Kino-Tipp

Gary Oldman brilliert im Politdrama „Die dunkelste Stunde“

Gary Oldman als britischer Premierminister  Winston Churchill (1874–1965), eine Verwandlung, die erst dank Hilfe sehr aufwendiger Maskentechnik möglich wurde

Gary Oldman als britischer Premierminister Winston Churchill (1874–1965), eine Verwandlung, die erst dank Hilfe sehr aufwendiger Maskentechnik möglich wurde

Foto: Jack English / dpa

Kurz nach seinem Amtsantritt als britischer Premierminister steht Winston Churchill im Frühsommer 1940 vor schwersten Entscheidungen. Hitlers Armeen überrennen Westeuropa und bedrohen Großbritannien. Churchills politische Gegner setzen ihn unter Druck, mit Hitler über einen Frieden zu verhandeln. Doch der Staatsmann riskiert die Evakuierung der britischen Truppen aus Dünkirchen und nimmt dafür selbst hohe Verluste in Kauf.

Die Hauptrolle als politisches Schwergewicht in „Die dunkelste Stunde“ übernimmt Gary Oldman. Eigentlich hat der Schauspieler keinerlei Ähnlichkeit mit dem britischen Polithelden. Doch seine einprägsame und zum Teil fast groteske Verwandlung mithilfe von Maskenbildner-Spezialeffekten galt schon vor Filmstart als auszeichnungswürdig. Einen Golden Globe als bester Hauptdarsteller gewann er bereits. Zu Recht: Oldman gibt glaubhaft den mal mürrisch-depressiven, oft nuschelnden und zunehmend isolierten Premierminister. Gary Oldman verschwindet fast völlig unter den Polsterschichten – doch seine Manierismen wirken lebensecht.

Sechs Monate dauerten die Tests mit Make-up und Fettprothesen. Gleichzeitig entwickelten Regisseur Joe Wright und sein Hauptdarsteller die Rolle in allen Einzelheiten. „Churchill rauchte eine Menge Zigarren und trank viel. Deshalb war sein Atmen sehr spezifisch“, erzählte Regisseur Joe Wright der Deutschen Presse-Agentur. „Dann begannen wir darüber zu diskutieren, wie er ging – zielgerichtet, mit Energie und Dynamik.“ Oldman spielt den damals vorerst unpopulären Politstrategen „als Europa zusammenbrach und Großbritannien allein gegen die tödlichste Kriegsmaschine stand, die die Welt je gesehen hatte“, wie das britische Massenblatt „Daily Mail“ stolz die patriotischen Untertöne des Films betonte – möglicherweise ist das auch die Weltsicht vieler Brex­it-Befürworter.

Der Film versucht den Menschen Churchill vom Mythos zu trennen

Doch auch eine Spitze gegen die Amerikaner fehlt nicht: Churchill fleht Präsident Roosevelt am Telefon an, ihm die Schiffe zu überlassen, die die Briten bereits von den USA gekauft haben. Vergebens. Die berühmten Reden des begnadeten Rhetorikers und späteren Literaturobelpreisträgers setzen die Höhepunkte des Films, aber verraten auch seine Schwäche: Die langatmige Rhetorik seines legendären „Blut, Schweiß und Tränen“ erinnert an eine Geschichtsstunde; vieles wird über Worte statt Bilder erzählt.

Nur wenn der Film aus der – wunderschön stilisierten – Isolierung der unterirdischen Kommandozentrale ausbricht, erhaschen wir kurze Blicke auf die stille Verzweiflung der britischen Soldaten und den Durchhaltewillen der Londoner ­Bevölkerung.

Regisseur Wright ist für seine elegante Filmästhetik bekannt: In „Abbitte“ zeigte er in einer unvergesslichen Sequenz das Grauen des Kriegs am Strand von Dünkirchen. Nun erzählt er diese Geschichte aus anderer Perspektive – als Polittheater – und verknüpft es mit Churchills Biografie. Den Staatsmann verkörpert zwar Oldman. Doch vor allem Kristin Scott Thomas als seine Frau Clementine und Lily James als junge Privatsekretärin schaffen es, die Legende greifbar zu machen und mit manchmal beißendem Humor den Menschen Churchill vom Mythos Churchill zu trennen.

„Die dunkelste Stunde“ GB 2017, 125 Min., ab 6 J., R: Joe Wright, D: Gary Oldman, Kristin Scott Thomas, täglich im Blankeneser, Koralle, Passage, Savoy (OF), Studio (OmU), UCI Mundsburg