HSV-Mitarbeiter

Lösen die Taucher das Rätsel um Timo Kraus?

| Lesedauer: 5 Minuten
Christoph Heinemann und André Zand-Vakili
Die St.Pauli-Landungsbrücken.
Hier wurde das Handy von Timo Kraus in der Nacht zu Sonntag letztmals geortet. Seitdem fehlt von dem Familienvater jede Spur

Die St.Pauli-Landungsbrücken. Hier wurde das Handy von Timo Kraus in der Nacht zu Sonntag letztmals geortet. Seitdem fehlt von dem Familienvater jede Spur

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Suche nach spurlos verschwundenem Manager geht weiter. Polizei richtet Appell an unbekannten Taxifahrer. Verband ruft zur Mithilfe auf.

Hamburg.  Die Weisheit der Ermittler endet am Ponton vor der „Rickmer Rickmers“. Eine Fährte konnte der Spürhund noch aufnehmen. Timo Kraus (44) war dort, das scheint sicher. Aber alles andere fehlt. Man fand keine Kleidung, kein weiteres Handysignal des 44-jährigen leitenden HSV-Mitarbeiters, der bereits seit der Nacht zu Sonntag vermisst wird. Gibt es eine schlüssige Erklärung, warum der Mann verschwinden sollte? Oder stürzte er ins Wasser? In Polizeikreisen wird eher von einem tödlichen Unglück ausgegangen.

Taucher sollen am heutigen Donnerstagvormittag die kalte Elbe an den Landungsbrücken nach Spuren des Vermissten absuchen. Im Falle eines Unglücks sind mehrere Varianten denkbar: Ertrunkene würden in der Regel nach etwa drei Tagen wieder auftauchen, durch die derzeitigen Temperaturen aber möglicherweise erst später.

Fakten werden immer wieder durchgegangen

Die Strömung (bis zu zehn Meter in der Sekunde) würde einen Körper aber deutlich in Richtung Nordsee treiben. Durch die besondere Unterströmung an der „Rickmer Rickmers“ und den Landungsbrücken könnte der Mann jedoch unter den Ponton geraten sein und sich dort verfangen haben. Die Beamten hoffen auch, etwa das Handy des Vermissten zu finden.

Wenn Timo Kraus tatsächlich in die vier Grad kalte Elbe fiel, hätte er vermutlich nach spätestens 15 Minuten das Bewusstsein verloren und kaum länger als eine halbe Stunde überlebt.

Weitere Spuren gibt es laut einer Sprecherin der Polizei in Buchholz bislang nicht. Die Beamten gehen alle bekannten Fakten über den Verbleib von Timo Kraus immer wieder durch, mussten Details bei der Rekonstruktion der Nacht zu Sonntag wiederholt korrigieren.

Nach aktuellem Stand stieg Timo Kraus am Sonnabend gegen 23.30 Uhr nach einer Unternehmensfeier vor dem Block Bräu in ein Taxi. Dabei soll es sich um eine Mercedes B-Klasse mit einem dunkelhäutigen Fahrer gehandelt haben. Die Aussagen der ebenfalls alkoholisierten Zeugen vom Sonnabend waren aber teils widersprüchlich.

Offenbar fuhr das Taxi mit Timo Kraus nur rund einen Kilometer in Richtung Osten und hielt im Bereich der Straße Hohe Brücke am Nikolaifleet an. Ob Timo Kraus von dort zu Fuß wieder zurück in Richtung der Landungsbrücken ging oder ihn das Taxi dorthin zurückfuhr, ist noch unklar – ebenso wie die Frage, warum der 44-Jährige mit dem Taxi nicht bis zu seiner Familie in Buchholz fuhr und stattdessen in der Stadt blieb.

Gegen 0.40 Uhr wurde das Handy letztmals vor der „Rickmer Rickmers“ geortet, knappe 100 Meter vom Block Bräu entfernt, in dem Timo Kraus gefeiert hatte.

Über die sozialen Medien sucht der HSV mit enormer Unterstützung nach dem Vermissten. Die Ermittlungen der Polizei stocken aber, da die Beamten den Taxifahrer weiterhin nicht ausfindig machen können.

Der leitende Hauptkommissar Erster Kriminalhauptkommissar Jürgen Schubbert richtete einen Appell an mögliche Zeugen: „Es kann doch nicht sein, dass sich ein Fahrer, der dringend als Zeuge gesucht wird, nicht meldet. Haben Kollegen von ihm vielleicht gehört, wer dieser Fahrer sein soll? Eine Familie vermisst einen Ehemann und Vater, viele Menschen einen Freund und Arbeitskollegen. (...). Helfen Sie mit, das Verschwinden von Timo Kraus aufzuklären!“

Von einem weiteren Foto, das dem Aussehen von Kraus am Sonnabend nahekommt, erhofft sich der HSV Hinweise des Taxifahrers, der den Manager gefahren hat. Wie es vom Landesverband Hamburger Taxiunternehmer (LHT) heißt, waren am Sonnabend aufgrund der Eisglätte in der gesamten Innenstadt deutlich weniger Taxis unterwegs.

Das erschwere die Suche zusätzlich: Es haben sich anders als üblich gegen Mitternacht offenbar keine weiteren Taxis am Stand nahe dem Block Bräu aufgehalten, die das Geschehen um Timo Kraus hätten beobachten können.

Aufruf an alle Hamburger Taxifahrer

Bereits zu Beginn der Woche startete der Landesverband einen Aufruf an alle etwa 3000 aktiven Taxifahrer in Hamburg. „Es ist ein großes Thema derzeit. Wir haben die Unternehmen gezielt angesprochen, sie sollen auf alle Fahrer zugehen“, sagt der geschäftsführende LHT-Vorsitzende Michael Erdogan. Das Foto des Vermissten wurde demnach auch in mehreren „Whats-app“-Gruppen verbreitet, in der sich ständig jeweils bis zu 400 Fahrer austauschten.

Mit mehr als 2200 Taxiunternehmen ist die Branche in Hamburg jedoch sehr stark zersplittert – entsprechend hoch könnte das Risiko sein, dass der entsprechende Fahrer noch nichts von der Suche erfahren hat. Sprecher der beiden großen Dienstleister Taxi Hamburg (Tel. 666 666) und Hansa-Taxi (211 211) mit mehr als 1400 angeschlossenen Fahrern bezweifeln, dass eines ihrer Taxis am Sonnabendabend Timo Kraus befördert hat.

Stieg Kraus in ein unregistriertes Taxi?

Es habe in dem Bereich keine Anforderungen gegeben. Unter Fahrern geht das Gerücht, Timo Kraus sei möglicherweise in ein unregistriertes Taxi gestiegen. Die Polizei bittet alle Zeugen, sich unter der Telefonnummer 04181-28 50 beim Zentralen Kriminaldienst in Buchholz oder jeder anderen Dienststelle zu melden.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Nachrichten