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Im Reich der Schnitte

In China blüht die Schönheitschirurgie. Millionen wünschen sich dort „westlichere Nasen“

Dass mit dem Willen zur Schönheit auch eine Leidensbereitschaft einhergeht, weiß der Volksmund. In welchem Umfang aber Menschen mittlerweile bereit sind, dafür Blut, (einen hohen) Preis und Tränen, Schlauchbootlippen oder eine erstarrte Mimik in Kauf zu nehmen, macht immer wieder staunen.

Im Reich der Mitte blüht zurzeit die Schönheitschirurgie. Eine chinesische Branchen-App prophezeit für 2018 Operationen bei 14 Millionen Patienten, 42 Prozent mehr als 2016. In der privaten Huiamei-Klinik in Shanghai sind nach Angaben von Chirurg Li Jiab 90 Prozent der Patienten Frauen. Ganz vorne mit dabei in den Chirurgie-Charts: westlichere Nasen. Wissen sie dort, was sie tun? Man sollte die Chinesen mal beiseitenehmen und sie auf die Charaktermacken der Menschen hinweisen, die bei uns mit westlichen Nasen herumlaufen.

Lehrer und Studenten bekommen übrigens 20 Prozent Rabatt. Ob das Konzept vom „schöner lehren“ funktioniert? Angeblich versprechen sich aufgehübschte Studenten bessere Berufsaussichten. „Manche wollen auch nur schöner sein für Selfies“, berichtet Li. Es lebe der Narzissmus!

Das Motto „Wer schön sein will, lässt schneiden“ scheint aber auch hier zu gelten. Ganz oben auf der Hitliste der Schönschnitzereien bei Männern stehen Augenlidkorrekturen. Die haben auch bei den Frauen die Brustvergrößerungen von ihrem Spitzenplatz verdrängt. „Bei den Frauen rückt das Gesicht mehr in den Fokus“, bilanziert ein Mediziner. Bauernweisheiten wie die von Ina Müller gern unter das Volk gebrachte „Schöönheit vergeiht, Hektar besteiht“ taugen nur noch für ein Comedy-Programm, wie traurig!

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