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In dubio pro Taube

Wie gefährlich ist die „Ratte der Lüfte“ wirklich? Ein Hamburger Gericht musste unglaubliche Vorwürfe prüfen

Als Symbol für Liebe und Frieden genießen weiße Tauben einen guten Ruf. Ihre verlotterte Schwester hingegen ist das Aschenputtel unter den Columbidae – die mausgraue Stadttaube wird als „Ratte der Lüfte“ verunglimpft, als gefiederte Stadtplage, deren Ausscheidungen Häuser zum Einsturz, Autolacke zum Schmelzen und Menschen ins Grab bringen.

Es liegt in der Natur der Sache, dass aus Tierschützern und Kammer­jägern niemals Turteltauben werden. Die weltweit führende Schädlingsbekämpfungsfirma Rentokil mit Sitz in Lingen hatte auf ihrer Internetseite elf teils tödlich verlaufende Krankheiten aufgelistet, die angeblich durch Tauben übertragen werden sollen. Darunter, auch die Geschlechtskrankheit Trichomoniasis. Wer’s glaubt! Der Erreger siedelt sich zwar bevorzugt im Kropf der Vögel an, ohne aber die Äquatorialebene des Menschen zu behelligen.

So viel Unbill muss selbst die härteste Taube schmerzen. Rentokil verbreite Lügen und schüre Angst vor Stadttauben, gurrten darauf die Vogelfreunde des Vereins Hamburger Stadttauben. Rentokil konterte mit einer Abmahnung und drohte mit hohen Geldstrafen, sollte der Verein seine Behauptungen wiederholen. Am Ende landeten die Streithähne vor dem Hamburger Landgericht. Ergebnis: Rentokil ließ den Unterlassungsanspruch fallen – ihre Website hatte die Firma da schon entschärft.

Doch bis die mehr als 25.000 Hamburger Stadttauben in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, ist wohl noch viel Lobbyarbeit nötig.

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