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Deutschlands falsche Helden: Der Schlaf hat bei vielen Berufstätigen – und ihren Chefs – ein schlechtes Image

Haben Sie heute Nacht gut geruht? Lesen Sie wirklich ausgeschlafen diese Zeilen? Glückwunsch. Nach Studien haben 80 Prozent der Erwachsenen zwischen 18 und 65 Jahren häufig Pro­bleme mit dem Ein- oder Durchschlafen. Jeder Zehnte klagt sogar über eine schwere Schlafstörung, im Vergleich zu 2010 nehmen heute fast doppelt so viele Berufstätige Schlaftabletten.

Der besondere Dank aller Schlaf-gestörten geht heute an die lieben Kollegen der „Apotheken Umschau“. Dort erklärt ein Experte die grassierende chronische Müdigkeit mit dem schlechten Image des Schlafes. Obwohl Schlafmangel ähnlich wie Rauchen oder Übergewicht die Gesundheit gefährde, gelte es als chic, mit durchgearbeiteten Nächten zu kokettieren.

In der Tat: Wer morgens die Kollegen mit dem Satz begrüßt, dass er endlich mal wieder gut gepennt habe, wird bestenfalls schräg angeguckt, zum Helden der Arbeit wird er in dieser Firma garantiert nicht mehr. Chefkompatibel sind dagegen Sprüche wie: „Also, mir reichen ja fünf Stunden Schlaf.“ Oder: „Die Präsentation mache ich locker bis morgen früh fertig. Nach Mitternacht habe ich immer die besten Ideen.“

Leider hat Schlaf offenbar auch bei den angehenden Jamaika-Koalitionären ein schlechtes Image. Sprachstanzen wie „Wir haben bis tief in die Nacht intensiv verhandelt“ sollen dem gemeinen Volk signalisieren, dass man nun wirklich alles versuche, sich zügig zu einigen. Mal ganz ehrlich: Würden wir entspannt ein Flugzeug betreten, in dem uns ein völlig übermüdeter Pilot mit Derrick-großen Tränensäcken an der Cockpit-Tür begrüßt?

Deshalb: Schlaft euch mal wieder aus. Ist besser. Für euch. Und für uns.