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Entwürfe fürs Leben

Modedesigner müssen kreativ sein und das Handwerkszeug beherrschen. Die Branche bietet vielfältige Berufschancen

annah Kliewer hat ihre Kollektion gegen den Trend entworfen – und wurde beim European Fashion Award FASH 2017 mit dem ersten Preis ausgezeichnet. "In Zeiten von Schnelllebigkeit, Globalisierung und Digitalisierung wollte ich mit meiner Strickkollektion eine Rückbesinnung auf gute alte Traditionen ausdrücken und diese durch ein Spiel mit Proportionen, Silhouetten und Schnitten neu interpretieren", erklärt die 28-Jährige das Konzept ihrer Männer-Kollektion "Steife Brise". Ihre ersten Strickentwürfe für Männer haben ihr gleich Anfragen für einzelne Stücke eingebracht. "Damit, wie ich meine Entwürfe in eine professionelle Produktion überführen kann, muss ich mich noch beschäftigen", sagt Hannah, die im siebten Semester Modedesign an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg studiert. Im Studium standen für sie bislang das Experimentieren mit Materialien und der Versuch, eine eigene Designsprache zu entwickeln, im Vordergrund. Das Fächerspektrum des siebensemestrigen Studiengangs unterteilt sich in vier Modulbereiche: Kunst, Design, Theorie, Labore und Werkstätten. Da Hannah vor dem Studium bereits eine Ausbildung zur Maßschneiderin durchlaufen hat, kannte sie sich in Schnittgestaltung und Fertigungstechnik schon aus. Trotzdem blieb noch jede Menge Stoff zum Lernen. "Es ist ein anspruchsvolles Studium, für das noch viel Arbeit neben dem Unterricht anfällt."

In den ersten beiden Semestern stehen künstlerische Grundlagen wie Zeichnen, Farbe und Form oder computergestütztes Entwerfen auf dem Stundenplan. Später folgen Designkonzeption, Designentwicklung und das Entwerfen und Realisieren einzelner Stücke bis hin zu ganzen Kollektionen. "Am Anfang des Semesters sind die Ateliers noch schön leer. Aber zum Ende hin übernachtet man quasi in der Hochschule, um die Abgabetermine zu schaffen", sagt Hannah. Das liege allerdings vor allem am eigenen Anspruch der Studierenden. "Im Laufe des Studiums werden die meisten von uns immer ehrgeiziger." Denn wer sich für Modedesign entscheide, tue dies aus Leidenschaft. Wettbewerbe wie der FASH sind eine gute Möglichkeit, den eigenen Stil außerhalb der Hochschule zu präsentieren und zu testen – immerhin hat sich Hannah gegen rund 200 Mitbewerber aus 29 Ländern durchgesetzt. Ihre Siegprämie betrug 2500 Euro und war "eine willkommene finanzielle Unterstützung", sagt Hannah, die ihr Studium durch BAföG und Jobben finanziert.

Und wohin soll es nach dem Abschluss gehen? "Ich schreibe gerade Bewerbungen für ein Praktikum in New York. Aber auch Skandinavien würde mich reizen." Langfristig käme für sie auch ein ergänzendes Masterstudium infrage. "Und später vielleicht ein eigenes kleines Label. Aber das ist noch Zukunftsmusik."

Sehr beliebt nach dem Studium: eine Festanstellung bei einem Modelabel (Einstiegsgehalt zwischen 1800 bis 2500 Euro brutto), um Berufserfahrung zu sammeln. Besonders gute Einstiegschancen bieten sich aktuell im Projektmanagement und in der Schnitttechnik, "da werden gut ausgebildete Modedesigner händeringend gesucht", sagt Mara Michel, Geschäftsführerin des Netzwerks deutscher Mode- und Textil-Designer (VDMD). Die Mode- und Textilindustrie bietet eine Fülle von Möglichkeiten: Modedesigner können sich auf eher technisch ausgerichtete Berufsfelder in der Bekleidungsindustrie spezialisieren oder konzeptionell in Management und Einzelhandel arbeiten, als Modeblogger oder Einkäufer agieren oder als Stylist, Illustrator und Set-Designer Kreativwelten gestalten. Zudem bietet der wachsende E-Commerce-Bereich spannende Betätigungsfelder.

Wichtig jedoch: "Weiterbildung und Zusatzqualifikationen sind notwendig, um mit der rasch voranschreitenden Entwicklung von Technik, Methodik und Materialien sowie mit gesellschaftspolitischen Veränderungen Schritt zu halten", erklärt VDMD-Präsident René Lang. Denn die Anforderungen in der Branche seien herausfordernd wie nie zuvor. "Die Mode- und Textilbranche befindet sich in einem Umbruch und einem immer härter werdenden Konkurrenzkampf." Erfolgreiche Designer bräuchten daher neben Kreativität weitere individuelle Kompetenzen, betont Lang: "Kommunikationsfähigkeit als Teamplayer, Verständnis für die sich stetig verändernden Prozesse in der Herstellung und Vermarktung sowie die Kenntnis über die wirklichen Bedürfnisse der Kunden und den Wunsch, Dinge besser zu machen."

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