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Unser Schicksal hängt an einem Faden

Nur noch jedes fünfte Kind kann vor der Einschulung seine Schuhe selber binden, beklagen Experten

Die eigenen Schuhe binden zu können gilt seit Generationen als erster Schritt ins richtige Leben. Wahrscheinlich war das schon zu Ötzis Zeiten so. Der Mann aus dem Eis trug bereits vor 5000 Jahren Schnürsenkel – Bänder, die das Bärenleder zusammenhielten. An seinem Schuhwerk lag es jedenfalls nicht, dass er als Eismumie endete. Die Treter waren bis zum Abgang korrekt geschnürt. Mit Schlinge oder Schleife. War ja auch babyleicht. Damals!

Heute nicht mehr. Kurz vor der Einschulung kann nur noch jedes fünfte Kind die Schuhe binden, hat der Wilhelmshavener Kinderarzt Rupert Dernick beobachtet. Ist das schlimm? Schließlich gibt's Klettverschluss und für Sneaker und Sportschuhe patentierte Senkel, die sich in der obersten Öse festhaken, ganz ohne Schleife. Leider zum Schaden der Kinder.

"Vor allem die Jungen verpassen die Fähigkeit, durch Üben ihre Fertigkeiten zu verbessern", beklagt Mediziner Dernick. Die schlimme Folge: Jeder Fünfte der Fünf- und Sechsjährigen bekomme bereits eine Ergotherapie verschrieben. Ein Fall für die Krankenkasse, weil Eltern dem Nachwuchs zu wenig zutrauen, bestätigt Astrid Kaiser, emeritierte Pädagogikprofessorin aus Oldenburg. Früher ein Normalfall, seien Kinder heute zum "Lebenserfüllungsobjekt" mutiert. Deshalb würden Jungen und Mädchen auch immer weniger im Haushalt mithelfen. Keinen Pudding mehr selber rühren, keinen Teller abwaschen, kein Obst schneiden, keine Socken zusammenlegen.

Dabei ist laut US-Studien als Erwachsener erfolgreicher, wer als Kind mit drei oder vier Jahren kleine Alltagsaufgaben übernommen hat. Mit dem Senkel fängt alles an.

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