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Fremde Länder auf dem Stundenplan

Betriebswirte im Außenhandel können ihren Wissensdurst stillen und ihrer Firma verbunden bleiben

taubige Pisten, röhrende Motoren, starke Nerven – für ­Niklas Arndt alles kein Problem. Schon als 14-Jähriger hat er geholfen, alte Autos renntauglich zu machen und sie auf Schotterpisten im abgesicherten Terrain auf ihre letzte Fahrt zu schicken. Stockcar-Rennen heißt die Veranstaltung, bei der Drängeln und Kollisionen erlaubt sind. Was für einen Beruf ergreift so ein rennsportbegeisterter Gymnasiast wohl nach dem Abitur? Niklas ist angehender Betriebswirt im Außenhandel im zweiten Lehrjahr beim Autoersatzteilhersteller Meyle.

"Ich wollte unbedingt zwischen Hobby und Beruf trennen", erklärt der 21-Jährige seine Berufswahl. "In der Schule hatte ich viel Spaß an Mathe und BWL, also suchte ich eine Ausbildung im kaufmännischen Bereich." Dass es über seinen Arbeitgeber nun doch eine Verbindung zum Automobil gibt, verdankt Niklas einer Broschüre zur Ausbildungsmesse "Einstieg": "Die lag in der Schule herum und kaum einer beachtete sie, aber eine Anzeige mit den Schlagwörtern Autoparts und Betriebswirt weckte mein Interesse." Inzwischen wurde das Unternehmen Wulf Gaertner Autoparts in Meyle AG umbenannt, aber die Inhalte sind geblieben: Das mittelständische Unternehmen entwickelt und produziert eigene Ersatzteile für Kraftfahrzeuge.

Selbst für Oldtimer wie einen Mercedes der Mittelklasse-Baureihe W124 aus dem Jahr 1992 mit 200er Dieselmotor. Einst der Traum aller Taxifahrer, weil das Fahrzeug als sparsam und beständig galt, und im Dezember letzten Jahres Niklas' treuer Begleiter durch Wüstensand und über spektakuläre Serpentinen. "Das Auto hat gut durchgehalten", erzählt der junge Teilnehmer der Amateurrallye "Dust & Diesel". Sie bringt in Europa ausgediente, aber wüstentauglich gemachte Dieselfahrzeuge von Spanien bis in den Senegal und versteigert sie nach fast 8000 Kilometern für einen guten Zweck. "Es war ein unglaubliches Erlebnis, durch das Atlasgebirge oder auch am Strand längs zu fahren", schwärmt Niklas. Nur einmal gab es in Marokko ein kleines Motorproblem, das der angehende Kaufmann mithilfe des begleitenden Mechanikers und eines Metallklebers löste. "In Europa undenkbar, in Marokko ein gängiges Verfahren." Das Besondere daran: Niklas ging nicht als Privatperson auf große Fahrt, sondern als Auszubildender der Firma Meyle. Die Idee, die Rallye als Ausbildungsprojekt über das Unternehmen laufen zu lassen, hatte sich der Autofreak selbst überlegt und damit sofort im Unternehmen überzeugt. Schließlich konnten an dem Benz alle Auszubildenden gemeinsam tätig werden: "Angehende Fachinformatiker und Ingenieure haben geschraubt, Fachlageristen die nötigen Teile besorgt, Auszubildende, die zu der Zeit im Marketing waren, ein Video gedreht", erklärt Sprecherin Annika Fuchs. Das Projekt sei ein voller Erfolg gewesen und eine Wiederholung denkbar. Das kommende Roadmovie ist allerdings bereits ausgebucht, und Niklas hat längst die nächste Herausforderung im Blick: In einem Jahr will er zwei kaufmännische Ausbildungen abschließen und nur elf Monate später Bachelor werden.

Der Betriebswirt im Außenhandel ist ein doppelt qualifizierender Ausbildungsberuf. Zum einen durchlaufen die Azubis die duale Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann. Zum anderen erwerben sie an der Berufsschule den Abschluss Betriebswirt im Außenhandel. Für die Teilnehmer bedeutet das zeitlich mehr Aufwand und beruflich mehr Chancen: Sie können anschließend berufsbegleitend innerhalb von ein bis zwei Jahren einen international anerkannten Bachelor-Abschluss erlangen.

"Der Betriebswirt im Außenhandel ist eine Möglichkeit, den universitären Wissensdurst zu stillen und dennoch mit dem Unternehmen verbunden zu bleiben", erklärt Christian Winter, Leiter des Instituts für Außenhandel, das rund 140 Betriebswirte verteilt über sechs Semester ausbildet. "Eine Verkürzung ist nicht möglich." Schließlich müssen die jungen Abiturienten oder Fachoberschüler viel mehr Stoff als angehende Groß- und Außenhandelskaufleute lernen, etwa in Mathe, BWL und Personalwirtschaft. "Die Initiative zu dem Doppelabschluss ist von den Ausbildungsbetrieben gekommen. Sie wollten gut qualifizierte Abiturienten nach der Ausbildung nicht länger an die Universitäten verlieren", so Winter.

Bei Niklas ist die Rechnung schon mal aufgegangen. Er will nach seiner Ausbildung als Produktmanager in der Abteilung "Bremse und Antriebe" durchstarten. Zuletzt konnte er die Aufgaben eines Produktmanagers schon mal vertretungsweise testen: "Das ging über die Aufgaben eines Auszubildenden hinaus und war sehr spannend für mich." Neben dem technischen Hintergrundwissen benötigt Niklas kommunikatives Geschick und Sprachkenntnisse für den Job: "Sprachen sind sehr wichtig, wir arbeiten international. Englisch und im besten Fall auch eine weitere Fremdsprache sollte man schon sehr gut beherrschen." Zudem schaden kreative Ideen wie eine Rallye als Ausbildungsprojekt ganz bestimmt nicht!

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