Titel

Seine Stunde

Eine Bundeskanzlerin, die nur noch geschäftsführend im Amt ist. Eine Handvoll Parteien, die nicht regieren können, wollen oder sollen. Und ein ganzes Land, das sich fragt, was jetzt werden wird.

Es ist seine Stunde. Die Stunde von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (61). Fast scheint es, als sei die ganze Laufbahn des Tischlersohns, von den Anfängen im heimatlichen Brakelsiek im Kreis Lippe bis hinauf ins Schloss Bellevue, nur Vorbereitung gewesen für diesen einen Moment: Wege zu weisen aus der Ratlosigkeit, die sich gestern nach dem Jamaika-Aus lähmend über das Regierungsviertel gelegt hat.

Krisenlösung – wer wäre dafür besser geeignet als „Prickel“, der einst schon beim TuS 08 Brakelsiek nicht nur als „fußballerischer Filigrantechniker“ (Steinmeier über Steinmeier) auffiel, sondern ebenso mit Geradlinigkeit und Fairness. 1991 holte Niedersachsens damaliger SPD-Ministerpräsident Gerhard Schröder seinen ostwestfälischen Landsmann in die Staatskanzlei nach Hannover, wo der Jurist und Genosse schnell aufstieg – bis er schließlich in Berlin als Kanzleramtschef und Außenminister am ganz großen Rad drehte.

Nur einmal, im August 2010, verabschiedete er sich für einige Wochen aus der Politik, weil es Wichtigeres gab: Er spendete seiner Frau Elke Büdenbender, mit der er eine Tochter hat, eine Niere. Er verlor kaum Worte darüber. Ein Liebesbeweis. Eine Selbstverständlichkeit.

Selbst Kanzler zu werden, blieb Steinmeier verwehrt. Die verlorene Wahl gegen Merkel 2009 ist eine seiner wenigen großen Niederlagen. Und jetzt diese Ironie des Schicksals: Jetzt muss Merkel auf ihn vertrauen. Steinmeier ist Herr des Regierungssuch-Verfahrens. Ausgerechnet der Mann, der vor der Präsidentenkür als „Merkels Notlösung“ geschmäht wurde. Er wird auch diese Aufgabe so erledigen, wie er alle erledigt. Kompetent, gelassen und fair. (ku)