Kolumne

35.000 Lexikon-Bände mit einem Klick

Irene Jung

Irene Jung

Foto: Andreas Laible / HA

Das Internet ermöglicht unserem Alltagswissen neue Dimensionen. Wie gehen wir damit um?

Christiaan N. Barnard (1922–2001), war ein südafrikanischer Chirurg und Medizin-Pionier, der 1967 die weltweit erste erfolgreiche Herztransplantation durchführte. Genau drei Zeilen lang ist dieser Eintrag in unserem „Familien-Lexikon“ – Band 1, AAC-DRE (Isis-Verlag) –, das wir vor Jahren von Onkel Rolf erbten. Fast jeder hat oder hatte einen Onkel Rolf, bei dem im Bücherregal neben Johannes Mario Simmel, Theodor Fontane und John Le Carré auch mehrbändige Lexika standen. Schön gebunden, Goldprägedruck, ein Hort des Wissens zum Herzeigen. Wie oft wir es benutzten, kann ich an einer Hand abzählen. Wenn ich heute etwas wissen will, klicke ich Wikipedia an. Barnards Wikipedia-Eintrag ist 50 breite Zeilen lang, hinzu kommen Listen mit Barnards Veröffentlichungen, Weblinks und die Quellen des Beitrags. Und gleich im ersten Absatz finde ich eine interessante Information, die im Familien-Lexikon fehlt: Der Patient der ersten Herzverpflanzung, Louis Washkansky, überlebte die Operation 18 Tage.

Eins zu null für Wikipedia. Aber wir wollen nicht ungerecht sein. Gedruckte Lexika sollten auf wenigen Zeilen das Wesentliche mitteilen, sonst hätten sie ja mehrere Regalmeter beansprucht. Im Internet gibt es keine quantitativen Vorgaben. Nach dem Start im Januar 2001 erreichte Wikipedia in der englischen Version schon nach vier Jahren 678.000 Einträge und überholte so die Encyclopædia Britannica. Die deutschsprachige Version umfasste damals mit rund 275.000 Einträgen mehr als der Große Brockhaus.

Die heutigen 36,9 Millionen Wikipedia-Einträge würden angeblich mehr als 35.000 Brockhaus-Bände füllen. Damit ist es vorbei: In nur 15 Jahren hat es Wikipedia geschafft, die Ära der gedruckten Lexika zu beenden. Vor zwei Jahren stellte der Traditionsverlag F. A. Brockhaus, der 1808 das erste deutsche „Conversationslexikon mit vorzüglicher Rücksicht auf die gegenwärtigen Zeiten“ herausgebracht hatte, den Vertrieb der Brockhaus-Enzyklopädie nach 21 Auflagen ein. Die Ency­clopædia Britannica machte mit ihrer gedruckten Version schon vor vier Jahren Schluss. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales, der gerade 50 Jahre alt wurde, hat wahrhaft die Welt bewegt. Was ihm vorschwebte, war ein freier Zugang zum Weltwissen für jeden Menschen. Nach einem ersten Versuch mit dem Onlinelexikon „Nupedia“, in dem Fachleute die Artikel bearbeiten sollten, wurde aber erst Wikipedia mit freiwilligen Autoren zum internationalen Erfolg. Inzwischen steht Wikipedia auf Platz sechs der beliebtesten Internetseiten der Welt und wird jeden Monat von fast einer halben Milliarde Menschen genutzt. Die Zahl der Klicks ist weit höher. Allein die deutsche Ausgabe wird eine Milliarde Mal im Monat aufgerufen.

Laut der Stiftung Wikimedia als Betreiberin schreiben weltweit mehr als 100.000 Menschen an dem Onlinelexikon mit, allein in Deutschland 5700 ehrenamtliche Autoren. Das kann ich mir lebhaft vorstellen: Täglich sitzen Tausende Heimatforscher, pensionierte Oberstudienräte und Professoren ab 6 Uhr früh über ihren PCs und wollen prägen. Sollen sie gerne. Allerdings verlangt Wikipedia klare Quellenangaben in den Einträgen. Sonst erscheint ein Warnhinweis. Die meisten Wikipedia-Einträge sind auf Englisch (5 Millionen), gefolgt von Schwedisch (2,5 Mio.) und Deutsch (etwa 1,9 Mio.). Zu den acht häufigsten Sprachen gehören außerdem Cebuano und Waray-waray, die beide auf den Philippinen gesprochen werden. Ich bin überrascht, dass es auch auf den Philippinen ein derartiges lexikalisches Sendungsbewusstsein gibt.

Wikipedia hat den Zugang zu Informationen weltweit verändert und beschleunigt. Wir Journalisten fragen uns manchmal: Wie haben wir eigentlich noch in den 1990ern gearbeitet? Oft mit Lexika, Hand- und Zeitungsarchiv. Dabei waren die Informationen auch nicht immer todsicher. Auch bei Wikipedia kommen immer wieder Falscheinträge oder sogar bewusste Fälschungen vor. Aber der User kann mitreden. Zum ersten Mal in der Geschichte gibt es Weltwissen umsonst und draußen, quasi. Dafür hätte Jimmy Wales eigentlich einen Online-Nobelpreis verdient.