Berlin

Hand aufs Herz

Berlin. Der Schlag in der Brust kommt aus dem Nichts und trifft den Hamburger Martin Buchholz im Urlaub, am Inle-See in Myanmar. Buchholz ist Arzt und weiß sofort: "Das ist ein Infarkt." Er weiß auch, dass es jetzt schnell gehen muss. Doch Hilfe ist nicht in Sicht. "Es gab keinen Notarzt, überhaupt keinen Arzt, der verfügbar gewesen wäre." Nach einer Stunde kommt ein Taxi; die Fahrt ins nächste Krankenhaus dauert zwei Stunden. Dass Buchholz überlebt, ist ein seltenes Glück. "Die Chance eines akuten Herzversagens lag bei 80 Prozent", sagt der Mediziner heute. Seine Frau hat das Drama an seiner Seite miterlebt – ohnmächtig, hilflos. "Wenn du umgekippt wärst, hätte ich dir beim Sterben zugesehen, ohne etwas tun zu können", erkennt sie.

Die Machtlosigkeit im Notfall ist Alltag. Auch hierzulande. Zehntausende Menschen in Deutschland erleben Fälle von akutem Herzversagen aus nächster Nähe: Angehörige, Freunde, Arbeitskollegen, Passanten. Helfen können sie meist nicht – weil sie nicht wissen wie. "Der letzte Erste-Hilfe-Kurs liegt im Schnitt 15 Jahre zurück", sagt DRK-Präsidiumsmitglied Peter Sefrin. Das Restwissen liege "in einer Größenordnung von 0,9 Prozent". Hinzu kommt die Angst, etwas Falsches zu tun. Dabei ist es der größte Fehler, nicht zu helfen. Wer das in einer Notlage unterlässt, macht sich nach Paragraf 323c des Strafgesetzbuches strafbar. Die Folgen für Hilfsbedürftige sind oft tödlich.

Das Statistische Bundesamt spricht von jährlich 280.000 Herzinfarkten bundesweit. 80.000 bis 100.000 führen zum plötzlichen Herzversagen. Rund 50.000 Menschen pro Jahr erleiden einen Herz-Kreislauf-Stillstand außerhalb eines Krankenhauses. Nur knapp zehn Prozent davon, etwa 5000, überleben die ersten 30 Tage. Durch sofortige Hilfe von ausgebildeten, anwesenden Laien könnten jedes Jahr bis zu 10.000 Menschenleben mehr in Deutschland gerettet werden, so die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Ohne eine Herzmassage in den ersten drei Minuten kommt professionelle Hilfe zu spät. Zwar sind deutsche Rettungsdienste mit durchschnittlich zehn Minuten sehr schnell am Einsatzort. "Doch schon eine Minute verpasste Herzdruckmassage bedeutet zehn Prozent geringere Überlebenschancen", erläutert Sefrin. "Wenn Sie in der Wartezeit keine Herzdruckmassage machen, dann sind die Chancen gering, dass so jemand überhaupt überleben kann." Das Gehirn wird durch Sauerstoffmangel irreparabel beschädigt. Rund 60 Prozent aller Herzstillstände ereignen sich in privaten Haushalten, bei 45 Prozent der Notfälle sind Augenzeugen dabei – Laien, die Lebensretter sein können.

Die Helferquote in Deutschland liegt bei 37 Prozent. Das zeigen Daten der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI). "In Dänemark ist sie doppelt so hoch", sagt Professor Hugo Van Aken, Lehrstuhlinhaber für Anästhesiologie an der Universität Münster – "weil dort die Philosophie 'Jeder kann Leben retten' bereits in der Schule vermittelt wird." Mit Erfolg. Der Anteil der Menschen, die einen Herzstillstand überleben, hat sich im Nachbarland mehr als verdreifacht: von 3,9 Prozent im Jahr 2011 auf 12,7 Prozent in 2014.

In Deutschland kommt die Laienrettung langsamer auf die Beine. Dabei fehlt es nicht an motivierten Botschaftern. Van Aken ist einer von ihnen. 2013 hat er die "Woche der Wiederbelebung" ins Leben gerufen, die ab dem 24. September in die fünfte Runde geht. Seine Mission: "Die Laienreanimation in Schulen und Betriebe bringen." Das unterstützt auch Martin Buchholz. Für ihn sind seine Schicksalsstunden in Myanmar zum Schlüsselerlebnis geworden. Danach hat er den Verein "Ich kann Leben retten" gegründet, der Notfallhilfekurse an Schulen organisiert.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) will jetzt dafür sorgen, dass Wiederbelebung bald bundesweit auf dem Stundenplan steht. "Wir wollen alle Schulen in Deutschland mit einem Ausbildungskonzept für Lehrer unterstützen, das im Rahmen des Nationalen Aktionsbündnisses Wiederbelebung ausgearbeitet werden soll", kündigt Gröhe an. Der politische Vorschlag der Kultusminister­konfe­renz liegt seit 2014 auf dem Tisch: Ab der siebten Klasse sollen sich zwei Unterrichtsstunden pro Jahr dem Thema Reanimation widmen. "Leider sind dem noch nicht alle Länder gefolgt", bedauert Gröhe. Ein neuer Schub kommt aus NRW. "Durch die Unterrichtung an allen Schulen in Nordrhein-Westfalen wollen wir die Bereitschaft zur Ersten Hilfe und Wiederbelebung von Anfang an fördern", steht im Koalitionsvertrag der neuen schwarz-gelben Landesregierung.

Gesetz soll Krankenkassen Förderung ermöglichen

Gröhe hegt auch Sympathie für eine neue rechtliche Weichenstellung, die es Krankenkassen ermöglichen würde, Kurse zur Reanimation an Schulen und in Betrieben im Rahmen der Prävention zu finanzieren. Bislang taucht eine solche Förderung nicht auf in den Statuten des fünften Sozialgesetzbuches zur Gesetzlichen Krankenversicherung. Das könnte sich bald ändern. "Ich stehe dem Vorschlag sehr offen gegenüber, den Krankenkassen durch eine gesetzliche Klarstellung zu ermöglichen, dass sie Wiederbelebungskurse in Zukunft fördern", sagt Gröhe.

Bei der Berliner BKK Verkehrsbau Union (VBU) läuft ein bundesweites Projekt: Alle 1000 Mitarbeiter werden in Laienreanimation geschult – auf Kosten des Arbeitgebers. "Das ist kein Marketing, das ist eine Herzenssache", sagt Vorstandschefin Petra Galle. Sämtliche 45 Standorte der Kasse werden zudem mit Defibrillatoren ausgestattet.

Die BKK Nordwest, mit 3,1 Millionen Versicherten in NRW, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern bundesweit größter Landesverband der Betriebskrankenkassen, fordert mehr Breitenwirkung. "Eine nationale Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und eine Ausstattung aller öffentlichen Gebäude und Betriebe mit Defibrillatoren", regt Vorstandsvize Dirk Janssen an.

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