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Der verschwundene Junge

Das Drama „Loveless“ ist ein Kinoerlebnis. Es erzählt eine verstörende Geschichte von Kälte und Gefühllosigkeit

Es ist eine Szene, die selbst abgebrühte Zuschauer zusammenzucken lässt: Ein Paar, das sich trennen will, streitet sich nachts am Küchentisch darüber, wer den zwölfjährigen Sohn zu sich nehmen soll. Keiner von beiden will ihn haben, planen sie doch neue Leben mit neuen Partnern. Als wäre diese unerwartete Herzlosigkeit zweier Menschen in keineswegs verwahrlosten Verhältnissen nicht schon schockierend genug, enthüllt die Kamera mit einem Blick hinter die Tür, dass der Sohn alles mitgehört hat. Wie von tiefem Schmerz gekrümmt steht er da im Verborgenen, stumme Tränen im Gesicht. Am nächsten Tag ist er verschwunden.

Man hat dem russischen Regisseur Andrej Swjaginzew schon oft vorgeworfen, seine Filme seien zu finster. Sein Regiedebüt „Die Rückkehr“ (2003) prägte sich durch den schonungslosen Blick auf ein Vater-Söhne-Verhältnis ein, und sein letzter Film, „Leviathan“ (2014), erzählte von korrupten Machtverhältnissen im heutigen Russland mit verstörender Kälte. Auch „Loveless“ ist alles andere als ein „Unterhaltungsfilm“ und doch ein wahres Kinoerlebnis.

Aus der düsteren Prämisse, dass ein Kind, das nicht mehr gewollt wird, davonläuft, entfaltet Swjaginzew ein intensives Gesellschaftsporträt, das den Zuschauer dazu zwingt, auch Seiten zu betrachten, die ihm unangenehm sind. Statt wie sonst üblich bei dem Jungen und seinen Abenteuern „auf der Straße“ zu bleiben, folgt der Film den Eltern, die eine verzweifelte Suche nach dem Kind beginnen. Da die Polizei nicht weiterkommt, schalten sie eine Freiwilligenorganisation ein, deren kalte Professionalität – sie kennen sich mit solchen Fällen zu gut aus – die schlimmsten Befürchtungen nur noch wachsen lässt.

Dank einer betont ruhigen Erzählweise, bei der die Kamera mit analytischem Blick Gesichter und Landschaften einfasst, fühlt man sich als Zuschauer wie in ein psychologisches Experiment verwickelt: Zunächst ist man froh, dass der Junge der Herzlosigkeit seiner Eltern zu entkommen scheint. Dann wird immer deutlicher, dass ihm kaum Gutes widerfahren sein kann. Das begreifen auch die Eltern, und war es anfangs einfach, sie als egoistische Monster abzulehnen, entwickelt man allmählich fast gegen den Willen ein Verständnis für sie. Die angeklagte „Lieblosigkeit“ ist nicht nur ein individuelles Manko, es ist der vorherrschende Zug der Gesellschaft, in der sie leben.

Dass es sich dabei um das heutige Russland handelt, lässt andere Länder keineswegs vom Haken. Im Gegenteil: Wie ökonomischer Druck soziale Verhältnisse diktiert, das kann man auch hierzulande beobachten.

„Loveless“ Frankreich/Russland, 2017, 128 Min., ab 16 J., R: Andrej Swjaginzew, D: Marjana Spiwak, Alexei Rosin, Matwei Nowikow, täglich im 3001 (OmU); www.loveless-film.de