Cold Case

Mord an zwei Jungen vor 37 Jahren: Ermittler haben neue Spur

Polizei veröffentlicht Phantombild des Mannes, der 1981 mit den Kindern aus Mümmelmannsberg gesehen wurde. Zeugen gesucht.

Hamburg. Es war ein Doppelmord, der die Hamburger erschütterte. 1981 wurden der acht Jahre alte Michael Riesterer und sein neun Jahre alter Freund Haluk Kocal tot im Naturschutzgebiet Die Reit in Reitbrook/Allermöhe gefunden – 44 Tage nach ihrem Verschwinden. Die Jungen waren zwei Freunde aus Mümmelmannsberg. Der Fall wurde nie geklärt. Im vergangenen August übernahm die polizeiliche Ermittlungsgruppe „Cold Case“, spezialisiert auf lange zurückliegende ungeklärte Morde, auch diesen Fall. Jetzt, fast 37 Jahre später, können die Ermittler eine neue Phantomskizze präsentieren. Außerdem glauben sie: Der Mörder der beiden Jungen stammte aus der damaligen Pädophilenszene.

Michael und Haluk verschwanden am 15. Juni 1981. Es war ein schöner Sommertag. In Hamburg fand damals der evangelische Kirchentag statt unter dem Motto „Fürchte dich nicht“. Die beiden Jungen wollten mit ihren Fahrrädern noch eine Runde in Mümmelmannsberg drehen, der Wohnsiedlung, in der Michael mit seiner Mutter und Haluk mit seinen Eltern lebte. Als sie um 19 Uhr noch nicht zum Abendessen zurück waren, suchten die Eltern und Geschwister, später auch Freunde und Bekannte nach den Jungen. Einer der drei Brüder von Michael fand schließlich die Fahrräder der beiden Kinder. Sie standen unverschlossen am Parkplatz an der Straße An der Kreisbahn/Ecke Unterberg. Die Eltern alarmierten die Polizei.

44 Tage später wurden ihre schlimmsten Befürchtungen zur Gewissheit. Aus dem Vermisstenfall wurde ein zweifacher Kindermord. Am Nachmittag des 29. Juli 1981 hatten zwei Schüler, die mit ihren Eltern in Hamburg Ferien machten und Mirabellen pflücken wollten, die toten Jungen entdeckt. Die Leichen lagen etwa 50 Meter vom damaligen Parkplatz Reitdeich versteckt im Unterholz. Die sommerlichen Temperaturen hatten die Kinder so stark verwesen lassen, dass nicht einmal mehr die Todesursache festgestellt werden konnte.

Ein damals Verdächtiger konnte nicht überführt werden

Die Mordkommission ermittelte. Der Fall wurde bereits in den 1980er-Jahren in der Fahndungssendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ behandelt. Das brachte die Ermittler aber nicht weiter. Auch ein damals Verdächtiger konnte nicht überführt werden. Ein Haargutachten zweier Hamburger Biologinnen, die glaubten, in dessen Wagen gefundene Haare als diejenigen der Jungen identifiziert zu haben, wurde vom BKA nicht bestätigt. Der damals bereits in Haft sitzende Mann kam wieder frei. Heute glauben die Ermittler von „Cold Case“, dass er nicht der Mann ist, der Michael Riesterer und Haluk Kocal tötete.

„Cold Case“ hatte den Fall vergangenen Sommer übernommen. Im August 2017 veröffentlichten sie noch einmal Fotos der Jungen und suchten nach neuen Zeugen. Eine „heiße Spur“ war ein 1981 am Fundort der Leichen entdeckter Teppich, der von den Maßen her die Rückablage eines VW Passat war. Zu diesem Teppich gab es nach dem Zeugenaufruf im August 2017 nun einige neue Hinweise. „Davon hat uns keiner weitergebracht“, sagt eine Beamtin.

„Cold Case“-Fahnder hoffen auf Hinweise zu einem Angler

Mehr versprechen sich die Ermittler von einer neuen Phantomskizze, die jetzt mithilfe damaliger Zeugen erstellt wurde.

Die Polizei hatte 1981 einen Zeugen gefunden, der die beiden Jungen gegen 19.20 Uhr an dem Parkplatz, an dem die Fahrräder der Jungen gefunden wurden, gesehen haben will. Die Kinder, so seine Aussage, hätten bei einem Mann an dessen Fahrzeug gestanden. Auffallend war bei dem Wagen gewesen, dass die Kofferraumklappe offen war. Die zweite Zeugenaussage kam von einer Frau. Sie will in den Abendstunden des 15. Juni 1981 an der Reitdeicher Schleuse einen Mann mit selbst gebauter Angel gesehen haben. Mit ihm zusammen waren zwei Jungen, bei denen es sich sehr wahrscheinlich um Michael und Haluk handelte.

Die jetzt veröffentlichte Phantomskizze zeigt einen damals etwa 30 Jahre alten Mann, der zwischen 1,80 und 1,85 Meter groß war. Er hatte eine normale Figur und dunkles, im Nacken rund geschnittenes Haar. Beide Zeugen – der Mann, der zwei Jungen am Wagen eines Unbekannten auf dem Parkplatz nahe Mümmelmannsberg sah, und die Frau, die den Angler an der Reitdeicher Schleuse beobachtet hatte – gaben an, dass die neue Skizze den Mann zeigt, den sie damals gesehen haben.

„Wir haben Grund zu der Annahme, dass der Täter aus dem Bereich der damaligen Hamburger Pädophilenszene stammt“, sagt Polizeisprecherin Heike Uhde. Aktuell gilt das als die heißeste Spur.

Jetzt werden Zeugen gesucht, die wissen, wen das Phantombild des Tatverdächtigen mit seinem Aussehen im Sommer 1981 zeigt. Sie möchten sich, auch anonym, bei der Polizei unter Telefon 42865-6789 melden. Für Hinweise von Zeugen, die zur Ermittlung des Täters führen, hat die Staatsanwaltschaft aktuell eine Belohnung von 3000 Euro ausgesetzt.