Berlin

Die Angst vor der Zweisamkeit

Berlin. Es scheint, als hätte Michael Nast mit seinem Thema voll ins Schwarze getroffen. In seinem Buch „Generation Beziehungsunfähig“ geht es um Geschichten, die für die Generation 30 plus typisch sein sollen. Es geht um jene, die noch kein Haus und keine Kinder haben, die stattdessen total auf ihren Job fokussiert sind. Es geht um selbstverliebte Singles, die nur um sich selbst kreisen. Um jene, die vor lauter Perfektions- und Selbstoptimierungswahn verlernt haben, das Gegenüber so zu schätzen, wie es ist.

Nast erzählt insbesondere von Männern, die immer auf der Suche nach der noch besseren Frau sind – und wenn es Probleme gibt, weiterziehen. Und von denen, die nur undefinierbare Halbbeziehungen eingehen, wegen der Sorge, sich binden zu müssen und damit etwas verpassen zu können. Nasts Buch ist kein Ratgeber und weit von wissenschaftlichen und psychologischen Fundamenten entfernt. Der 41-jährige Autor aus Berlin erklärt sein Buch als Zustandsbeschreibung. Der Hauptprotagonist: er selbst. Michael Nast ist sein eigenes Paradebeispiel.

Das Buch ging durch die Decke, stand 46 Wochen auf der „Spiegel“-Bestseller-Liste und wurde mehr als 100.000-mal verkauft. Sechsstellige Like-Zahlen auf Facebook, und wo Nast aus seinem Buch las, waren Hallen und Hörsäle voll. Viele fühlen sich aus der Seele gesprochen. Ist Bindungsangst also ein Problem unserer Zeit?

Heute sind feste Beziehungen nicht mehr so notwendig

Psychotherapeutin Stefanie Stahl gilt als Deutschlands Expertin in Sachen Bindungsangst, ihre Seminare und Vorträge sind regelmäßig ausgebucht. Kürzlich erschien ihr neues Buch „Jeder ist beziehungsfähig“, auch ein Bestseller. Stahl widerspricht den Beobachtungen Nasts. Sie glaubt nicht, dass Bindungsunfähigkeit eine Generationenfrage ist. „Unsere Zeit begünstigt nur die Bindungsangst, weil man sie leichter ausleben kann als früher“, sagt sie. Die Forschung gehe davon aus, so Stahl, dass 30 bis 40 Prozent der Menschen einen „unsicheren Bindungsstil“ haben. Dies seien konstante Zahlen und hätten weder etwas mit dem Alter noch mit der Generation zu tun.

Der Psychologin zufolge haben sogenannte Bindungsphobiker oft einen ähnlichen Hintergrund. Sie wurden in der Kindheit entweder überbehütet oder vernachlässigt. Das Resultat: ein geringes Selbstwertgefühl. „Diese Menschen haben ständig eine Botschaft im Kopf: ‚So wie du bist, bist du nicht liebenswert.‘“ Aus Angst, verlassen zu werden, folgert die Psychologin, spult sich in einer Beziehung dann ein unbewusster Mechanismus ab – eine Art Distanzierungsprogramm. Demnach neigen die Betroffenen nach einer mehr oder minder kurzen Anfangsphase dazu, an ihrem Partner zu zweifeln. „Sie suchen nach den Schwächen, zoomen diese regelrecht heran und fühlen sich dann davon total abgeturnt“, sagt Stahl. Ein typisches Verhalten in der Beziehung sei, dass sich die Betroffenen nie verbindlich festlegen wollen – sei es für ein gemeinsames Wochenende oder nur auf einen Kinoabend. „Sie sind im ewigen Jein-Modus – nach dem Motto ‚Lass mal auf uns zukommen‘.“

In ihren Seminaren, erzählt Stahl, sitzen Männer wie Frauen, Bindungsängstliche oder deren Partner, die nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Die Phobiker berichten, wie sie sich immer wieder verlieben und – sobald es verbindlicher wird – verschwinden. Dabei wünsche sich der Bindungsängstliche eigentlich nichts sehnlicher als Nähe und Vertrauen, konstatiert die Expertin.

Ein ausgeprägtes Freiheitsbedürfnis ist nicht selten die Folge dieser Nähe-Angst. Betroffene zerreißen sich häufig über die Frage, ob Liebe und Beziehung überhaupt so erstrebenswert sind, dass man dafür Kompromisse eingehen sollte. Häufig bewegten sie sich auf einem Zickzackkurs zwischen Nähe und Distanz. Diese sogenannten On-/Off-Beziehungen laufen dann immer nach dem gleichen Prinzip ab: „Wenn der Bindungsängstliche genug Abstand zu seinem Partner verspürt, weil beispielsweise gerade mal wieder Schluss ist oder weil man sich länger nicht gesehen hat, dann können seine Gefühle recht intensiv werden“, sagt Stahl. „Ist die Beziehung hingegen in einer Phase der Nähe und Sicherheit, also eigentlich gerade am schönsten, dann erleben ­viele Bindungsängstliche den plötzlichen Gefühlstod.“ Dabei, sagt Stahl, seien diese Freiheitsliebenden noch viel unfreier als andere: Sie stecken ständig in einem Korsett aus Ängsten. „Die Kunst ist, beides miteinander zu verbinden – eine liebevolle Beziehung und Freiheit.“

Immerhin soll zumindest die Suche nach „dem oder der Richtigen“ nie so einfach gewesen sein wie für heutige Generationen. Die Partnerbörsen im Internet boomen. Laut einer Erhebung der Stiftung Warentest sollen knapp sieben Millionen Singles in Deutschland auf diese Weise nach einer Beziehung oder Ähnlichem suchen. Allerdings tummeln sich auf den Plattformen auch etliche Nutzer, die ganz andere Ziele verfolgen.

Die Mehrheit benutzt Tinder nur für Selbstbestätigung

Eine Befragung der Nutzer der bekanntesten Online-Partnervermittlung, Tinder, etwa ergab ein weniger hoffnungsvolles Bild. An der Studie des Studentenkreditfinanzierers LendEdu nahmen 10.000 US-Studenten im Zeitraum von Ende 2015 bis März 2017 teil. Das Ergebnis: Die Mehrheit (44,44 Prozent) verwendet die App nur, um Selbstbestätigung zu bekommen und das eigene Ego aufzupolieren. Für sie ist die Nutzung nur ein willkommener Zeitvertreib, reale Kontakte wollen sie nicht knüpfen.

22 Prozent der Teilnehmer sind der Studie zufolge an unverbindlichen sexuellen Kontakten interessiert. Der Rest, 29 Prozent, nannte „weitere Gründe“. Darunter fallen beispielsweise Neugier oder die Suche nach Freundschaften. Ähnliches gilt für ältere Tinder-Nutzer, hat auch Buchautor Nast in seinem Bekanntenkreis festgestellt. Psychologin Stahl allerdings schätzt die Erfahrungen positiver ein – und verweist auf weitere, seriöse Online-Vermittler wie Parship oder Elite-Partner. „Da kann man erst einmal eine Vorauswahl treffen und sich schriftlich beschnuppern. Da ist der Verstand noch mit im Boot und man kann schauen, ob es wirklich passt.“

Und was, wenn man selbst an einen Beziehungsphobiker gerät? Stahl warnt Betroffene vor einem Teufelskreis: Durch das ständige Hin und Her könnten sie sich nie sicher sein, ob der Phobiker sie wirklich liebt. Er wirke dadurch umso begehrenswerter. Es könne sich eine Abhängigkeit entwickeln, die in einer Depression enden könne. Für den Partner gibt es laut Stahl nur zwei Wege: „Entweder er trennt sich, oder er akzeptiert, dass man den anderen nie wirklich haben kann.“ Allerdings, räumt die Beziehungsexpertin ein, könnten auch Bindungsphobiker lernen, langfristig gute Beziehungen zu führen – indem sie Vertrauen aufbauen, sich selbst annehmen, Gefühle adäquat äußern.

Auch Populärliterat Michael Nast will nach eigenem Bekunden die ewigen Singles dazu ermutigen, ihren eigenen Lebensentwurf zu überdenken. Sein neues Buch „Egoland“ erscheint am 9. April. Es beginnt mit dem Satz: „Vielleicht solltest du mal wieder mit einer Frau schlafen, die du magst.“ Das könnte zumindest eine gute Basis für eine Beziehung sein.

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