Museen

Zeugnisse einer unterdrückten Kultur

s ist eine sehr bedeutende, interessante und umfangreiche Sammlung“, sagt Maria-Katharina Lang in einem Depotraum des Museums für Völkerkunde. Behutsam nimmt sie eine der fragilen Tsam-Tanzfiguren in die Hand. Das nur etwa 15 Zentimeter große Objekt gehört zu den wichtigsten Stücken der Hamburger Mongolei-Sammlung. Eine andere dieser Figuren steht auf dem Tisch und stellt ein Wesen mit Hirschgeweih dar. Unter dem Titel „Nomadic Artefacts – Objektgeschichten aus der Mongolei“ wird eine Objektauswahl vom 22. September an erstmals seit langer Zeit wieder in einer Ausstellung öffentlich gezeigt.

Den Grundstock der Hamburger Mongolei-Sammlung bildete ein Bestand, der 1905 über das Handelshaus Umlauff angekauft werden konnte. Georg Thilenius, der Gründungsdirektor des Museums, warb in Zeitungsanzeigen mit Erfolg um private Spenden, um die Objekte finanzieren zu können. Zwei Jahre später nutzte Thilenius die Chance, außerdem einen umfangreichen Bestand aus dem Besitz des österreichischen Forschers und Sammlers Hans Leder (1843–1921) zu erwerben. Es ging um die faszinierenden Objekte, die Leder um 1900 unter abenteuerlichen Bedingungen in der Mongolei gesammelt hatte.

Die promovierte Sozialanthropologin Maria-Katharina Lang hat sich seit Jahren intensiv mit mongolischen Ethnografica und in diesem Zusammenhang auch mit Hans Leder auseinandergesetzt. Wenn die Wiener Wissenschaftlerin, die die Ausstellung kuratiert, von dem privaten Forschungsreisenden erzählt, schwingt durchaus Bewunderung mit. „Er war nicht wohlhabend und konnte auch nicht studieren, hat sich aber autodidaktisch zum Naturforscher entwickelt. Zunächst hat er Insekten gesammelt, in Nordafrika und später im Kaukasus. 1892 ging er erstmals in die Mongolei, die er als ‚geheimnisvolles Land‘ bezeichnete. Dort interessierte er sich aber weniger für Insekten als vielmehr für die buddhistischen Artefakte der Nomaden“, sagt die Kuratorin.

Insgesamt viermal reiste Leder in die Mongolei, beschäftigte sich mit dem dortigen Buddhismus, schrieb über seine Forschungen und galt schon bald als ein bedeutender Sammler von ethnografischen Objekten aus dieser damals extrem schwer zugänglichen Region. Schließlich umfasste seine Sammlung mehr als 4500 Stücke. Dazu zählten unter anderem rund 60 hölzerne, überwiegend von Künstlermönchen geschaffene Tsam-Tanzfiguren, die heute über mehrere Museen in Zentraleuropa verteilt sind.

Ursprünglich wollte Leder seine Sammlung als Ganzes in Wien verkaufen, was ihm aber nicht gelang. So gelangten einzelne Objektgruppen, die dabei teilweise auch auseinandergerissen wurden, an unterschiedliche Museen, zum Beispiel nach Wien, Budapest, Stuttgart, Heidelberg, Leipzig und eben auch nach Hamburg. Etwa 270 Stücke kaufte Thilenius 1909 für das Museum an.

Und was ist das Besondere an der Kunst der Nomaden? „Sie muss mobil sein, denn die Nomaden führen sie mit sich, was Größe und Material schon einmal limitiert“, sagt die Kuratorin, die die fein gearbeiteten Kunstwerke aber auch als Ausdruck einer flexiblen Lebens- und Denkweise sieht, die nicht so stark auf Besitz orientiert ist. „In der Ausstellung geht es mir auch darum, die Objekte, die sich meist lange Zeit nur im Depot von europäischen Museen befanden, wieder mit ihren Geschichten zu verbinden und sie damit zum Sprechen zu bringen“, erklärt Maria-Katharina Lang, die bei ihren Forschungen stets eng mit mongolischen Wissenschaftlerkollegen zusammenarbeitet.

Wenn sie in der Mongolei Fotos von Artefakten aus der Leder-Sammlung zeigt, kann sie von den Menschen dort Geschichten erfahren und manchmal auch Erinnerungen, die mit schmerzlichen Verlusten verbunden sind: Während der kommunistischen Ära wurde die Religion von den atheistischen Machthabern in der Mongolei stark unterdrückt, auf Befehl der Partei wurden Hunderte von Klöstern zerstört und dabei auch zahlreiche Kunstwerke vernichtet. So sind die Objekte, die mehr als ein Jahrhundert in Hamburg und einigen anderen europäischen Museen überdauert haben, auch für die Menschen in der Mongolei heute von großem Wert – als kostbare Zeugnisse einer reichen und bedeutenden, aber lange Zeit stark unterdrückten Kultur.