Gute Nachricht

Wenn der Pastor zum Putzen kommt

Lesedauer: 5 Minuten
Kristiane Backheuer

„Meine gute Nachricht des Jahres“ –Teil 2: In seiner Gemeinde in Sülfeld bietet Steffen Paar kostenlos seine Arbeitskraft an.

Sülfeld.  Ein Pastor, der auszieht, das Gute zu suchen. Passend zum Reformationsjubiläum hat Steffen Paar (37) eine ungewöhnliche Idee. Um die Lebenswelten seiner Mitmenschen besser kennenzulernen, bietet er zwölf Monate lang seine Arbeitskraft zum Nulltarif an. Einzige Bedingung: Es muss Zeit sein, über Gott und die Welt zu reden. Er tauft die Aktion „Pastor to go“ und zieht mit viel Neugier in seiner Gemeinde Sülfeld (Kreis Segeberg) los.

Mit dabei in seinem Herzen: die gute Nachricht, das Evangelium von Gott. Was Steffen Paar in den Häusern der Menschen erlebt, bewegt ihn tief und zeigt ihm, dass es überall gute Nachrichten gibt. Eigentlich muss man nur offen dafür sein.

„Es ist nicht einfach, als Mensch hinter der Rolle als Pastor spürbar zu bleiben“, erzählt Steffen Paar in seinem kleinen Pastorat aus dem Jahre 1773. „Ein Taufgespräch ist für mich ein sicheres Ding. Aber vor einem unbekannten Haus zu stehen und gleich mit Fremden etwas zu machen, sorgt bei mir für ziemliche Unsicherheit. Aber in den Häusern entsteht ein Schutzraum. Dort Mensch zu sein, ist dann gar nicht schwer.“ Wundervolle Begegnungen erlebe er, während er mit wildfremden Menschen Marmelade kocht, das Bad putzt oder Blumenzwiebeln pflanzt. „Ich fühle mich als Teil eines großen Ganzen, in dem wir alle verbunden sind und uns gegenseitig bereichern“, so Paar. Wenn er dann Wochen und Monate später hört: „Ach, den kenn ich, mit dem hab ich schon die Toilette geschrubbt“, ginge ihm das Herz auf.

Herausfordernder Beginn

Dabei war es ein herausfordernder Beginn für Steffen Paar in der Gemeinde, in der rund 2000 evangelische Christen leben. Als er sich am 3. Advent 2014 mit einer Predigt zum Thema „Türen“ vorstellt, ist die Pastorenstelle seit zwei Jahren unbesetzt. Nun kommt einer aus dem Schwarzwald, jung, dynamisch und schwul. Und bittet darum, dass ihm die Tür geöffnet und er eingelassen wird. Versprechen könne er allerdings nichts, sagt er. Außer: Dass er seine Arbeit mache, kreativ sei und durchaus auch mal mit unbequemen Ansichten stören werde.

Er bekommt die Stelle, zieht mit seinem Lebenspartner ins alte Pastorat, heiratet wenig später und versucht, den Glauben zu den Menschen zu tragen.

Dabei geht er gerne neue Wege. So setzt er sich ab und zu einfach auf den Marktplatz oder geht mit Aktionen wie „Pastor to go“ auf die Menschen zu. Auf die Frage, ob er Kirche modernisieren und attraktiver machen möchte, schmunzelt Paar: „Das denken viele. Aber meine Sendung ist das nicht. Ich lebe Kirche so wie sie in meinen Träumen ist und hoffe, dass das ausstrahlt. Eine Gemeinschaft, in der sich jeder willkommen fühlt. Menschen, zu denen ich kommen kann und die sich auf den Weg zu mir machen. Mit Jubeln und Lachen. Mit viel Trost und Schweigen. Und in der Mitte Raum für Gott. Und für heilige Worte, stammelnde Gebete, Klage und tanzende Seelen.“

Richtige Einstellung wichtig

Ursprünglich wollte er mit der Aktion „Pastor to go“ den Menschen etwas geben, sagt er. „Aber am Ende bin immer ich der Beschenkte.“ Vor allem ein älterer Mann habe ihn schwer beeindruckt. Beim Kartoffelschälen erzählte der von seinem steinigen Leben. Er habe gelernt, dass man alles überstehen kann, wenn man die richtige Einstellung hat. Man müsse sich nur entscheiden, das anzunehmen, was kommt. „Genau diese Worte brauchte ich zu diesem Zeitpunkt“, sagt Steffen Paar. „Diese Begegnung hat mir sehr geholfen.“ Würde der Reformator Martin Luther aus dem Himmel auf Sülfeld blicken, würde er bestimmt schmunzeln. „Der Glaube bringt den Menschen zu Gott, die Liebe bringt ihn zu den Menschen“, sagte der einst. Ob er damals schon einen „Pastor to go“ im Kopf hatte?

Lesen Sie morgen: Wie ein dieses Jahr zugelassenes Medikament Menschen mit spinaler Muskelatrophie neue Hoffnung gibt.

Die Aktion

„Meine gute Nachricht des Jahres 2017“ ist ein Projekt des Hamburger Abendblatts mit dem Radiosender NDR Info, der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“, den „Kieler Nachrichten“ und der „Ostsee-Zeitung“ in Rostock. Alle Medien hatten ihre Leser und Hörer aufgerufen, schöne, außergewöhnliche Erlebnisse einzusenden, von denen eine Jury sechs ausgewählt hat. Diese können Sie bis Sonnabend täglich in den Zeitungen lesen sowie bei NDR Info um 7.50 und 9.50 Uhr und auf abendblatt.de/gutenachricht hören.