Berlin

Warum wir an guten Vorsätzen scheitern

Berlin.  Jahr für Jahr das gleiche Spiel: Alles soll besser werden, dieses Mal wirklich. Die alten Vorsätze lauern noch als schlechtes Gewissen im Hinterkopf, da fassen wir schon neue. Für 2017 steht laut einer repräsentativen Umfrage der DAK ganz oben auf der Vorsatzliste: weniger Stress. Auch mehr Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen, gesündere Ernährung und mehr Sport sind Ziele, die sich die Deutschen gesteckt haben.

Was daraus geworden ist, wird sich Neujahr 2018 zeigen. Laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov haben die meisten im Jahr 2015 ihre Vorsätze nicht (18 Prozent) oder nur teilweise (59 Prozent) in die Tat umgesetzt. Die DAK-Umfrage kommt zu dem Ergebnis: 56 Prozent haben es 2016 geschafft, vier Monate oder länger durchzuhalten. Was hat die anderen aufgehalten, wenn die Vorsätze doch „gute“ sind?

Das Hirn signalisiert: Lieber weitermachen wie bisher

Die Erklärungen sind unterschiedlich, je nachdem ob man den Neurobiologen, die Motivationspsychologin oder den Neuroökonomen fragt. Gerald Hüther, der Neurobiologe, hat ein „banales Prinzip“ für das Nichteinhalten ausgemacht: „Jetzt wird es unromantisch: Die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns ist schuld“, sagt er. Dem Hirn gehe es vor allem um Ressourcenschonung, um das Haushalten mit Energie. Denn der Verbrauch ist gewaltig: Etwa 20Prozent der vom Körper bereitgestellten Energie nutzt das Hirn allein beim Liegen und Nichtstun. „Wer nun in seinem Leben etwas verändern möchte, beschert dem Gehirn ungewohnte Arbeit“, erklärt Hüther.

Das Gehirn versuche immerfort, die Beziehung seiner Nervenzellen so zu organisieren, dass es so wenig Ressourcen wie möglich aufwenden müsse. Wenn der Mensch nun von gewohnten Pfaden abweiche, koste das Kraft. Aktivierungsenergie nennt Hüther das, ein Begriff aus der Chemie. Einfach ausgedrückt beschreibt er die Energie, die benötigt wird, um eine Reaktion in Gang zu setzen. „Deshalb lautet die Antwort des Gehirns in der Regel: Lieber weitermachen wie bisher – selbst dann, wenn das Leben gerade nicht sehr komfortabel ist“, sagt Hüther, der als Professor an der Universität Göttingen gelehrt hat.

Ist der Mensch also ohne freien Willen, seinem Gehirn und den Prozessen in seinem Körper ausgeliefert? „Nein. Man kann jeden Vorsatz umsetzen. Es gibt nichts, was uns daran hindert“, sagt Hüther. Es komme nur auf das übergeordnete Ziel an.

Das kann Marie Hennecke von der Universität Zürich bestätigen. „Wichtig ist, sich konkrete Ziele zu setzen, die auch mit konkreten Handlungsanweisungen verbunden sind“, sagt die Motivationspsychologin. Der Vorsatz sollte nicht lauten: Im nächsten Jahr nehme ich ab. Stattdessen: Ich will bis Mai fünf Kilo abnehmen. Dafür besuche ich immer dienstags und freitags den Kurs im Fitnessstudio. „Die Menschen setzen sich häufig unrealistische Ziele“, weiß die Psychologin.

Außerdem neigten sie dazu, die Hindernisse, die sich ergeben können, auszublenden. „Die Menschen blicken sehr optimistisch in die Zukunft und vergessen, dass die Gründe, die sie im letzten Jahr schon gehindert haben, noch immer da sind.“ Hennecke rät zu einer Kombination: Man kann sich das Positive vor Augen führen, das mit dem Vorsatz erreicht werden kann, aber auch die Hindernisse, die im Weg stehen können – und dafür gleich einen Plan B entwickeln. Etwa: Wenn es regnet und ich nicht joggen gehen kann, mache ich eben ein paar Yoga-Übungen.

Entscheidend sei auch der Moment, in dem der Vorsatz getroffen werde, sagt Henneckes Kollege, Philippe Tobler, der sich als Neuroökonom an der Universität Zürich auch mit Entscheidungsfindung beschäftigt: „Es spielt eine Rolle, in welchem Zustand jemand einen Vorsatz trifft und in welchem er ihn später verwirklichen soll.“ Ob man nach den Feiertagen völlig übersättigt war und den großen Schwur leistet: ab jetzt nur noch gesund. Das sei aber reine Theorie. „Wenn es an die Umsetzung geht, ist erstens das Völlegefühl nicht mehr präsent und zweitens ist der Mensch vielleicht hungriger und gestresster.“

Die Herausforderung bei guten Vorsätzen liege darin, über den Moment hinaus in die Zukunft zu blicken, sagt die Motivationspsychologin. Der Versuchung im Heute zu widerstehen, um morgen davon zu profitieren: heute kein Kuchen, dafür in der Zukunft bessere Gesundheit. Heute lernen, statt auf dem Sofa zu liegen, später dafür einen Abschluss machen. „Menschen legen sich Entscheidungsalternativen zurecht und versehen sie mit einem Wert. Am Ende werden sie die Entscheidung mit dem höchsten Wert im gegenwärtigen Zustand auswählen“, erklärt Tobler.

Ob der Mensch sich dann für das kurzfristig oder langfristig Angenehme entscheidet, hat auch mit Willenskraft zu tun. „Es gibt Persönlichkeitseigenschaften wie Gewissenhaftigkeit oder auch Selbstkontrolle, die Menschen mitbringen und ihnen das Umsetzen von Vorsätzen erleichtern“, erklärt Hennecke.

Das trifft auch schon auf Kinder zu, wie der US-amerikanisch-österreichische Persönlichkeitspsychologe Walter Mischel bereits in den 60er-Jahren zeigte. Bei seinem „Marshmallow-Experiment“ setzte er Kinder alleine in einen Raum. Auf dem Tisch ein Marshmallow. Sie durften die Süßigkeit direkt essen oder warten und später als Belohnung zwei Marshmallows bekommen. Jahrzehnte später sahen sich die Wissenschaftler die Lebensläufe der Kinder an. Diejenigen, die sich bei dem Versuch unter Kontrolle hatten, hatten später tendenziell bessere Bildungsabschlüsse und führten stabilere Beziehungen.

„Würde kann ein Motor für Veränderung sein“

Selbstkontrolle lasse sich erlernen, sagt Marie Hennecke. Darauf wiesen einige Studien hin. Auch Gerald Hüther ist davon überzeugt. „Wichtig ist nur, dass das Ziel bedeutsam genug ist.“ Er ist sicher, dass vor allem eines die Menschen zu einer Veränderung bringt: „Ich würde das mit dem großen Wort Würde umschreiben. Sie kann ein ständiger Motor für Veränderung sein.“ Wer am Ende des Tages in den Spiegel gucke und sage: “Nein, so möchte ich nicht sein“, der werde auch am Ende sein Hirn dazu bringen, Automatismen abzulegen und neue Wege zu betreten.