Port-au-Prince

Das Wunder von Haiti

Port-au-Prince. Es war fast auf den Tag genau vor acht Jahren, als eines der verheerendsten Erdbeben aller Zeiten Haiti nahezu zerstörte. Rund 316.000 Menschen starben, Hunderttausende wurden verletzt, fast zwei Millionen obdachlos. Zu den Opfern des Bebens der Stärke 7,0 gehörte auch Nadine Cardozo-Riedl. 105 Stunden lag die mit einem Zahnarzt aus dem bayerischen Bad Aibling verheiratete Frau schwer verletzt unter den Trümmern ihres Luxushotels in der Hauptstadt Port-au-Prince, dann wurde sie lebendig geborgen. Heute baut sie das „Montana“, in dem bereits Bill Clinton, Kofi Annan, Brad Pitt und Angelina Jolie zu Gast waren, wieder auf. Die Unternehmerin macht dem ärmsten Land der westlichen Hemisphäre Mut. Ihre Kraft zeugt vom unzerstörbaren Überlebenswillen der Haitianer.

„Höhlenforscherin werde ich wohl nicht mehr. Vier Tage unter der Erde haben mir vollkommen gereicht.“ Das Beben hat Nadine Cardozo-Riedl fast getötet, ihren Humor hat es ihr nicht nehmen können. Kerzengerade sitzt die elegante 70-Jährige auf der Terrasse ihres Hotels und berichtet in perfektem Deutsch von jenen Tagen, über die sie eigentlich nie mehr sprechen wollte. „Ich bin 70 Jahre alt. Davon habe ich 105 Stunden unter den Trümmern meines Hotels verbracht. Diese vier Tage sollen nicht den Rest meines Lebens dominieren“, sagt die gebürtige Haitianerin, die ihren Mann bei den Olympischen Sommerspielen in München 1972 kennenlernte. Als Nadine Cardozo-Riedl nach dem Erdbeben wieder zu sich kommt, liegt sie unter der eisernen Tür ihres Büros. Über sich hat die 1,75 Meter große Frau fünf Zentimeter Luft, darüber türmen sich die Trümmer von vier Stockwerken. Ein Stahlträger hat sich in ihr Bein gebohrt.

„Ich habe mich nur darauf konzentriert, die Schmerzen irgendwie zu ertragen. So hatte ich keine Zeit zu verzweifeln“, erzählt Cardozo-Riedl. Sie weiß, dass es im korrupten Haiti kaum professionelle Rettungskräfte gibt und es Tage dauern kann, bis Retter eintreffen. „Ich war und bin ein gläubiger Mensch. Aber in den Tagen unter den Trümmern habe ich mit meinem Gott gehadert“, erinnert Cardozo-Riedl sich.

Nach vier Tagen hat kaum noch jemand Hoffnung, die Managerin lebendig zu bergen. Doch ihr damals 30-jähriger Sohn gibt nicht auf, kriecht immer wieder in die Spalten zwischen den eingestürzten Mauern, geht die Trümmer mit den Rettungskräften und Suchhunden ab. Als er schließlich die brüchige Stimme seiner Mutter hört, arbeitet er sich mit den Rettern Zentimeter für Zentimeter vor. Ein Wettlauf gegen die Zeit, den Cardozo-Riedl gewinnt. Der eiserne Wille der dehydrierten Frau beeindruckt den Retter, der als Erstes zu ihr vordringt. Seine erste Tochter wird er später Nadine nennen.

Wiedereröffnung nur vier Monate nach dem Erdbeben

Die Bilder von Cardozo-Riedls Rettung gehen als Zeichen der Hoffnung um die Welt. Die Hotelbesitzerin erfährt, dass unter den Trümmern ihrer 142 Zimmer und 42 Appartements 85 Menschen ­gestorben sind. Viele der Toten kannte sie. Unter ihnen sind Familienan­gehörige, Freunde, Gäste und Angestellte.

Trotz ihrer Dankbarkeit, überlebt zu haben, droht ihre Trauer, übermächtig zu werden, bis Cardozo-Riedl beschließt, noch einmal ganz von vorn anzufangen. „Aufgeben liegt nicht in der Natur der Haitianer“, sagt sie. Zusammen mit ihrer Schwester entscheidet sie sich, das Hotel wiederaufzubauen. Die harte Arbeit wird für die Frau, die sich nach dem Beben neun komplizierten Operationen unterziehen musste, zur Medizin.

Nachdem 12.000 Lastwagen-Ladungen Trümmer abtransportiert worden waren, eröffneten die Schwestern das Hotel mit zunächst 15 Zimmern neu – nur vier Monate nach der Zerstörung. Mittlerweile hat das „Montana“ 68 Zimmer, 120 sollen es einmal werden. Und bald will Cardozo-Riedl wie einst auch wieder Ehepaare auf Flitterwochen begrüßen – und weniger Blauhelme.