Elbvororte

„Das muss dringend aufgearbeitet werden“

Nach den Krawallen fordern Politiker Konsequenzen und lückenlose Aufklärung. In den Elbvororten sind Wut und Angst zurückgeblieben

Altona. Ob vor der Kita, beim Bäcker oder auf dem Wochenmarkt: Der G20-Gipfel und seine Folgen beschäftigen die Hamburger intensiv. Auch und insbesondere im Bezirk Altona mit den Elbvororten wird überall heiß diskutiert. Wie konnte das alles nur geschehen? Warum griff die Polizei nicht ein, als der Schwarze Block in der Nacht zu Freitag durch die Waitzstraße und die Elbchaussee zog, Autos in Brand steckte und Schaufenster zerstörte? Ist man am Ende sogar glimpflich davongekommen, und was hat das alles gekostet?

Bezirksamtsleiterin sprach vor Ort mit Geschäftsleuten

An der Waitzstraße gibt es am Montag kaum ein anderes Thema. Auch hier waren Randalierer am Werk, zerstörten gezielt Schaufenster von Banken und einem Immobilienmakler, aber auch kleinere Geschäfte gerieten ins Visier. Einen Überblick verschaffte sich Bezirksamtsleiterin Liane Melzer persönlich: Sie kam am Montagmorgen in die Waitzstraße, diskutierte mit Händlern und versprach schnelle Hilfe. „Wir hatten Glück im Unglück“, sagt Veronika Glaab-Post von Salima Kinderschätze und verweist auf die vielen Steine, die an der Waitzstraße wegen Umbauarbeiten liegen. „Es hätte alles viel schlimmer kommen können.“ Anwohner Klaus Stöhlmacher hatte die Zerstörungswut der Randalierer am späten Donnerstag hautnah miterlebt. „Es knallte fürchterlich, dann bin ich mit einer Nachbarin runtergelaufen, um den Schaden anzusehen.“ Die Nachbarin, die ungenannt bleiben möchte, sah die Täter und ist sicher, dass sie italienische Kommandos riefen. Beim Gang durch die „Waitze“ schalten sich immer wieder Anwohner und Geschäftsleute in die Gespräche ein. „Warum werden die Elbvorortler als Bonzen geschmäht“, schimpft einer, der nicht genannt werden will, „das grenzt an Volksverhetzung.“ Auch der FDP-Bürgerschaftsabgeordnete Carl Jarchow aus Othmarschen betrachtet die Schäden in der „Waitze“. Jarchow dazu: „Diese Gewalt macht sprachlos.“

Immer wieder ist die Rede von der nagenden Unsicherheit der vergangenen Tage – ausgelöst durch Gerüchte, die sich über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter verbreiteten und die von der Polizei nicht in derselben Geschwindigkeit dementiert werden konnten. Gerade in den Elbvororten ging die Angst um, waren doch auf Plänen der Aktivisten „Nobel“-Stadtteile wie Blankenese und Otmarschen als potenzielle Ziele genannt. Aus Angst vor einer Horde Randalierer schlossen viele Geschäfte am Freitag und Sonnabend. Sogar die Blankeneser Marktbeschicker, die sonst so leicht nicht aus der Ruhe zu bringen sind, ergriffen die Flucht. Die Umsatzausfälle gehen in die Millionen. Allein von der Bäckereikette Junge waren 16 Filialen in Hamburg betroffen. Auf rund 50.000 Euro beziffert das Unternehmen den Schaden. Nicht besser geht es hiesigen Gastronomen. „Bei uns blieben am Freitag und Sonnabend die Gäste aus“, klagen Luigi und Dario Coluccia vom Restaurant Il Gambero an der Elbchaussee. „Wir hatten etliche Stornierungen.“ Das sonst gut besuchte Restaurant war wie leer gefegt, berichtet Luigi Coluccia, „die Menschen hatten einfach nur Angst“.

Erste Vorwürfe und Kritik am Sicherheitskonzept kommen aus der Altonaer Bezirkspolitik. Besonders scharf greift FDP-Fraktionschef Lorenz Flemming den Senat an. „Altona mit seinen Stadtteilen lag außerhalb der Betrachtung der Polizei und der Innenbehörde“, sagt er. Die Marodeure hätten sich die vermeintlich „reichen“ Viertel gründlich vornehmen können, während von Polizei und Feuerwehr nichts zu sehen war. Das Sicherheitskonzept habe sich ausschließlich auf die Gäste und die Schwarzen Blöcke konzentriert.

Grünen-Chefin Gesche Boehlich hält dagegen: „Altona wurde nicht vergessen. Es gab ein Sicherheitskonzept, und das wurde mit der Bundespolizei abgestimmt.“ Aufgabe müsse es jetzt sein, sich aufzuarbeiten, wer welche Verantwortung trägt. „Denn nach dem Gipfel ist vor dem Gipfel“, so Boehlich. Altonas CDU-Fraktionschef Uwe Szczesny zeigt sich erstaunt darüber, dass man aus den Erfahrungen des Gipfels in Genua und den dortigen Ausschreitungen anscheinend nichts gelernt hat. „Der Schutz vieler Stadtteile hat nicht so funktioniert, wie er es sollte, und das muss dringend aufgearbeitet werden.“

Robert Jarowoy von den Altonaer Linken, denen die Parteien im Vorwege vorgeworfen hatten, sich nicht deutlich genug von Gewalt zu distanzieren, äußert sich am Montag in diesem Punkt ganz deutlich. „Was da passiert ist, hat nichts mit den friedlichen Demos und Camps zu tun. Das waren Krawall-Touristen, die keinen politischen Willen haben. Nur Lust an Gewalt. Das verurteilen wir aufs Schärfste.“

Finanzielle Entlastung des Bezirks gefordert

Auch ihn treibt die Frage um, warum sich der Mob am Freitag in Altona so lange ungestört austoben konnte. „Wie kann es sein, dass die bei der Polizeipräsenz eine Stunde lang wüten konnten?“ Er vermutet: „Der Verdacht drängt sich auf, dass die Polizei zugesehen hat, um die Gewalt auf der Demo ,Welcome to Hell‘ nachträglich zu rechtfertigen.“

SPD-Fraktionschef Thomas Adrian fordert von seinen Bezirkskollegen Mäßigung. „Wir täten gut daran, uns nur zu dem zu äußern, was wir wissen. Die Polizei muss jetzt ihre Hausaufgaben machen.“ Anschließend könne man gemeinsam analysieren, was passiert ist, und Konsequenzen daraus ziehen. Für die Bezirksversammlung an diesem Donnerstag kündigt er einen Antrag an. In dem fordert die SPD die schnelle Entschädigung Betroffener, aber auch eine finanzielle Entlastung des Bezirks für die Beseitigung von Straßenschäden und Ähnlichem.