Berlin

Beim Zeugnis zählen nicht nur Noten

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Kai Wiedermann

Berlin. Mehr als 240.000 Schüler in Hamburg bekommen am heutigen Mittwoch Zeugnisse. Tausenden Kindern, Jugendlichen und Eltern werden sie Sorgen bereiten, weil sie schlecht ausfallen – oder schwarz auf weiß bedeuten, dass es mit dem Abschluss nicht geklappt hat, Nachhilfe Pflicht wird, ein Schulwechsel oder eine freiwillige „Ehrenrunde“ sinnvoll erscheinen. Experten raten auch angesichts schlechter Noten zu Gelassenheit. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was sagt das Zeugnis aus?

„Rein rechtlich ist das Zeugnis zum Schuljahresende im Unterschied zum Halbjahreszeugnis ein amtliches Dokument, das Aussagen darüber trifft, ob die definierten Lernziele erreicht worden sind“, sagt Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes.

Für Ilka Hoffmann, Schulexpertin im Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), sind Zeugnisse und Noten fragwürdige Ins­trumente zur Leistungsmessung. Zur „objektiven Feststellung von Kompetenzen“ seien sie ungeeignet. „Das Zeugnis bildet vor allem einen Vergleich von Schülern in einer Lerngruppe ab“, sagt Hoffmann.

Was bewirken schlechte Noten
und Lernprobleme?

„Lernprobleme erwirken statt Neugier häufig Ablehnung oder gar eine Verweigerung – statt Lust begegnet uns Frust, statt Interesse und Engagement Angst und Zurückhaltung im Lernalltag“, schreibt in ihrem Buch „Was ist ein gutes Zeugnis?“ die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Renate Valtin. Während sich laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Fact zwei Drittel der Sechs- bis Achtjährigen auf Zeugnisse freuen, gab fast jeder Dritte 14-Jährige an, vor der Ausgabe gestresst zu sein. Zwölf Prozent in dieser Altersklasse berichteten sogar von Angst.

Wie sollten Eltern auf schlechte
Zeugnisse reagieren?

Im Idealfall sind Eltern vorbereitet: „Schlechte Noten fallen nicht vom Himmel“, sagt Ilka Hoffmann. Wenn der Kontakt zwischen Schule und Erziehungsberechtigten stimme, „gibt es keine bösen Überraschungen“, erklärt Heinz-Peter Meidinger.

GEW und Philologenverband raten dazu, Emotionen aus der Ansprache herauszuhalten. Schimpfen oder Schreien seien kontraproduktiv – ebenso Signale, die eine Katas­trophenstimmung erzeugten, etwa der Ratschlag, schlechte Noten vor Verwandten oder Bekannten zu verheimlichen. Erziehungswissenschaftlerin Valtin rät: „Die Situation annehmen, geduldig bleiben und Druck rausnehmen.“ Eltern sollten nicht ihre Wünsche und unerfüllten Träume auf ihr Kind übertragen. Sie sollten Kinder beobachten und realistische Anforderungen stellen.

„Eltern argumentieren in derartigen Situationen mit der hohen Bedeutsamkeit der Noten für den weiteren Lebensweg“, schreibt Valtin. Diese Betrachtungsweise sei verständlich, aber einseitig. „Eltern sollten Zeugnisse ernst, aber nicht zu wichtig nehmen“, rät Meidinger.

Warum ist es sinnvoll, ausführlich
über das Zeugnis zu reden?

„Schüler ab der Mittelstufe können ihre Noten relativ gut einschätzen und sagen, ob schlechte Ergebnisse am Arbeitseinsatz, am fehlenden Verständnis oder auch an Problemen in der Klassengemeinschaft oder mit dem Lehrer liegen“, sagt Meidinger. Generell sollten schlechte Noten oder das Wiederholen einer Klasse als Chance, nicht als Versagen betrachtet werden. Das sei für Eltern eine gute Basis, „um den künftigen Lernprozess wirkungsvoller zu beeinflussen“, so Valtin.

Was sollten Eltern ihren Kindern
konkret anbieten?

„Sie sollten ihre Kinder nach der sachlichen Analyse in jeder Hinsicht unterstützen“, sagt Ilka Hoffmann. Zur Analyse gehören auch das Gespräch mit der Schule, das Schaffen guter Lernbedingungen und eine realistische Einschätzung, wo Hilfe von außen notwendig sei. Heinz-Peter Meidinger sieht auch die Schulen in der Verantwortung: „Die Erziehungspartnerschaft zwischen Schule und Eltern muss sich bewähren. Auch die Schule muss eine Chance auf einen echten Neuanfang bieten und Schülern das Gefühl vermitteln, dass sie wieder Erfolge haben können.“

Eltern rät Meidinger, ihre begleitende Rolle zu hinterfragen und langfristig auszurichten. „Wir tendieren manchmal dazu, in den alten Trott zu verfallen, sobald es einigermaßen wieder läuft.“ Renate Valtin mahnt dabei Augenmaß an: „Viel“ – etwa in puncto Üben – bewirke nicht immer viel.

Was raten die Experten Eltern
zur Bestätigung guter Noten?

„Gute Noten mit Geld zu belohnen, halte ich pädagogisch nicht für sinnvoll“, sagt Ilka Hoffmann. Dies betone zu sehr das schnelle Lernen, das sich wenig an Inhalten orientiere. Besser sei es, Kinder und Jugendliche zu loben.

Heinz-Peter Meidinger glaubt, dass die Reduktion des Belohnens auf Geld Kindern „sowieso zu wenig ist, auch wenn sie das gerne mitnehmen“. Es gehe vielmehr um individuelle Ansprache und Anerkennung. „Wer zu pauschal und teilnahmslos lobt, zieht sich aus dem Interesse heraus, das merken Kinder.“ Differenziertheit bedeute auch, Noten richtig einzuschätzen. „Manche haben für eine Drei viel gekämpft, andere mussten für eine Eins wenig tun, daran sollten Eltern Anteil nehmen.“

Der Fact-Umfrage zufolge haben Schüler in Sachen Reaktion der Eltern übrigens klare Vorstellungen: 60 Prozent wünschen sich Lob für gute Leistungen, 39 Prozent Aufmunterung bei schlechten Noten. Eine Belohnung erhofften sich nur 30 Prozent.

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