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Archäologen graben Gorleben-Camp aus

„Freie Republik Wendland“ wird rekonstruiert. Ist auch dieser Text bald ein Artefakt?

Es gibt sie noch, die Dinge, auf die man sich verlassen kann, die Halt geben in haltlosen Zeiten. Zum Beispiel: Einmal in der Woche wird der Müll runtergebracht.

Vielleicht ist das nicht mehr lange so. Denn die Archäologie holt unerbittlich auf. Im Wendland wird nun die „Freie Republik Wendland“ ausgegraben, das Protestcamp gegen das geplante Atommüll-Endlager. Die Ausgrabung nahe Gorleben soll rekonstruieren, „wie das Camp aufgebaut war und wie der Alltag dort aussah“, heißt es in der Pressemitteilung der Uni Hamburg. Es handele sich um eine „erstmals im deutschen Raum“ durchgeführte „archäologische Erforschung der Alltagskultur des späten 20. Jahrhunderts“. Im Erdreich würden „Hunderte Artefakte“ lagern.

Die „Freie Republik Wendland“ existierte vier Wochen im Mai 1980, bis 2017 sind es nur 37 Jahre. Für einen Archäologen, der sich geschmeidig durch die Jahrhunderte bewegt, ist das nichts. Demnächst dürfte es also vorbei sein mit der Tradition des Müll-Heruntertragens. Denn auch in meiner Küche, in meinem Mülleimer, ruhen Hunderte Artefakte. Grabungen in dem 120-Liter-Sack würden zum Beispiel Kontoauszüge zutage fördern, die wertvolle Aufschlüsse über typische Geldflüsse in der Alltagskultur des frühen 21. Jahrhunderts liefern können.

Die eine oder andere Weinflasche dürfte beweisen, dass Hamburg in jenem Jahrhundert weitgespannte Geschäftsbeziehungen unterhielt, die zumindest bis zum Mittelmeerraum reichten, in einigen Fällen sogar (Sensation!) bis nach Chile und Australien. Wäre es da nicht am besten, wenn in Zukunft einmal in der Woche die archäologische Müllabfuhr käme?