Frankfurt

Die Suche nach dem Ursprung der Musik

Frankfurt. In Mythen ist die Welt meist einfach – auch bei der Musik: In der griechischen Mythologie erfand der Götterbote Hermes am Tag seiner Geburt aus dem Panzer einer Schildkröte die Leier. Deren Macht zeigte sich bald. Als Hermes seinem Halbbruder Apollon eine Rinderherde stahl und dafür zur Rede gestellt wurde, trug er ihm auf dem Zupfinstrument ein Lied vor. Apollon – immerhin Gott der Künste – war so verzückt, dass er Hermes für das Instrument die Rinder schenkte.

In vielen Kulturen erklären Mythen, wie Musikinstrumente in die Welt kamen. Stets sind sie eine Gabe der Götter, die das Leben bereichert. "Musik gilt in vielen Kulturen als Band zwischen Himmel und Erde", sagt Melanie Wald-Fuhrmann, Direktorin am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt.

Nicht nur der Mensch macht Musik, sagen manche Forscher

Auch Wissenschaftler spüren dem Ursprung der Musik nach. Archäologen, Ethnologen, Biologen, Hirnforscher und Musikwissenschaftler suchen nach Hinweisen darauf, wo diese Kunst eigentlich herstammt. Das Forschungsfeld ist naturgemäß schwammig, die konkretesten Erkenntnisse stammen aus der Paläontologie – und aus Süddeutschland.

Die ältesten Musikinstrumente wurden auf der Schwäbischen Alb nahe Ulm entdeckt. Die Flöten sind grob 40.000 Jahre alt – stammen also etwa aus jener Zeit, als der moderne Mensch nach Europa kam. Die frühesten Funde sind aus den gerade zum Weltkulturerbe erklärten Höhlen Hohler Fels, Geißenklösterle und Vogelherdhöhle. Gefertigt wurden die teils mehr als 20 Zentimeter langen Instrumente aus Vogelknochen oder Mammutelfenbein.

"Wir haben an drei unterschiedlichen Fundorten etwa zehn Flöten oder Fragmente davon entdeckt", sagt Nicholas Conard vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Tübingen. "Die Menschen nutzten damals Flügelknochen von Geiern und Schwänen. Die sind hohl und relativ groß." Sie trennten die Enden ab und schnitten drei bis fünf Löcher in die Knochen – im Gegensatz zu heutigen Flöten angeschrägt. "Das war gewollt", erläutert Conard. "So kann man mehr Töne erzeugen, auch Obertöne. Auf diesen Flöten kann man jedes Lied spielen."

Mit welchem Fachwissen Menschen schon damals Instrumente fertigten, zeigen vor allem die Flöten aus Mammut-Elfenbein. Dazu spalteten die Konstrukteure Stoßzahn-Fragmente der Länge nach auf und höhlten dann das Innere aus. Nach dem Schneiden der Löcher setzten sie beide Hälften kunstfertig wieder aneinander, banden sie mit Sehnen oder Pflanzenfasern zusammen und dichteten sie mit Klebstoff ab.

Ob diese aufwendige Technik damals erst erfunden wurde, ist unklar. Trommeln, die einfacher zu bauen sind, gab es vermutlich schon viel früher. Doch weil die meist aus Haut und Holz sind, halten sie sich im Gegensatz zu Knochen nicht über Zehntausende Jahre. Trommeln, Singen, Klatschen, Tanzen – das habe es vermutlich schon wesentlich früher gegeben, glauben Forscher. Aber was heißt das genau?

Der Homo sapiens ist mindestens 300.000 Jahre alt, in dieser Zeit hat sich sein Aussehen nur unwesentlich verändert, wie ein Team um Jean-Jacques Hublin vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie kürzlich im Fachblatt "Nature" berichtete. Die anatomischen Anlagen etwa zum Singen waren demnach schon damals vorhanden – ob sie genutzt wurden oder nicht.

Aber ist Musik überhaupt eine Fähigkeit, die nur der Mensch hat? Darüber gehen die Meinungen auseinander – je nachdem, was man unter Musik versteht. "Wenn Musik aus Komponenten besteht, die aufeinander aufbauen, dann findet man das auch bei Tieren", sagt Marisa Hoeschele. Die Biologin von der Universität Wien verweist etwa auf Singvögel und Papageien, die nicht nur Melodien erzeugen, sondern auch Rhythmen erkennen könnten. Auf einem Youtube-Video tanzt Gelbhaubenkakadu Snowball zum Beat der Backstreet Boys. Andere Vögel imitieren Liedmelodien, und Tauben können nach entsprechendem Training Stücke der Komponisten Bach und Strawinsky voneinander unterscheiden. Forscher berichten auch über einen Rhythmus haltenden Seelöwen in Kalifornien und trommelnde Schimpansen in Uganda, die so vermutlich Botschaften aussenden.

Musikwissenschaftlerin Wald-Fuhrmann überzeugt das noch nicht. "Singvögel wie etwa Buchfinken reproduzieren nur angeborene und erlernte Klangfolgen. Sie erfinden aber keine Melodien, wie Menschen es tun." Manche Tiere könnten zwar einen gleichbleibenden Takt halten, aber keine Art vermöge dies bei einem sich ändernden Rhythmus.

"Musik im engeren Sinne, als etwas Kreatives, das man wesentlich um seiner selbst willen betreibt, ist etwa spezifisch Menschliches", folgert sie. "Wir haben als Art verschiedene Anlagen, die es uns erlauben, so etwas wie Musik zu machen." Im Laufe ihrer Geschichte hätten die Menschen diese Anlagen kombiniert, und mit der Zeit entstanden ausgefeilte Systeme. "Wir erfinden Musik und erfinden sie immer wieder neu", sagt Wald-Fuhrmann.

Nach dem Ursprung der Musik könne man auch suchen, indem man nach ihrem ursprünglichen Zweck frage. In allen Kulturen der Welt erfüllt sie bestimmte Funktionen: etwa Singen, um Kinder zu beruhigen oder zum Schlafen zu bringen, Musik zur Partnerwerbung, beim Arbeiten, im Krieg, und nicht zuletzt im religiösen Rahmen. "Wenn Menschen überall für diese Funktionen Musik machen, dann haben wir vielleicht hier die Wurzeln", sagt Wald-Fuhrmann.

Seit Jahren untersuchen Forscher, ob die heutigen Formen von Musik Grundstimmungen transportieren, die überall auf der Welt verstanden werden – als universale Sprache der Gefühle. Aufsehen erregte vor einigen Jahren eine Studie des Leipziger Forschers Thomas Fritz vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften. Im entlegenen Norden von Kamerun spielte er Menschen der dort lebenden Volksgruppe Mafa kurze Klavierstücke vor. "Obwohl die Menschen vorher noch nie westliche Musik gehört hatten, konnten sie einige emotionale Ausdrücke erkennen", sagt Fritz. Sie konnten ebenso wie westliche Hörer den jeweiligen Stücken tendenziell die Gesichtsausdrücke für fröhlich, ängstlich oder traurig zuordnen, wie die Forscher im Fachblatt "Current Biology" schrieben. "So wurde Musik mit schnellen Tempi in beiden Gruppen tendenziell als fröhlich empfunden. Für traurige und beängstigende Empfindungen war dagegen weniger das Tempo, dafür aber das Tongeschlecht maßgebend", sagt Fritz und folgert: "Es gibt Aspekte von Musik, die anscheinend universell erkannt werden."

Wald-Fuhrmann ist eher skeptisch. Sie hatte in einer ähnlichen Studie Menschen aus verschiedenen Kulturen Lieder vorgespielt – ohne solchen Erfolg. "Musik ist eine künstliche Sprache, deren Bedeutung man erst lernen muss." So sei etwa das in der westlichen Musik eher mit Melancholie verbundene Tongeschlecht Moll in der traditionellen Musik Afrikas nicht üblich. Und traurige Gefühle würden dort auch mit schnellen Rhythmen ausgedrückt.

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