Kino-Tipp

„Whitney – Can I Be Me“: Die traurige Pop-Ikone

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Das Gesicht füllt die ganze Leinwand. Man blickt tief in die glanzlosen Augen einer Pop-Diva. „I Will Always Love You“ singt sie. Man spürt die Anstrengung, man spürt, wie Whitney Houston sich verzehrt, wie sie alles richtig machen will. Und offenbar spürt, dass sie diesen Weg nicht so weitergehen kann. Oktober 1999, Frankfurter Festhalle. Die letzte erfolgreiche Tournee von Whitney Houston. 13 schmerzliche Jahre später wird die Ausnahmesängerin im Beverly Hilton Hotel von Los Angeles tot aufgefunden. Allein. Überdosis. Sie wurde 48 Jahre alt.

Die Dokumentarfilmer Nick Broomfield und Rudi Dolezal zeichnen in „Whitney – Can I Be Me“ Aufstieg und Fall einer Pop-Ikone nach, die nie sie selbst sein durfte, die gedrillt und geformt wurde von einer ehrgeizigen Mutter, der Gospelsängerin Cissy Houston, und einem strippenziehenden Mentor, dem Produzenten ­Clive Davis, der sie einem weißen Publikum als erste schwarze Popsängerin verkaufte. Was ihr die schwarze Community als Verrat anlastete.

Die beiden Filmemacher konnten dabei auf bislang nie gezeigtes Filmmaterial zurückgreifen, lassen Freunde, Weggefährten, Musiker zu Wort kommen, die ihr nahe standen. Diese Dokumentation wirft einen spannenden, bewegenden, immer auch ein wenig spekulativen Blick hinter die Kulissen des Starruhms und zeigt eine Frau, die allen gefallen wollte und die am eigenen Ruhm zerbrach.

Es geht hier nicht um den kometenhaften Aufstieg des lebensfrohen Mädchen aus dem Getto von Newark in New Jersey, das schon mit zwölf Jahren im Gospelchor ihrer Mutter Cissy sang, mit 19 ihren ersten TV-Auftritt hatte und gleich mit ihrem Debütalbum an die Spitze schoss. Es geht um den Menschen Whitney Houston, dessen Talent hemmungslos ausgebeutet wurde, ohne Rücksicht auf Verluste.

Es ist keine autorisierte Biografie, die Houston-Erben haben ihre Mitarbeit verweigert. Musiker kommen zu Wort, wie Background-Sängerin Patti Howard, die sagt: „Sie starb an gebrochenem Herzen“. Oder Houstons langjähriger Bodyguard David Roberts, der das Vorbild für den Film „Bodyguard“ war und die Familie warnte, dass Whitney Houston den Karrierestress nicht mehr lange durchhält. Er wurde daraufhin gefeuert.

Es gibt private Aufnahmen von Houston und Bad-Boy-Ehemann Bobby Brown. Und erstmals wird ausführlich auf ihre offensichtlich lesbische Beziehung mit ihrer Schulfreundin und späteren künstlerischen Leiterin Robyn Crawford eingegangen. Einer Liebe, die nicht sein durfte. „Whitney – Can I Be Me“ ist eine außergewöhnliche Musikdokumentation über eine Frau, die nie wirklich sie selbst sein durfte. Und die im aufreibenden Musikgeschäft an Drogen und Alkohol, Einsamkeit und Selbstverleugnung vor die Hunde ging.

„Whitney – Can I Be Me“ USA/GB 2017, 90 Minuten, ab 6 Jahren, Regie: Nick Broomfield, Rudi Dolezal, täglich im Abaton (OmU), Blankeneser, Koralle- Kino (OmU),Savoy Filmtheater (OF), Studio-Kino

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