Hamburg

Keine Angst vorm Pflegeheim

Durch Ansprache und Aktivitäten leben einige Bewohner in den Einrichtungen richtig auf

Hamburg.  Warum haben so viele alte Menschen Angst davor, in ein Pflegeheim zu gehen? Liegt es an den zuweilen negativen Schlagzeilen, die Missstände in Einrichtungen oder Fälle dehydrierter Bewohner aufgreifen? Holger Carstensen, Pflegedienstleiter des Stadtdomizil Altenpflege-Zentrums in der Lippmannstraße, kann sich gut vorstellen, dass genau solche Einzelfälle für einen oftmals schlechten Ruf der Einrichtungen sorgen. Mit der Realität haben sie jedoch meistens wenig zu tun.

Während der Besuch einer Kita als sehr positiv für die soziale und kognitive Entwicklung des Kindes bewertet wird, halten viele Menschen ein Pflegeheim eher für einen Ort des Schreckens, den man doch lieber meiden sollte. Dabei gilt hier wie in einer Kita: erfahrene und freundliche Menschen kümmern sich, pflegen, wechseln Wäsche, reichen Essen – und schenken Ansprache, sorgen für soziale Kontakte und unternehmen gemeinsam Ausflüge.

„Gerade auf St. Pauli verbessern sich sogar viele Menschen, wenn sie zu uns kommen“, sagt Holger Carstensen. „In unserem Viertel hat man vielleicht nicht durchgehend gearbeitet in seinem Leben. Und geheiratet hat man vielleicht auch nicht aber gerne getrunken und viel geraucht.“ Der fröhliche Pflegedienstleiter arbeitet sichtlich gerne in der großen Einrichtung an der Grenze zu St. Pauli – dem Viertel in Hamburg mit der höchsten Anzahl Alleinlebender. Mit 40 Prozent Männern ist das Verhältnis von Männern zu Frauen hier nicht gerade repräsentativ, auch dass 20 Prozent der Bewohner jünger als 65 Jahre sind, ist alles andere als typisch. „Der beschriebene Lebenswandel geht oft einher mit schlechter Ernährung, wenig Bewegung, und jahrzehntelangem Nikotingenuss. Das kann Durchblutungsstörungen und damit Demenz begünstigen“, sagt Carstensen. Die vielen „Jungen“, die hier sind, sind meist demenziell erkrankt.

Auf Mobilität wird im Stadtdomizil viel Wert gelegt

„Was bedeutet eigentlich Pflege?“ fragt Carstensen. „Wir sehen es als soziales Auffangen und Hilfe bei den Funktionen im Alltag. Und gerade Demenzkranke brauchen die Verbindung zu Mitbewohnern“. Das Stadtdomizil, eine Facheinrichtung für Gerontopsychiatrie, ist spezialisiert auf Demenzkranke. Meist entwickeln diese zu Beginn der Erkrankung schwere Depressionen. Kontakt zu Mitbewohnern und Betreuern ist für sie extrem wichtig, ebenso Bewegung. Das zwanghafte Auf- und Ablaufen hilft gegen diese Depressionen, genauso wie die ständige Kontaktaufnahme zu Betreuern und Mitbewohnern.

An den Nachbartischen ist gerade die Aquarellgruppe aktiv. Die Frauen – einige von ihnen sitzen im Rollstuhl – malen konzentriert ihre Bilder, die im Anschluss von dem Pädagogen allen Teilnehmern gezeigt werden. „Hier bekommt man doch gleich Lust, ans Meer zu fahren“, sagt dieser und hält das leuchtend blaue Gemälde hoch. Der große Speiseraum ist hell und sonnig, die Gruppe Senioren betrachtet in aller Ruhe die Bilder. Die meisten kommen mit Pflegestufe 1 ins Stadtdomizil, das bedeutet täglich bis zu 119 Minuten Hilfe bei der Körperpflege, beim Waschen, Anziehen und Essen. Bleiben können die Bewohner bis zum Schluss. Ein spezielles Hospitz- und Palliativteam kümmert sich um die letzte Lebensphase.

„Egal, welche Pflegestufe unsere Bewohner haben – bei uns gibt es eine hundertprozentige Mobilitätsrate“, sagt Holger Carstensen. „Das bedeutet, dass bei uns alle Menschen zum Essen ihr Zimmer verlassen und zusammenkommen.“ Mobilität wird groß geschrieben in dem fünfstöckigen Gebäude. Man geht zusammen ins Theater, auf Konzerte, zu Fußballspielen. Im Sommer fahren die Bewohner gruppenweise in den eigenen Schrebergarten. Da wird im Garten gearbeitet, geerntet und anschließend zusammen gegessen. Wer möchte, macht nur letzteres – genießt die Ausflüge aber trotzdem.

Die durchschnittliche Verweildauer in einem Pflegeheim liegt bei sechs bis zwölf Monaten, im Stadtdomizil bleiben viele Bewohner wesentlich länger. 70 Prozent der dort lebenden Menschen sind Sozialhilfeempfänger.

Reicht die Rente nicht, wie auf St. Pauli durchaus üblich, zahlt das Sozialamt – sofern keine Kinder da sind. Gibt es Nachkommen, wird das Familieneinkommen als Bemessungsgrundlage veranschlagt und nach einem Anteil für den Eigenbedarf der Aufenthalt den Familien in Rechnung gestellt. Die monatlichen Heimkosten setzen sich aus den Pflegekosten, den Unterkunftskosten, den Kosten für Verpflegung, den Investitionskosten und den Kosten für mögliche Zusatzleistungen zusammen.

Wer weiß, dass seine Rente für die zu erwartenden möglichen Kosten nicht ausreichen wird und seine Kinder nicht belasten möchte, kann durch eine Pflegetagegeldversicherung vorsorgen.