Berlin

Tierische Therapeuten

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Jonas Erlenkämper

Berlin. Er geht nicht vor, er geht nicht zurück, er macht gar nichts mehr. Der Esel, der über einen Parcours durch Autoreifen geführt werden soll, demonstriert eindrucksvoll, warum seine Spezies als stur gilt. Genau deswegen ist die Therapie mit den Tieren für die Insassen des Schweizer Gefängnisses Saxerriet Teil des Resozialisierungsprogramms. Die Idee dahinter: Hat ein Mensch in seinem bisherigen Leben zugeschlagen, wenn etwas nicht nach seinen Vorstellungen lief, zwingt ihn der Esel dazu, die Strategie zu wechseln. „Anders als Pferde lassen sich Esel nicht dominieren. Man muss ihnen als Partner begegnen“, erklärt die Tiertherapeutin Angela Zimmermann. Ziel ist es, eine respektvolle Beziehung zu einem anderen Lebewesen aufzubauen.

Die Klassiker unter den tierischen Therapeuten sind Hunde. Vor allem in vielen Seniorenheimen gehören sie dazu. Sie sollen Freude verbreiten und den Lebenswillen der Bewohner aktivieren. „Hunde können sich gut in Menschen hineinversetzen. Sie sind in der Lage, unsere Mimik zu lesen und unsere Handlungen vorwegzunehmen, weil sie schon sehr lange mit uns zusammenleben“, sagt Zimmermann.

Exotischer wird es in Niedersachsen. Dort hat ein Forschungsprojekt herausgefunden, dass die Begegnung mit Tieren helfen kann, Depressionen zu heilen. Psychiatriepatienten aus Hannover fahren einmal im Monat in den Serengeti-Tierpark in der Lüneburger Heide, um Giraffen zu streicheln, Elefanten zu füttern und mit Katta-Äffchen zu schmusen. Das Stimmungsbild der Betroffenen sei noch drei Wochen nach dem Besuch wesentlich heller, berichtet die Medizinische Hochschule Hannover (MHH). Voraussetzung sei allerdings, dass sich die Patienten bereits in der Stabilisierungsphase befinden, so Andreas Feyer­abend, Leiter der MHH-Trauma-Ambulanz: „In der tiefsten Depression bringt es nichts.“

Auch Flughäfen setzen weltweit auf vierbeinige Angstlöser. In San Francisco heitert seit einigen Wochen ein putziges Minischwein namens „LiLou“ gestresste Passagiere auf, indem es im Wartebereich Pirouetten dreht. In Cincinnati (US-Staat Ohio) traben hübsch geschmückte Minipferde durch die Terminals. Umarmen ist ausdrücklich erlaubt – so sollen Passagiere Stress abbauen.

Tiertherapeut trägt doppelte Verantwortung

In Foren empfehlen sich Betroffene den Tiereinsatz. So schildert eine Mutter, wie ihr sechsjähriger autistischer Junge durch den Umgang mit einer Katze lernte, feinfühliger mit anderen umzugehen. „Eine Katze gibt direkte Rückmeldung und geht, wenn es ihr zu viel wird.“

Dass Tiere einen therapeutischen Wert haben können, ist in der Fachwelt unbestritten. Allerdings weist der Komiker und Mediziner Eckart von Hirschhausen darauf hin, dass es wenige belastbare Studien gebe, wie sinnvoll solche Behandlungen tatsächlich sind. Er glaubt an einen Placebo-Effekt. Etwa, wenn es um Delfintherapien für kranke Kinder geht. „Allein das Erlebnis, ins Ausland zu fliegen, für zehn Tage mit Liebe und Aufmerksamkeit überschüttet zu werden und exotische Kreaturen hautnah zu erleben, hat ganz sicher eine Wirkung“, so Hirschhausen. „Aber eben eine unspezifische.“

Die Beliebtheit von Tiertherapien führt zu einem schier unübersichtlichen Angebot. Niemand weiß, wie viele Deutsche überhaupt damit arbeiten. Die Deutsche Gesellschaft für tiergestützte Therapie (DGTT) schätzt, dass bundesweit mehr als 500 Anbieter Pflegekräfte in der Arbeit mit Tieren ausbilden. Eine komplette Grauzone, kritisiert die DGTT-Vorsitzende Angela Zimmermann. Denn keines der Angebote ende mit einem anerkannten Abschluss. Zusammen mit der Industrie- und Handelskammer Potsdam will die DGTT deshalb ab diesem Jahr Therapeuten, Pädagogen und Pfleger zu „Fachkräften für tiergestützte Intervention“ fortbilden.

Zimmermann ist das Wohlergehen der Tiere wichtig. „Therapeuten sind in diesem Bereich für gleich zwei Lebewesen verantwortlich: den Patienten und das Tier“, sagt die 41-Jährige. Sie erzählt von schwer erziehbaren Jugendlichen in einer Einrichtung, die einen Therapie-Hund in unbeaufsichtigten Momenten gequält. „Ein typischer Fehler von Therapeuten ist es, dass sie Signale übersehen. Für Tiere bedeutet so ein Einsatz immer auch Stress.“ Im schlimmsten Fall beiße es dann zu.