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Wenn Obdachlose bei Besserverdienern einziehen

Die Multikulti-Komödie „Madame Christine und ihre unerwarteten Gäste“ verschenkt ihr sozialkritisches Potenzial

Regierungsdekrete sind ja gerade en vogue. Dass sie auch als komödiantischer Kinostoff taugen können, versucht diese französische Gesellschaftssatire von 2015 zu zeigen. Paris leidet unter einem besonders harten Winter, Wohnraum ist knapp, und vielen Obdachlosen und Immigranten droht der Kältetod. Also beschlagnahmt die Stadt kurzerhand Luxusapartments, um dort Menschen einzuquartieren, die sich keine geheizte Unterkunft leisten können. Das betrifft auch die Bewohner eines schicken Altbaus, die ein paar Zimmer frei machen sollen.

Der erzkonservative Pierre (Didier Bourbon) und seine adrette Ehefrau Christine (Karin Viard) wollen damit allerdings ebenso wenig zu tun haben wie das vermeintlich linksliberale Ehepaar Bretzel im Stockwerk darüber. Im Mittelpunkt dieser Multikulti-Komödie stehen die wohlhabenden Bewohner. Regisseurin Alexandre Leclère kennt die Archetypen der Pariser Bourgeoisie und stellt genüsslich ihre Bigotterie aus.

Dabei bekommen nicht nur Spießer mit rassistischem Weltbild ihr Fett weg, sondern etwa auch eine sich progressiv gerierende Soziologie-Dozentin, die sich privat als überaus unsolidarisch entpuppt und mit allen Mitteln versucht, ihre 200 Quadratmeter nicht mit Hilfsbedürftigen teilen zu müssen. An diesen armen Schluckern allerdings ist der Film weniger interessiert; bis auf eine anarchische Obdachlose bleiben die meisten nur Stichwortgeber. Sie erfüllen, wie etwa die ­turbulente afrikanische Großfamilie, lediglich den dramaturgischen Zweck, den nachbarlichen Klassenkampf anzukur­beln.

Das Haus wird hier mit seinen Bewohnern aus allen politischen Lagern zum Mikrokosmos der tief gespaltenen französischen Gesellschaft, eine Front National wählende Hausmeisterin und ein betagtes jüdisches Ehepaar inklusive.

Dieses Aufeinanderprallen von Gegensätzen und Milieus ist in der französischen Komödie längst zum Klischee geworden, an deren weichgespültem Ende immer eine Verständigung stattfindet. Nach „Ziemlich beste Freunde“ oder „Gemeinsam wohnt man besser“ verschenkt Leclère hier allerdings das sozialkritische Potenzial und verwechselt bei der Inszenierung Tempo mit Hektik, Satire mit Didaktik. Einzig die leicht überdreht aufspielenden Hauptdarstellerinnen sorgen für einige Lacher in einer ansonsten schematischen Wohlfühlkomödie.

„Madame Christine und ihre unerwarteten Gäste“ F 2015, 103 Min., o. A., R: Alexandra Leclère, D: Karin Viard, Didier Bourdon, Valérie Bonneton, täglich im Holi, Koralle, Passage