Rio de Janeiro

Dankbar für ihr neues Leben

Rio de Janeiro. Auf der breiten Avenida das Américas rauscht der Verkehr, die Olympischen Spiele sind längst vergessen. Im hohen Tempo rasen die Autos an der Stelle vorbei, an der vor einem Jahr das Leben des deutschen Kanu-Slalom-Trainers jäh endete. Stefan Henze saß hier, wenige Kilometer vom Olympiapark in Rio de Janeiro entfernt, im Morgengrauen in einem Taxi zurück ins Olympiadorf. Als das Auto bei hohem Tempo von der Straße abkam, erlitt Henze ein Schädel-Hirn-Trauma, er starb später im Krankenhaus. Mit 35 Jahren wurde der Mann aus Halle an der Saale aus dem Leben gerissen. Weil Henze einen Organspendeausweis trug, konnte sein Herz ein anderes Leben retten: das der Brasilianerin Ivonette Balthazar (67).

Ihr gehe es relativ gut, sagt die fünffache Großmutter, die jetzt eine Mission hat: Sie will Vorträge halten und an ihre Landsleute appellieren, Spenderausweise auszufüllen. Auch ihre 86-jährige Mutter blüht auf, seit die Tochter gerettet wurde – die alte Dame kämpft mit den Tränen, als Balthazar in ihrer 50-Quadratmeter-Wohnung im Stadtteil Copacabana von ihrer Genesung erzählt. Es ist zu spüren, wie die Todesängste an den Grundfesten der Familie gerüttelt haben.

Das Leben mit einem neuen Herzen bedeutet jedoch auch Einschränkungen: Weil sich die Medikamente nicht mit sämtlichen Lebensmitteln vertragen, darf sie bis heute nicht alles essen. Anfangs musste sie 40 Pillen täglich schlucken. „Ich träume von Shrimps“, sagt sie mit einem Lächeln. Die Nebenwirkungen hätten sie müde gemacht. Schon nach wenigen Schritten gehe ihr die Kraft aus. „Oft habe ich auch jetzt noch Fieber und fühle mich schwach.“

An guten Tagen kann sie mit Tochter Renata und den Enkeln die Strandpromenade in Copacabana entlanglaufen. „Aber ich war so lange zu Hause und in Kliniken, da muss ich mich stark vor der Sonne schützen.“ Trotzdem ist die frühere Verwaltungsangestellte glücklich. Bis zur Operation war sie dem Tod geweiht. Nach einem schweren Herzinfarkt 2012 ging es ihr immer schlechter, nur noch 30 Prozent des Herzens funktionierten. „Ich lag die ganze Zeit im Bett, konnte mich fast noch nicht mal mehr anziehen.“ 18 Monate stand sie auf einer Liste für ein Spenderorgan.

Balthazar denkt oft an Familie Henze, an das große Unglück, das die Eltern, der Bruder und die Lebensgefährtin des Sportlers erleben mussten. Immer wieder bricht sie in Tränen aus: „Wie gerne würde ich sie umarmen.“ Vor Monaten hat sie eine Mail an Henzes Eltern geschrieben, das deutsche Konsulat leitete sie weiter. Doch Jürgen und Karin Henze wollten sie nicht lesen. Sie seien dazu noch nicht in der Lage.

Sie ist Henzes Familie dankbar, dass sie vor einem Jahr trotz des Schocks einwilligte, Herz, Leber und Nieren des geliebten Toten zu entnehmen. Um 17.30 Uhr klingelte plötzlich Ivonette Balthazars Telefon. 15 Minuten später war sie bereits im Instituto Nacional de Cardiologia (INC), wo ihr während einer sechsstündigen Operation Henzes Herz eingesetzt wurde. „Ich hatte keine Ahnung, von wem das Organ stammt“, sagt Balthazar. Sie erfährt es schließlich aus den Medien. Das INC bestätigt auf Anfrage, dass ihr Herz tatsächlich von Henze stammt – obwohl die Gesetze in Brasilien ähnlich sind wie in Deutschland: Spender und Empfänger sollen anonym bleiben. Doch in Rio hielten sie sich nicht daran. Henzes Eltern wollten nicht an die Öffentlichkeit. Dass Balthazar ihre Geschichte publik macht, verwundert sie. „Das war schon extrem“, hat Vater Jürgen Henze der „Mitteldeutschen Zeitung“ erzählt, „die Zeitung aufzuschlagen und urplötzlich wieder damit konfrontiert zu werden.“

Irgendwann möchte sie Familie Henze besuchen

In Brasilien mit seinen 207 Millionen Einwohnern wurden 2016 nach Behördenangaben 357 Herzen transplantiert. Zum Vergleich: In Deutschland (82 Mio. Einwohner) waren es laut Stiftung Organtransplantation 139 Herzen. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass Empfänger eine Transplantation so gut überstehen wie Ivonette Balthazar. Professor Jan Gummert vom Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen sagt, dass in Deutschland zehn bis 20 Prozent der Patienten innerhalb eines Jahres nach der OP sterben. Nach zehn Jahren leben noch etwa 60 Prozent der Empfänger.

Ivonettes Traum ist es, im nächsten Jahr eine Marien-Wallfahrt nach Fatima in Portugal zu unternehmen. Und irgendwann, sagt sie, wolle sie nach Deutschland reisen – um sich endlich persönlich bei Familie Henze zu bedanken.