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Gestatten, Pianist

... und manches mehr. Der Weltbürger mit ungarischen Wurzeln ist Porträtkünstler beim Schleswig-Holstein Musik Festival 2016.

Wenn ein Pianist es sich leisten kann, sein Konzertrepertoire selbst zu setzen, dann ist das Kräfteverhältnis zwischen ihm und dem Musikbetrieb klar. Außergewöhnlich klar. So außer­gewöhnlich wie die ganze Persönlichkeit von András Schiff: als ungarischer Jude geboren, entschlossen politischer Kopf, heute Österreicher, Brite und von der Queen höchstselbst in den Ritterstand erhoben.

Wer Sir András einmal auf der Bühne erlebt hat, weiß es: Der Mann macht keine Kompromisse. Er spielt nicht, wie es die Mode gebietet, sondern setzt seine eigenen Maßstäbe und nimmt genau und nur das an, was ihn überzeugt. Beethovens Diabelli-Variationen hat er vor einigen Jahren gleich doppelt eingespielt, einmal auf einem Bechstein (nein, gerade nicht auf einem Steinway) und einmal auf einem Brodmann, einem Hammerklavier der Beethovenzeit.

Indem das Festival ihn als Porträtkünstler in den Mittelpunkt des Programms stellt, setzt es ein Signal. Schiff steht nicht für Mainstream. Er arbeitet nicht mit der Gießkanne, sondern mit dem Silberstift oder auch mit dem feinen Meißel und so eigenwillig, wie sich das Haar des mittlerweile 62-Jährigen seit jeher und auch in Schneeweiß noch kräuselt. Auch deshalb ist der Haydn-Schwerpunkt des Festivals für ihn wie gemacht. Mit Bach und Beethoven, den Polen von Schiffs künstlerischem Universum, verbinden Haydn die gedankliche Tiefe und Struktur, die der Pianist so meisterhaft zum Klingen bringen kann.

Jedes seiner zehn Konzerte beleuchtet eine andere Facette seines Künstlerdaseins. Den Anfang machen Bachs „Goldberg-Variationen“, ein Gipfelwerk der Klavierliteratur (11.7., Flensburg). Bevor Schiff sich jedoch auf den Weg macht, stattet er sein Publikum in einem Einführungsvortrag mit geistiger Bergsteigerausrüstung aus. Die Beziehung zu seinen Hörern ist ihm nämlich besonders wichtig: „Ich liebe das Publikum, und für mich ist es ein aktiver Teil des Geschehens.“

Den Klavierabend am 8. August in Büdelsdorf widmet Schiff Mozart, Beethoven und – natürlich – Haydn. Viel Raum nimmt auch die Kammermusik ein. Schiff spielt Klaviertrio mit seiner Frau Yuuko Shiokawa und seinem Landsmann, dem Cellisten Miklós Perényi (12.8., Itzehoe). Mit dem Jerusalem Quartet (18.7., Wotersen) und mit Musikern der von ihm gegründeten Cappella Andrea Barca (14.8., Kiel) führt er entlegene Kostbarkeiten der Quintettliteratur auf, aber auch Evergreens wie das Forellenquintett von Schubert.

Natürlich darf Gesang nicht fehlen, am 13. Juli gibt er in Rellingen eine „Schubertiade“ – am Hammerklavier – mit der Sopranistin Anna Lucia Richter. Am 16. Juli gehen Schiff, der Deutsche Kammerchor und Solisten unter der Leitung des Oboisten Heinz Holliger in Lübeck auf „Pilgerfahrt“ zu Schumann. Teamplayer kann er nämlich auch.

Und bei der Cappella mit dem hübsch ­beziehungsreichen Namen agiert Schiff nicht nur als Solist, sondern dirigiert auch noch (15.8., Hamburg). Was für ein Spektrum!