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Im Herzen des Energie-Giganten

Vattenfall öffnete die Tore seines Steinkohlekraftwerks Moorburg, das die Stadt allein mit Strom versorgen kann

20 Uhr, Ortstermin an der Süderelbe: Es ist ein kalter, nasser Herbstabend. Doch das typische Hamburger Nieselwetter hat die rund 100 wissbegierigen Besucher nicht abgehalten. Sie alle wollen das Energie-Herz von Deutschlands zweitgrößter Metropole von innen inspizieren, denn der schwedische Energiekonzern Vattenfall hat im Rahmen der zehnten Langen Nacht der Industrie die Tore zu seinem Steinkohlekraftwerk in Moorburg geöffnet.

Es sind Berufstätige, Senioren, Schüler und Studenten, die einen Blick hinter die Kulissen werfen möchten. Sie wollen wissen: Wie funktioniert die Energiegewinnung aus Steinkohle? Und ist sie noch zeitgemäß? So auch Frederik Krohn, Gymnasiast aus Hamburg-Alsterdorf: „Mich interessiert, wie umweltverträglich ein modernes Kohlekraftwerk betrieben wird“, sagt der 16-Jährige.

In einem kurzweiligen Vortrag erläutert Dr. Markus Weissermel (51), kaufmännischer Geschäftsführer bei Vattenfall, die Entstehungsgeschichte und die wichtigsten Fakten zur 1,6-Gigawatt-Anlage, deren Bau 2,8 Milliarden Euro gekostet hat. Die Besucher lernen: „Das Kraftwerk passt seinen Betrieb der Einspeisung von Wind- und Sonnenenergie an. Kann nur sehr wenig regenerative Energie erzeugt werden – wie zuletzt im Januar –, liefert Moorburg nahezu den gesamten Strombedarf der Hansestadt“, so Weissermel.

Bevor es für die Teilnehmer zum Kraftwerksrundgang geht, muss sich jeder eine gelbe Warnweste überziehen und einen Sicherheitshelm aufsetzen. Auch Ohrstöpsel dürfen nicht fehlen. Denn später, im Maschinenraum, wird es laut.

Die erste Station führt in eines der beiden gigantischen Kohlekreislager. In den riesigen, kuppelartigen Gebäuden können jeweils 150.000 Tonnen Steinkohle gelagert werden – der Rohstoff für die Energieerzeugung. „Die Menge reicht für etwa einen Monat Volllastbetrieb“, sagt Gudrun Bode. Die Leiterin des Informationszen­trums erklärt den Besuchern während der Führung jeden Produktionsschritt der Stromerzeugung. Es geht weiter über die 100 Meter lange Kohleförderanlage, die quer über das Hafenbecken führt. Wer Höhenangst hat, ist hier nicht gut aufgehoben. Die Förderbänder transportieren den schwarzen Rohstoff in über zehn Metern Höhe von der Kaianlage in die Kreislager. Am Hafenkai wird das aus Russland und Nordamerika importierte Brennmaterial mit Schüttgutschiffen angeliefert und gelöscht. Dabei kommen zwei riesige Entladekräne zum Einsatz. Und die sind sehr schnell. „Jeder Kran schaufelt 1500 Tonnen Kohle in der Stunde aus den Laderäumen der Frachter“, so Bode.

Herbstlich eingepackt stehen die Besucher im 30 Grad heißen Raum

Vorbei an den brummenden und dröhnenden Transformatoren – sie speisen den Strom mit 380.000 Volt ins Hochspannungsnetz ein – und nach einem Abstecher zum Kühlungssystem wird die Zeit knapp: Forschen Schrittes führt Bode die Besuchergruppe nun ins Herz der Anlage: das Maschinenhaus. Hier ist es nicht nur laut, sondern auch heiß. Bei über 30 Grad Innentemperatur bestaunen die herbstlich eingepackten Besucher die riesige vierteilige Turbine – angetrieben mit 600 Grad heißem Dampf und 276 Bar Druck. Die dadurch erzeugte mechanische Energie wird in den Generatoren in elektrischen Strom umgewandelt. „Die Anlage erzeugt bis zu 24 Megawattstunden in der Minute. Damit kann man ein ganzes Krankenhaus mehrere Tage mit Strom versorgen“, sagt Bode.

Bemerkenswert ist auch der Aufwand, mit dem die Verbrennungsgase – sogenannte Rauchgase – gereinigt werden. In Moorburg, einem der modernsten Steinkohlekraftwerke weltweit, geschieht das in einem dreistufigen Verfahren. So bleibt die Anlage bei Kohlenmonoxid und Schwefeldioxid um 50 Prozent und bei Stickoxid um 65 Prozent unter den gesetzlichen Grenzwerten. Beim Reinigungsprozess entstehen als Nebenprodukte Asche und Gips, die später industriell verwertet werden.

Werksführungen für Interessierte sind das ganze Jahr über möglich

Bei der Werksführung wird deutlich: Bis zur Komplettversorgung mit alternativen und regenerativen Energien ist es noch ein langer Weg. Das sieht auch Rundgangteilnehmerin Melanie Hillmer, Erzieherin aus Seevetal, so: „Hier wurde plausibel erklärt, weshalb man auf den Energieträger nicht verzichten kann und wie flexibel die Kraftwerksleistung an die Spitzen der regenerativen Energieerzeugung angepasst werden kann.“ Wer sich selbst ein Bild machen möchte, kann sich an Vattenfall wenden – Führungen sind das ganze Jahr über möglich.

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