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Müttern die Schau gestohlen

Garry Marshalls letzte Komödie „Mother’s Day“ weckt Sehnsucht nach seinen alten Filmen

Es ist immer wieder eine seltsame Sache, wenn im Kino ein Film von jemandem anläuft, der gerade gestorben ist. Erst recht, wenn der Film eine Komödie ist, wenn man also lachen soll, und doch immer dieses Grundgefühl des Bedauerns mitschwingt. Das gilt besonders bei Schauspielern, die man noch mal überlebensgroß auf der Leinwand sieht. Das gilt aber auch bei Regisseuren. Wie jetzt bei Garry Marshall.

Der Mann, der „Pretty Woman“ gedreht und damit Julia Roberts zum Star gemacht hat, ist vor fast genau einem Monat, am 19. Juli gestorben. Am Donnerstag, 25. August, startet nun postum „Mother’s Day – Liebe ist kein Kinderspiel“, sein 18. Spielfilm. Und noch einmal spielt Julia Roberts darin eine Schlüsselrolle. Es war ihr vierter Marshall-Film. Sie hatte sofort zugesagt.

„Es hilft, wenn man mit einem Star schon vor seinem großen Erfolg befreundet war“, hat Marshall mit seinem typisch trockenen Humor gemeint. Mit Roberts an Bord, so der Regisseur weiter, hätten dann auch alle anderen Stars des Films zugesagt. Als ob sie das nicht ohnehin getan hätten! „Wer kann schon Nein zu einem Gary-Marshall-Film sagen?“, hat Jennifer Aniston gesagt. Und streift damit auch einen empfindlichen Punkt. Natürlich kann es nicht schaden, mindestens einen Marshall-Titel in seiner Filmografie aufzulisten. Aber hier kam hinzu, dass man wohl ahnen konnte, dass dies sein letzter Film sein könnte, war Marshall doch beim Dreh schon 81 Jahre alt.

Wer kann da schon Nein sagen? Schon seine letzten Filme waren nicht mehr ganz auf der Höhe der früheren Filme, trotzdem hatte jeweils eine ganze Riege von Stars mitgemacht bei den immer sehr liebevollen, aber auch sehr harmlosen Episodenfilmen, die sich immer um einen Feiertag drehten, sei es „Valentinstag“ (2010) oder „Happy New Year“ (2011). Und genau so ist jetzt auch die neue Komödie gestrickt, die sich diesmal eben um Muttertag dreht.

Wieder geht es um eine ganze Reihe von Menschen, die verliebt oder verletzt oder beides sind. Und deren Schicksale sich mal mehr, mal weniger kreuzen, auf Spielplätzen, Schulveranstaltungen, Kinderpartys oder an der Supermarktkasse.

Da ist die Hausfrau Sandy (Jennifer Aniston), die hofft, dass ihr Ex (Timothy Olyphant) zu ihr zurückkehrt, der stattdessen aber eine Jüngere heiratet und hofft, dass ihre gemeinsamen Söhne auch seine Neue als Mutter annehmen. Da sind die Schwestern Jesse (Kate Hudson) und Gabi (Sarah Chalke), die beide ihre stockkonservativen Eltern belügen; die eine, weil sie mit einem Inder, die andere, weil sie mit einer Frau verheiratet ist. Da ist ein junger Comedian, der mit seiner Freundin längst ein Kind hat, aber darunter leidet, dass sie ihn nicht heiraten will.

Marshall glorifiziert und dementiert die Roberts als America’s Sweatheart

Julia Roberts, mit grotesker Perücke bestückt, scheint über allem zu stehen. Weil sie keine Mutter ist. Sondern eine Fernsehberühmtheit namens Miranda. Eine, die stets perfekt lächelt und in einer dieser ewigen Werbesendungen so scheußliche wie überflüssige Dinge wie Kristallstimmungsschmuck anpreist. Aber auch sie, so erfährt man irgendwann, hat eine Tochter, auch wenn sie die gleich nach der Geburt zur Adoption freigegeben hat. So glorifiziert Garry Marshall die Roberts noch einmal als America’s Sweatheart, dementiert das sogleich. Und macht seinen Star obendrein, das durfte wohl nur er, zu einer Großmutter. Nachdem sie in „Spieglein, Spieglein“ schon zu einer Hexe wurde, noch mal ein ganz neues Rollenfach für die 48-Jährige.

Aber ach, all das ist nur noch Marshall light. Lichtjahre entfernt von „Pretty Woman“. Oder von „Ein Goldfisch fällt ins Wasser“, den Marshall noch mit Kate Hudsons Mutter Goldie Hawn gedreht hatte. Ein paar Szenen sind diesmal leidlich komisch, einige auch anrührend. Und zumindest der Moment, wenn das lesbische Paar für die Muttertagsparade einen Umzugswagen in Form einer Gebärmutter baut, ist echt subversiv. Aber insgesamt ist „Mother’s Day“ doch betont betulich. So weich gespült, dass selbst die ultrarechten Eltern bald ein Herz zeigen. Und die Happy Ends sind so vorhersehbar wie das Frühstück, das man seiner Mama zu Muttertag ans Bett bingt.

Ein Abschied mit Wehmut also.

Nur eine Episode, die geht wirklich ans Herz. Es ist nicht die mit Julia Roberts, die es doch sein müsste. Sondern die eines Vaters (Jason Sudeikis), der seine Frau verloren hat und seine Töchter allein großzieht. Sie alle nun müssen ihren ersten Muttertag ohne sie verbringen. Immer wieder schaut sich der Witwer alte Videos mit seiner großen Liebe an. Und wenn die Töchter just am Muttertag verschwinden, ahnt man schon, wo man sie finden wird. Am Grab.

Ein Mann stiehlt hier, beim ­„Mother’s Day“, allen Müttern die Schau. Aber das hat natürlich auch damit zu tun, dass wir den Film jetzt, so relativ kurz nach Garry Marshalls Tod, mit ganz anderen Augen sehen. Und wie diesem Vater bleibt auch uns der Trost, dass wir uns noch immer die alten Filme anschauen können.

„Mother’s Day – Liebe ist kein Kinderspiel“ USA 2016, 119 Min., o.A.. R: Garry Marshall,
D: Jennifer Aniston, Kate Hudson, Julia Roberts, Jason Sudeikis, täglich im Cinemaxx Dammtor, Passage, UCI Mndsburg/Ohmarschen-Park/
Wandsbek; http://mothersday-liebe.de