Leukämie

Stephan hofft auf Hilfe aller Harburger

Mit Postern und Handzetteln versucht Stephan Leonhard möglichst viele Menschen dazu zu bewegen, sich als Stammzellspender registrieren zu lassen

Mit Postern und Handzetteln versucht Stephan Leonhard möglichst viele Menschen dazu zu bewegen, sich als Stammzellspender registrieren zu lassen

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Mit einer Typisierungsaktion will der schwer an Leukämie erkrankte Heimfelder Stephan Leonhard einen Stammzellspender finden.

Er ist ein Kämpfer. Auch wenn der Weg unüberschaubar ist, die Kräfte zu Ende gehen. Er macht weiter. Hat immer weiter gemacht. Grenzen überschritten und Ziele erreicht, die unerreichbar schienen. Einer wie Stephan Leonhard, der Marathon gelaufen ist, 4000 Kilometer mit dem Rad gefahren, der bei der Bundeswehr als Heeressoldat gedient und einen Tumor im Schienbein besiegt hat, gibt nicht auf.

Doch der Kampf, den er diesmal führt, ist sein schwerster. Der 39 Jahre alte Fachinformatiker hat Leukämie. Unzählige Chemotherapien liegen seit Ausbruch der Krankheit im Oktober 2015 hinter ihm. Doch seine Blutwerte sind nach wie vor katastrophal. Er gilt als austherapiert. Weder Medikamente noch Bestrahlung können noch helfen.

Seine einzige Chance ist eine Stammzelltransplantation. Doch in der weltweiten Knochenmarkspenderdatei gibt es bislang keinen passenden Spender. 6.893.792 Menschen sind bei der DKMS, ehemals Deutschen Knochenmarkspenderdatei, registriert. Doch keiner hat die gleichen Gewebemerkmale wie Stephan Leonhard.

Als klar ist, dass es keinen Spender gibt, entscheidet er: „Ich muss etwas dafür tun, dass einer gefunden wird.“ Er nimmt Kontakt zur DKMS auf, sucht Menschen, die ihn unterstützen und organisiert eine große Registrierungsaktion. Am 15. Dezember können sich all diejenigen, die helfen wollen in der Elb­LOGE am Veritaskai 6 durch einen einfachen Wangenabstrich mit einem Wattestäbchen registrieren lassen.

Es ist ein kleiner Schritt für eine große Sache. Denn nur, wenn ein passender Spender gefunden wird, hat Stephan Leonhard eine Chance zu überleben. Wenn ich keine gesunden Stammzellen bekomme, werde ich sterben. Das ist eine Tatsache.“ Er kann über seinen möglichen Tod sprechen, ohne die Fassung zu verlieren.

Ganz sachlich und ohne große Emotionen. Zu lange schon hat er mit der Krankheit gekämpft. Zu viele Täler durchschritten und Gipfel der Hoffnung erklommen. Und ist doch immer wieder abgestürzt. Jetzt kann er nichts mehr tun als warten.

Es fängt an mit einem Schnupfen im Oktober 2015. Stephan ist mit seiner heutigen Frau Doreen zur Hochzeit ihrer Schwester in Wiesbaden. Es wird gefeiert, auch draußen. Stephan erkältet sich. Er hat hohes Fieber, bekommt Antibiotika. Trotz der Schlappheit schleppt er sich zur Arbeit. Nachts rast das Herz, der Schweiß rinnt ihm wie Wasser vom Körper.

„Irgendetwas stimmt nicht mit mir“, das spürt er. Am Sonnabend, den 17. Oktober, macht er sich auf in die Notaufnahme der Helios Klinik Mariahilf. Als die Ärzte von seinen Symptomen hören, geht alles ganz schnell. Schockraum, EKG, Blutabnahme, CT vom Kopf bis zum Becken. Am Herzen wird ein faustgroßer Tumor gefunden, der auf die Herzarterie drückt. Er ist bösartig

Die Ärzte empfehlen eine Knochenmarktpunktion, da diese Art Tumor wahrscheinlich mit einer Leukämie einher geht. Der Verdacht bestätigt sich. Am nächsten Tag wird Stephan Leonhard ins UKE verlegt. Plötzlich gehört er zu den Schwerkranken, zu denen, die um ihr Leben kämpfen.

Die Diagnose der Ärzte lautet T-Zell ALL. Stephan leidet unter einer akuten lymphatischen Leukämie, die eigentlich nur bei Kindern auftritt. „Eine halbe Person von 100.000 hat diese Krankheit“, sagt er. Noch am Tag vor Beginn der ersten Chemo gibt er eine Samenspende ab. Er möchte sicher gehen, dass er noch Vater werden kann, sollte er wieder gesund werden. Als der Arzt ihn am 22. Oktober im UKE aufnimmt, sagt dieser: „Wollen wir mal sehen, dass wir sie bis Weihnachten durchkriegen.“

Stephan schöpft Hoffnung. „Weihnachten Zuhause“, denkt er. „Nein“, sagt der Arzt, „sehen, dass Sie Weihnachten noch am Leben sind.“ 84 Tage dauert der erste Block der Chemotherapie. Ohne Unterbrechungen. Stephan Leonhard spürt, wie die Kräfte schwinden, er immer weniger wird. Und das die Zeit knapp werden könnte für das Wichtigste. Noch in der Klinik macht er seiner Freundin einen Heiratsantrag. Am 1. Dezember 2015 werden die beiden im Raum der Stille der Uniklinik getraut.

Es folgen zwei weitere Chemotherapien von vier bis sechs Wochen. Im Mai schicken die Ärzte ihn nach Hause. Sein Blutbild soll sich stabilisieren. Stephan Leonhard weiß, dass er schon mehr geschafft hat, als ihm viele zugetraut haben. Dass er die Ärzte zum Staunen und die Pfleger zum Lachen gebracht hat, weil er einer ist, der nie seinen Humor verliert, auch wenn die Aussichten noch so düster sind.

Die meiste Zeit teilt er sein Zimmer mit Patienten, die psychisch am Boden sind. Er soll sie aufbauen. Stephan Leonhard kann das. Auch wenn er selbst sterbenskrank ist. Kaum Zuhause beginnt er schon wieder zu fotografieren. Das ist sein großes Hobby. Vor allem Flugzeuge. Er will leben. Doch sein Körper macht nicht mit.

Die Blutwerte bleiben schlecht. Im Oktober diagnostizieren die Ärzte eine zweite Erkrankung, MDS (Myelodysplastische Syndrome). Aus dieser kann sich eine weitere, andere Form der Leukämie entwickeln. In diesem Moment ist klar, dass nur eine Stammzelltransplantation Stephan noch retten kann.

Er wendet sich an die DKMS, holt Citymanagerin Melanie-Gitte Lansmann mit ins Boot. Die beiden kennen sich. „Stephan ist noch vor zwei Jahren im Drachenboot der Channel-Rats mitgefahren“, sagt Lansmann. „Ich schätze ihn sehr und unterstütze, wo ich kann.“

Gemeinsam organisieren sie einen Raum, drucken Poster und Handzettel, die über die Registrierung informieren. „Hilfe für Stephan!“ steht darauf. „Er hat Blutkrebs und braucht Ihre Hilfe. Werden Sie Stammzellspender.“ Stephan Leonhard hofft, dass viele hundert Menschen sich am 15. Dezember auf den Weg in den Binnenhafen machen, um ihre Spende abzugeben.

Er weiß aber auch, dass es dauern wird, bis die Daten ausgewertet sind. Viele Wochen und Monate. Und dass ihm so viel Zeit nicht bleiben wird. „Ich hoffe, dass ich aus einer der früheren Registrierungsaktionen, die jetzt ausgewertet werden, einen passenden Spender finde“, sagt er. „Und dass ich mit dieser Aktion viele Spender gewinne, die eines Tages anderen Leukämiekranken helfen können.“

So können Sie helfen

Die Registrierung neuer potenzieller Stammzellspender findet am 15. Dezember von 11 bis 17 Uhr in der ElbLOGE am Veritaskai 6 im Harburger Binnenhafen statt. Es gibt außerdem eine große Tombola vor Ort.

Als Stammzellspender kann grundsätzlich jeder, der gesund und zwischen 17 und 55 Jahre alt ist, registriert werden. Außerdem sollte der potenzielle Spender mindestens 50 Kilogramm schwer sein und kein starkes Übergewicht haben.

Einen geeigneten Spender zu finden ist unglaublich schwer. Entscheidend ist die Übereinstimmung der Gewebemerkmale zwischen Spender und Patient. Diese ist äußerst selten, da inzwischen über 13.000 verschiedene Gewebemerkmale bekannt sind, die in Abermillionen Kombinationen auftreten können.

Die Gewebemerkmale werden mit einem Bluttest oder alternativ durch einen Wangenabstrich bestimmt. Diesen führt die DKMS aus.

Die DKMS ist auf Geldspenden angewiesen. Denn obwohl die Kosten, die für die Registrierung anfallen, im Laufe der Zeit deutlich gesunken sind, müssen sie dennoch aus Spenden generiert werden. Weitere Infos gibt es unter www.dkms.de