotherium simum cottoni um die Welt und rührten Millionen von Menschen. „Er war ein großartiger Botschafter seiner Art“, sagte der Leiter des Wildtierreservats nahe Nairobi, Richard Vigne, zum Tod des Dickhäuters. „Eines Tages wird sein Tod hoffentlich als wegweisender Moment für Naturschützer weltweit gesehen werden.“

Viele Natur- und Tierschutzorganisationen nahmen die Nachricht gestern zum Anlass, für mehr Schutz in den Reservaten zu plädieren. „Sudans Tod muss ein Weckruf sein. Wir dürfen nicht zulassen, dass die großen charismatischen Säugetierarten von unserem Planeten verschwinden“, sagte Christof Schenck, Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF). Die Gesellschaft forscht im Sinne des berühmten Tierforschers Bernhard Grzimek vor allem in Afrika. Nach den Nördlichen Breitmaulnashörnern könnte es bald auch weitere Nashorn-Arten treffen. Von dem asiatischen Java-Nashorn soll es nur noch 25 geben. Auch um die Sumatra-Nashörner (50 bis 200) und das Schwarze Nashorn (etwa 1000) steht es schlecht. „Wenn die Zahl unter 1000 sinkt, wird es kritisch, unter 500 gibt es kaum noch Hoffnung“, sagt Schenck. Es sei also gelungen, Spezies, die Millionen von Jahren auf diesem Planeten lebten, innerhalb weniger Jahrzehnte auszurotten.

Das Dilemma der Dickhäuter ist von einem der einträglichsten Sparten internationaler Kriminalität geprägt – Wilderei und Tierschmuggel. In Ländern des südlichen Afrikas werden Elefanten und Nashörner in besorgniserregendem Tempo erlegt. Mehr als 1200 Nashörner fallen den Wilderern jährlich zum Opfer. Im Schnitt sterben drei Tiere pro Tag auf diese Weise. Bei Elefanten wirken die Zahlen noch drastischer, da verlieren 20.000 Exemplare jedes Jahr ihr Leben. Aber von ihnen gibt es auch noch mehr.

Grund für die gut zehn Jahre andauernde Wilderei-Krise ist die ewige Gier der Asiaten – allen voran Vietnams – nach dem Nashorn-Horn. Pulverisiert, als Pille oder Schnitzerei gilt das Horn als heilendes oder potenzsteigerndes Mittel, als Statussymbol, als Investmentanlage. Obwohl es sich bei dem Material lediglich um einen Faserstoff aus Keratin ähnlich Fingernägeln handelt und es medizinisch völlig unwirksam ist, ist es so viel wert wie Gold. Und je weniger Tiere es von einer Art gibt, desto begehrter werden gleichzeitig deren Teile.

Sudan galt zuletzt als das am meisten gefährdete Nashorn der Welt. Trotz eines ziemlich hohen Zauns mit hoher Spannung versuchten Wilderer immer wieder, zu dem Bullen zu gelangen. An seinem Reservat standen deshalb an jeder Ecke Türme mit Scheinwerfern, die nachts die Zäune anstrahlten. Sudan wurde rund um die Uhr bewacht, 200 Wärter mit Schnellfeuergewehren wechselten sich ab.

Dennoch war das mehr Freiheit, als das Nashorn zeitlebens erfahren hatte. Geboren in der Wildnis im Sudan, wurde der Bulle schon als Zweijähriger gefangen genommen und zusammen mit weiteren Nashörnern in einen Zoo in Tschechien gebracht. Schon dort scheiterten jegliche Versuche der Reproduktion. 2009 kam er mit seinen verwandten Kühen Najin und Fatu in das Ol-Pejeta-Reservat in Kenia. Dort avancierte Sudan zum Hoffnungsträger, Botschafter und Popstar.

Die Betreiber des Schutzgebiets ließen nichts unversucht, um dem Bullen zur Berühmtheit zu verhelfen. Sie ließen ihn mit afrikanischen Spitzensportlern posieren, twitterten unter dem Hashtag „#Lastmalestanding“ Botschaften des Nashorns und richteten ihm sogar unter der Dating-App Tinder ein eigenes Profil ein: „Der begehrteste Junggeselle der Welt.“ Verbunden waren die oft rührenden Aktionen mit Spendenaufrufen, die dem letzten Nashornbullen seiner Art zum Überleben verhelfen sollten. Wobei die natürliche Befruchtung schon keine Hoffnung mehr war.

Sudan galt wegen seines hohen Alters als impotent. Die beiden Kühe sind gesundheitlich angeschlagen, können kaum noch schwanger werden oder eine Schwangerschaft durchstehen.

War’s das wirklich? Berliner Forscher versuchen sich jetzt an künstlicher Befruchtung, der In-vitro-Fertilisation. Unter Leitung des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) wollen Wissenschaftler im Mai dieses Jahres nach Kenia reisen, um den beiden letzten, unfruchtbaren Weibchen in einem komplexen Verfahren Eizellen zu entnehmen. Diese sollen dann mit zuvor gewonnenen Spermien, die schon lange in flüssigem Stickstoff lagern, vereint werden.

Die so gewonnenen Embryophonen des Nördlichen Breitmaulnashorns sollen später in Weibchen des Südlichen Breitmaulnashorns eingesetzt werden. Gelingt dies nicht, probiere man es mit Stammzellenforschung: Nashörner aus Hautzellen produzieren. Das ist bisher allerdings nur an Mäusen gelungen.